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Natalie Zimmermann

geb. 05. April 1903 in Losheim, Kreis Merzig-Wadern, gest. 26. Sept. 1978 in Neunkirchen, Kreis Neunkirchen; begraben in Losheim

Als Schriftstellerin war die Jugendpädagogin und Volksschullehrerin Natalie Zimmermann, wie der Saarbrücker Literaturwissenschaftler Günter Scholdt sie einschätzte, eine vom „produktiven Autorenjahrgang um 1900“. Wie Maria Croon, so Scholdt, habe sie „landauf, landab das Lied von den kleinen, überschaubaren Räumen“ mitgesungen, „worin die Sehnsucht nach Abschottung von einer bedrohlich empfundenen Außenwelt zum Ausdruck kam“. Produktiv sind beide gewesen, und beide Autorinnen haben ihr Werk als kleinformatige Lyrik und Prosa in zahllosen Zeitungen, Zeitschriften, Kalendern und Almanachen verstreut. Maria Croon hat es verstanden, ihre Gedichte und Erzählungen auch in Büchern zu bündeln, Natalie Zimmermann nicht. Im Saarländischen Almanach 1972 hat die Autorin ihre Schreibleistung – „schöngeistige Prosa, Berichte, wissenschaftliche Berichte, moderne Lyrik“ – über einen Zeitraum von dreißig Jahren hinweg auf „in jedem Jahr zwischen ein- und zweihundert Drucklegungen“ beziffert. Da muss, wer recherchiert, sich alles mühsam zusammensuchen in einem Fass ohne Boden. Hans Bernhard Schiff jedoch betonte in seinem Nachruf auf die Dichterin, nicht die Menge ihrer Publikationen zeuge von ihrem Schaffen, „sondern das, was sie unmittelbar ihren Zuhörerinnen und Zuhörern gab“

Wie eine Tempelpriesterin

Heute ist Natalie Zimmermanns umfangreiches Werk weitgehend in Vergessenheit geraten. Den einzigen Zugang dazu bilden die Jahres-Ausgaben des Saarländischen Almanach und – was noch auszuwerten wäre – ein Teilbestand mit Autographen im Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass, schließlich ein Band mit ausgewählten 40 Gedichten und 24 Kurzprosa-Stücken Stücken, den der Gollenstein-Verlag, damals noch in Blieskastel, herausbrachte: „Spur aller Zeit. Lyrik und Prosa“. Das war 1993, fünfzehn Jahre nach Natalie Zimmermanns Tod.

Dank ausführlicherer Beiträge ihrer Lebensgefährtin, Kollegin und Nachlassverwalterin Agnes Hanz und des Autors bzw. Literatur-und Sprachdidaktikers Guido König stellt das Gollenstein-Buch auch biographische Informationen zur Verfügung. Und es vermittelt eine Vorstellung von der Erscheinung und Persönlichkeit der Autorin: Eine unnahbar wirkende Frau, die ihre Lesungen „in ebenso sonorer wie markanter Stimme“ gestaltete und ihre Auftritte sorgfältig in Szene zu setzen wusste. Guido König erinnert sich an seine erste Begegnung mit ihr im Café Vom Walde in Neunkirchen, wo Natalie Zimmermann seit 1958 lebte: „Eine hohe, überschlanke Gestalt mit blassen, durchgeistigten Gesichtszügen durchschritt in einem wallenden Gewand den Raum und begab sich in die vorderste Reihe der Anwesenden zu eigens freigehaltenen Plätzen. Sie glich einer ‚Tempelpriesterin‘ und erinnerte in Gehabe und Gebaren an den berühmten Dichterkollegen Stefan George“. Aber auch ein bisschen wie Virginia Woolf (1882-1941) könnte sie ausgesehen haben; jedenfalls ruft das einzige veröffentliche Foto der Schriftstellerin ein Porträt in Erinnerung, das der amerikanische Fotograf Man Ray (1890–1976) von der berühmten englischen Dichterin – allerdings in deren jüngeren Jahren – aufgenommen hat.

Natalie Zimmermann wuchs als Tochter eines Lehrers in Losheim auf, in ländlichem Milieu zwar, aber weniger abgeschieden als etwa Rimlingen oder Rissenthal. Immerhin wurde das damalige Losheim wenige Monate nach ihrer Geburt mit einem eigenen Bahnhof ans Schienennetz der Merzig-Büschfelder Eisenbahn (MBE) angeschlossen. Aus ihrer Familie bezog Natalie Zimmermann ihre katholische Religiosität, ein nahezu preußisches Ideal von Pflichterfüllung, Hilfsbereitschaft ihren Nächsten gegenüber, und eine enge emotionale Bindung an das, was für sie Heimat war – vor allem Losheim, das sie in ihren Gedichten verewigte. Aber nicht das neuere, relativ städtische Losheim, sondern das alte, dörfliche: „meine Heimat ist jedenfalls nie Stadt, immer Dorf. So schrieb sie in ihrem Kurz-Text „Die neue Stadt“. ZITAT

