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Schrift und Stein

Sprich strenger Stein

Die Dichterin Felicitas Frischmuth und der Bildhauer Leo Kornbrust

Der Bildhauer Leo Kornbrust mit seinen Steinkörpern und ich (Felicitas Frischmuth, genannt “Fee“) mit meinen Wörtern. Eine alte Sache natürlich, die Kombination von Schrift und Stein und eine noch immerwährend aktuelle, in den Grabsteinen fortlebende.
Fees Texte, von Leo in Stein “geschrieben”, das Denkmal als Liesmal. Wobei der Text den subjektiv wahrgenommenen Ort in Assoziationsketten frei reflektiert.

ZUM ERINNERN ZUM GEDENKEN heißt es auf der Schriftsäule mehrfach geknickt von 1972 am Rathaus in St. Ingbert, einer der ersten Gemeinschaftsarbeiten von Leo Kornbrust und Felicitas Frischmuth.. Hier ist der Text noch in den Stein gemeißelt. Die Symbiose von Stein und Schrift vermittelt so richtig erst der lebendige Fluss von Leos Handschrift mittels Vidia-Griffel oder sandgestrahlt. Dazu Fee 1995: wie sehr Skulptur und Text inhaltlich und auch formal miteinander verbunden sind, wie eng und innig sie zusammengehören. Leo sagt, ohne Schrift ist die Säule leer. Und Leo in einem Brief vom 22. 12. 2016: Die Sprache suchte ich immer und mit Fee war sie plötzlich bei mir.

Die großen Schriftsäulen von Leo und Fee stehen meist in städtischen Szenarien. An Straßen und Plätzen, auf Gebäude bezogen, kontrapunktisch jedoch. Sie behalten ihr Eigenleben. Fee: ich muß mich durch einen Flözarm von Wörtern arbeiten um dich zu verstehen hören lieben durch das was Wörter hinterlassen verursachen, heißt es am Anfang der Schriftspirale auf dem Schwabinger Stein in München. Sinnfälliger kann man Gedichte nicht “veröffentlichen”.

Die große Saarbrücker Schriftsäule, “schwarzer Granit, viereckig”, von 1989 steht im Ensemble der Modernen Galerie des Saarlandmuseums. Wegen des Erweiterungsbaues der Modernen Galerie musste die fast 10 m hohe, 60 x 60 cm schlanke und 9 Tonnen schwere Stele am 1. Juni 2016 um 50 Meter versetzt werden – in Unglücksfällen Achtung/beim Transport großer Kunstwerke – mahnt die Schriftsäule. “Eingeschrieben” von Leo auf zwei Seiten Texte von Fee (mit ihrer Empfehlung: beim Lesen muß man aufpassen/wie auch beim Überqueren der Straße). Der Leser kommt als Grenzgänger: Fuß Grün Liebe Standort/ach Grenze frontière […] eine lebendige Stadt/la cittá la più nera dell Europa […] die Stadt verändert sich/an einem Frühlingstag kriegen wir Flügel/wir durcheilen das Schwarze/der Freund reicht uns oben am Friedhof/einen blühenden Kirschenzweig/Kaiserstraße Bahnhofstraße Berliner Promenade/Eis Musik wer wird mit mir gehen? Letztendlich sind wir wieder vor Ort, am Saarbrücker Kulturufer: aus der Musikhochschule rudern/feierlich die Cellospieler heraus/die Dirigenten und Flötisten sitzen/sicher im schwarzen Nachen mit den/Landesfarben Fuß Grün Liebe Standort/Verbot jeglicher Mythologie.

(Felicitas Frischmuth: Stein und Schrift. In: Raum Wort Skulptur, Leo Kornbrust. Hrsg. Institut für aktuelle Kunst im Saarland. Saarbrücken 1995.
Leo Kornbrust, Werkverzeichnis der Skulpturen 1952-1999. Band II 1999-2011. Hrsg. Stadtmuseum St. Wendel. Dort auch die Texte)

Foto: Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass

Die kleineren Skulpturen sind fast durchwegs in Privatbesitz oder (noch) im Besitz des Künstlers. Darunter 15 Schrifttafeln aus schwarzem Granit von 2002-2005, allesamt mit Gedichten aus “Papiertraum”, verlegt 1977.

Geplant ist ein kleines Museum im Skulpturengarten An der Damra, dem Wohnsitz von Leo und Fee zwischen St. Wendel und Baltersweiler. Eine Schriftsäule, sandgestrahlt, steht dort schon:
An der Damra habe ich den Mond gesehen, die Bäume, die Luft, die Nacht.