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Johannes Kühn

geb. 2. Februar 1934 in Bergweiler, einem idyllischen Saardörfchen am Schaumberg.

Foto als der Autor auf einer Bank sitzt und liestEiner der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Gegenwart. Seine leise Stimme wird den literarischen Tageslärm übertönen (Wulf Kirsten, 1991).
1936 zog die Familie nach Hasborn. Der Vater war Hauer im Bergwerk von Stiring-Wendel in Lothringen, Johannes das erste von neun Kindern.

Ich brauche nicht
über mein Leben zu sprechen,
weil ja alles
in den Gedichten steht.

Diese Worte von Johannes Kühn erlauben, anhand einiger Zitate einen kurzen Überblick über sein Leben zu gewinnen.

Schon als Schüler des Gymnasiums im Missionshaus der Steyler Missionare bekannte Johannes Kühn seinem Freund Benno Rech: “Ich will Dichter werden”. Wurde und ist es sein langes Leben. Der Ruhm kam spät. Zunächst war nur Ablehnung, Spott und Unverständnis. Wegen Krankheit musste Kühn 1953 noch vor dem Abitur das “Missionshaus” verlassen, studierte dann mit Freunden als Gasthörer in Saarbrücken und Freiburg. Ab 1963 war Kühn zehn Jahre Hilfsarbeiter im Straßenbau. Und schrieb trotz Schwerstarbeit weiterhin Gedichte, Märchen und “Kleine Spiele”.

„Lieblinge (letzter Vers):
In einer lustigen Viertelstunde/hat er mal seine Lieblinge aufgezählt,/ich war nicht dabei,/ich fragte, wieso bin ich nicht dabei,/beim Kanalflicken/an den Schweineställen/des dicksten Dorfbauern/hab ich nicht ein einziges Mal kotzen müssen./Du, sagt er, du bist mein Liebling,/wenn du die Fresse hältst. Seitdem,/ wenn es danach geht, bin ich sein größter Liebling.“
(Salzgeschmack. Mit Zeichnungen von Hans Dahlem. Saarbrücken 1984, Verlag Die Mitte.) Den Herausgebern, Irmgard und Benno Rech, standen nahezu 8000 Gedichte zur Wahl, die Kühn ab 1960 seinen Freunden geschickt hatte. “Aber ich konnte nie etwas für meine Verse, sie kamen und kommen.” aufnahme während den Filmaufnahmen für das Literaturportal. Der Autor steht auf einer Wiese und liest

Wanderkreise

Seit 1973 lebt Kühn als freier Schriftsteller, ist er nur Dichter. Und zieht, tagein tagaus, jahrein jahraus, seine “Wanderkreise” um den Schaumberg.
Ich bin/in meinen Wanderkreisen/genügsam, ich streichle den Teich.“ (Sommerstunde, Stimmen der Stille. Saarbrücken 1970, Verlag Die Mitte)“

Trotz Förderung anerkannter Schriftsteller, des Verbandes Saarländischer Autoren, der Redakteure des Saarländischen Rundfunks sowie der Saarbrücker Zeitung, des Verlegers Karl August Schleiden: der Erfolg blieb aus.
In der “funk postille” des SR 1971 wurden fünf Gedichte veröffentlicht. Johannes Kühn an Fred Oberhauser: “Ich schätze, dass ich ein Exemplar erhalte, vor allem deshalb, weil ich mich als lyrikschreibender junger Mann hier in meinem dörflichen Bereich, in meiner Familie, bei meinen Freunden manchmal noch angegriffen sehe, daß ich nämlich recht häufig schreibe, daß aber nirgendwo etwas von mir zu lesen sei. Wenn ich bei solchen Angriffen etwas vorzeigen kann, ist mir das immer sehr recht.”

Sieben Jahre zuvor noch, 1964, hat Kühn an Frau Thinnes vom Minerva Verlag zehn Mundartgedichte “geliefert“, er stellt – mit vielen herzlichen Grüßen – 10,70 DM in Rechnung: “Brauche das Geld, um mir Stumpen zu kaufen” Und endet: “Es kommt jetzt ganz auf ihre Bezahlung an, ob sie der saarländischen Literatur einige neue Gedichte zugewinnen. Sie haben es ganz in der Hand. Erweisen Sie sich Ihrer Aufgabe als würdig!”
Das hört sich noch sehr selbstbewusst an. Doch Anfang der 80er Jahre resigniert Kühn, hört mit Schreiben auf und verstummt.

Schuttabladeplatz, letzter Vers:
Blätter voll von Gedichten,
die keiner las und liest?
Wird dann ein Rabe auch so sitzen
auf der durchlöcherten Tonne
und leerschrein den Hals?

(Ich Winkelgast. München 1989, Verlag Karl Hanser. Mit 75 Gedichten von 1963 bis 1983)

Eine Zeichnung von einer bunten Vase auf einem Tisch stehend vor blauem Hintergund mit Sonne

Filzstiftzeichnung von Johannes Kühn

In dieser ausweglosen Situation beginnt Kühn mit bunten Filzstiften auf DIN-A-4 Blätter zu zeichnen: “Ich habe gemalt, um mich zu regenerieren – hochverrückt und bizarr gemalt.”

Ende der 80er Jahre kommt die Wende. 1988 erhält Johannes Kühn den Kunstpreis des Saarlandes. Mit “Ich Winkelgast” beginnt – von Ludwig Harig vermittelt – die Herausgabe vieler seiner Lyrikbände bei Hanser in München. Das macht den hierzulande kaum beachteten Dichter weit über die Region hinaus bekannt. Vor allem aber ist es die unermüdliche Zuwendung von Irmgard und Benno Rech, die ihren Freund Johannes ermutigt und fordert.

2002 wird Johannes Kühn Ehrenbürger von Tholey, 2004 durch die Saarländische Landesregierung zum Professor ernannt. Im Herbst 2018 erscheint im Münchner Rubicon-Verlag der Band „Besitzlos, den Schmetterling feiernd“, eine Auswahl, die alle Schaffensphasen des Dichters berücksichtigt und die Kontinuitäten und Sprünge sichtbar machen will. Der Band ist illustriert mit Zeichnungen von Heinrich Popp. (GO)