Heimatliebe und Weltoffenheit

Die Sehnsucht nach der Heimat, um noch einmal auf Günter Scholdt zurückzukommen, entstand aber nicht aus der Nähe, sondern aus der Ferne. Das Geheimnis der Sehnsucht ist die Abwesenheit. Natalie Zimmermann ist schon früh aus Losheim herausgekommen und hat die meiste Zeit ihres Lebens anderswo zugebracht. Die Eltern erkannten früh ihre Begabung und schickten sie auf Schulen in Luxemburg und Euskirchen. Ihre pädagogischen Studien führten sie nach Freiburg im Breisgau und später nach Lauenburg, und die anschließende Berufstätigkeit als Jugendleiterin und Seminar- Oberlehrerin nach Trier, Köln und ins badische Herten. Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, kehrte sie ihrer alten Eltern wegen ins Saarland zurück, arbeitete als Volksschullehrerin in Rimlingen (heute Ortsteil von Losheim am See), Steinberg (heute Stadtteil von Wadern) und schließlich im heutigen Losheimer Ortsteil Mitlosheim. Als sie dann nach dem Krieg wegen schwerer Krankheit nicht weiter im Schuldienst bleiben konnte, konzentrierte sie sich ganz auf das Schreiben – und auf das Reisen. Nun fand sie Zeit, mehr von der Welt zu sehen; es hatte sie immer nach draußen gezogen, und ihre in Lyrik und Prosa artikulierte Heimatliebe verstand sie nie als Verdrängung oder Herabsetzung der „großen“ Welt. Vielmehr ging sie davon aus, dass Liebe zur Heimat und Weltoffenheit sich gegenseitig bedingten. Und provinziell war sie ganz und gar nicht. Oft zusammen mit ihrer Freundin Agnes Hanz bereiste sie alle fünf Kontinente, war in Japan, den Niederlanden und in Jugoslawien, erhielt in Schweden die Polartaufe, erstieg den Vulkan Askja auf Island, fuhr durch den Irak, durch Kuwait und das heutige Namibia, schipperte auf einem Bananendampfer nach Costa Rica, querte drei Himalaya-Pässe auf der Reise durch das noch unentdeckte nordindische Ladakh. Auf diesen Touren bestand sie manche brenzlige Situation und schrieb wie besessen, erinnert sich Agnes Hanz: „In allen möglichen und unmöglichen Situationen – im Zug, auf dem Bahnsteig, irgendwo unterwegs – griff sie zum Stift, um ihre Gedanken zu Papier zu bringen.“

So sind wohl auch die kurzen Prosatexte in „Spur aller Zeit“ entstanden. Leider hat die Edition keine Entstehungsjahre vermerkt; in einigen Fällen kann man sie immerhin erraten, zum Beispiel, wenn Natalie Zimmermann eine Begegnung in Freiburg im Breisgau erzählt („Ich danke Ihnen, Frau Majorin!“) – dort hat sie um Anfang der 1920er Jahre einige Semester studiert.

Reiseberichte enthält die Gollenstein-Anthologie nicht; wenn man jedoch ihr Prosastück „Osaka“ (1972) als Modell heranzieht, dann macht die Autorin es ihren Lesern und Leserinnen nicht einfach, ihr zu folgen. Eine Erzählerin spannender Handlungen in unserem heutigen, windkanalgetesteten Sinne ist Natalie Zimmermann jedenfalls nicht geworden. Aber in den kurzen, oft anrührenden Geschichten der Gollenstein-Edition scheinen hin und wieder ein lakonischer Witz und ein Gespür für verfahrene Situationen auf. Die Autorin wendet sich in Liebe den durch Not, Krieg oder andere Lebenskrisen Beladenen zu, Menschen mit gebrochener Biographie, und richtet es so, dass das Gute siegt.

Weisen die Kurzgeschichten immerhin wenigstens eine gewisse Dosis Unterhaltsamkeit auf, so ist die Lyrik der Natalie Zimmermann stets auf Höheres gerichtet, vergeistigt, nicht zum Anfassen. Die Leserschaft soll geläutert, nicht unterhalten werden. Dann aber begegnen wir Versen, die sich mit Großen messen könnten – zum Beispiel ihr an Worten knapper, an Wahrnehmung umso reicherer „Oktobertag“; er fügt sich in eine Reihe mit Rilkes „Herbsttag“ oder Nietzsches „Vereinsamt“. ZITAT

In ihren Altersgedichten sind Tod, Vergänglichkeit und das unaufhaltsame Verrinnen der Zeit die Themen. Geschrieben hat sie bis zum Schluss, und auch ihr Drang hinaus in die Welt war trotz Krankheit unvermindert. Natalie Zimmermann starb, 75 Jahre alt, mitten in den Vorbereitungen zu einer großen Reise nach China.

Macht es Sinn, diese Dichterin aus der Vergessenheit zu holen? Nach Guido König gehörte Natalie Zimmermann „zu den Lyrikerinnen, die immer nur die als Leser bekommen, die von Haus aus eine ihr ähnliche Verfassung mitbringen“. Wenn dem so ist, schließt es nicht aus, dass es auch heute solche Leser gibt. Um zu entscheiden, ob etwas vergessen bleiben soll oder nicht, muss man es aber kennen, also aus der Vergessenheit holen. Auch Losheim, das zur Stadt mutierte Dorf, wird es danken. (IP)