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Neunkirchen

Panoramabild von der Gebläsehalle aus

Erst seit der Gebietsreform von 1974 trägt der Landkreis den Namen seines neuen Hauptsitzes – 160 Jahre zuvor hatte das „hübschere“ Ottweiler, auch als ehemalige Residenzstadt der gleichnamigen Grafschaft bzw. Herrschaft, den Kreis benamt. Die Industriestadt Neunkirchen – „Stadt des Eisens und der Kohle“ (so ein Buchtitel) – hatte dem etwas verschlafen anmutenden Bürgerstädtchen Ottweiler den Rang abgelaufen.

Dabei war Neunkirchen, erstmals 1281 urkundlich erwähnt, über Jahrhunderte ein unspektakuläres Dorf gewesen. Vermutlich entstanden im 10. Jahrhundert als Waldrodungssiedlung, dort wo sich heute der Obere Markt befindet, erhielt diese wegen ihrer „neuen Kirche“ – in Abgrenzung zur älteren Pfarrkirche des nahe gelegenen Wiebelskirchen – den schlichten, aber nachhaltigen Namen.

Mehr Aufmerksamkeit erlangte das Bliesdorf durch die Jagdschlösser der Saarbrücker Grafen. Siedlungen in der Nachbarschaft, z. B. der heutige Stadtteil Sinnerthal, deuteten bereits ab dem 19. Jahrhundert auf das Potenzial als Montanstandort hin. Hier existierte seit dem Mittelalter eine Eisenschmiede (1431 urkundliche Ersterwähnung).

Die aufnahme zeigt die rechte Seite der Statue

Das Stummdenkmal am Stummplatz in Neunkirchen

Aus dem „Dornröschenschlaf“ erwachte Neunkirchen dann im Jahre 1806. Da hatten die aus dem Hunsrück stammenden Gebrüder Stumm das Eisenwerk von der französischen Regierung erworben. Neunkirchen war als Industriestandort ideal: Im Umland gab es Kohle- und Eisenerzvorkommen. Die Stumms, allen voran Karl Ferdinand (1831 – 1901), setzten die rasante Entwicklung der Hüttenstadt wesentlich in Gang. Nicht von ungefähr kam es über Jahrzehnte hin zu einer Schicksalsgemeinschaft der an sich unscheinbaren Stadt an der Blies (Stadtrechte erst 1922) mit dem „Imperium Stumm“. Und diese fand ihren Niederschlag auch in etlichen literarischen Veröffentlichungen.

Neunkirchen galt einst als „größtes Dorf Preußens“, verleibte sich als junge Stadt die Nachbardörfer Niederneunkirchen, Wellesweiler und Kohlhof (mit Furpach) ein. Mit der Gebietsreform von 1974 wuchs sie weiter: Die bis dato selbständigen Gemeinden Hangard, Münchwies und vor allem Wiebelskirchen sowie weitere ihr zugewiesene Gebietsteile (u. a. Ludwigsthal) ließen Neunkirchen mit ca. 46.000 Einwohnern zur zweitgrößten saarländischen Stadt werden.

Ab dem 29. Juli 1982 sollte alles anders werden. Es war „Der Tag, an dem die Hütte starb“. So titelte Gerd Meiser, auch literarisch agierender Chronist Neunkirchens, seinen „Nachruf“ in der „Neunkircher Rundschau“, der Regionalausgabe der Saarbrücker Zeitung.

In seinem Aufsatz „Vom Sterben spricht niemand mehr…“ prophezeite er zwei Jahre später seiner Heimatstadt u. a.:

Aufnahme der Gebläsehalle von der Straße aus

Altes Hüttenareal

„Neunkirchens stählernes Herz war das Eisenwerk. Hier fanden die Neunkircher, hier fanden die Bewohner des weiten Umlandes bis hinauf nach Kusel und in den Hochwald ihr Auskommen. Es ist unabänderlich: Dieses Herz schlägt nicht mehr. Neunkirchens neues Herz wird anders aussehen. Noch liegt die Stadt auf der Intensivstation, an Schläuchen und Drähten. Sie hängt am Tropf. Das neue Herz wird noch geformt. Es wird ein wärmeres Herz sein als dieses stählerne. Das neue Herz wird auch das Wesen der Stadt verändern. Neunkirchen wird keine Ruß-Stadt mehr sein. Da werden keine Grüße mehr aus ‚Ruß-Land‘ verschickt. Niemand wird mehr über das Rußloch schimpfen. Es werden Dienste in dieser Stadt geleistet werden. Man wird hier einkaufen und auch wieder besser wohnen können. Nicht nur an der Peripherie. Dort konnte man schon immer gut wohnen. Man wird auch in der Innenstadt wieder gut leben können.“ (aus: Landschaft und Leute im Wandel der Zeit – Landkreis Neunkirchen. Neunkirchen 1984, S. 34)

Seit dieser Einschätzung sind drei Jahrzehnte vergangen. Das Stadtbild hat sich seit den 1980er Jahren massiv gewandelt, und tut es bis heute. Der Transformationsprozess von einer industriell geprägten zu einer u. a. den Anforderungen des dienstleistungsorientierten und auch digitalen Zeitalters gewachsenen Kommune ist im vollen Gange.

Kohle, Stahl und Literatur

Literarische Topographie kennt keine Grenzen und auch keine „weißen Flecken“. Schon in den 1990er Jahren versuchte der Heimatforscher Bernhard Krajewski unter dem Motto „Neunkirchen im Spiegel der Literatur“ zu erforschen, wer mit dieser Stadt in Berührung kam, seine Eindrücke niederschrieb, hier vielleicht sogar geboren worden war und zumindest zeitweise gelebt hatte.

Für das umfassende, 2005 erschienene „Neunkircher Stadtbuch“ schrieb Armin Schmitt einen glänzenden, sehr detaillierten Beitrag mit dem Titel „Literaturhistorische Anmerkungen“, wobei er eingangs deutlich darauf hinweist, dass Neunkirchen manches literarische Denkmal seiner industriellen Vergangenheit verdankt. Im Epilog verschweigt er nicht, welche Folgen das Ende von Kohle und Stahl auch für die intellektuelle Wahrnehmung eines spezifisch geprägten Ortes bedeutet:

„Mit der Stilllegung der Hütte hat sich Neunkirchen aus der Literatur verflüchtigt. Die dramatischen Jahre des Strukturwandels haben ihre Autorin oder ihren Autor nicht oder noch nicht gefunden. Das Interesse, das Goethe, Roth, Regler, Dill und Engelmann der Stadt entgegenbrachten, ist an die Existenz der Hütte geknüpft. Sie gab der Industriestadt ihr Gesicht und Gepräge, sie war ihr energetisches Zentrum, sie erzeugte Glanz und Elend. In ihr manifestierte sich Aufstieg und Scheitern, Prosperität und Arbeitslosigkeit, Arbeit und Brot, aber auch Wolken aus Ruß und Staub, die Roth schon beklagte. Es war diese riesige Maschine inmitten der Stadt, in der sich die Widersprüche des Industriezeitalters verdichteten.“

Kupferstich rundDer erste Prominente, der in Neunkirchen Halt machte und dies auch aufschrieb, war… natürlich Goethe (in „Dichtung und Wahrheit“). Nicht die Schlösser, die die Saarbrücker Grafen hier erbauen ließen, und die vornehmlich der Jagd und dem Zeitvertreib dienten, den eher unscheinbaren Ort aber gewiss aufgewertet hatten, zogen 1770 den Studenten aus Straßburg an. Auf seiner Reise zwischen Rhein und Saar war Johann Wolfgang Goethe mit seinen Weggefährten vermutlich der (empfohlenen) Route wegen in „Neukirch“ gelandet. Das Residenzschloss aus der Renaissance-Zeit war teilweise schon abgebrochen, das barocke Lustschloss „Jägersberg“, 1752/53 unter Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken nach den Plänen von Friedrich Joachim Stengel bereits erbaut worden. Hatte Goethe letzteres noch betreten können – gut zwei Jahrzehnte später wurde es geplündert und verfiel zur Ruine –, beeindruckte ihn die Eisenschmelze offenkundig mehr, wo ihm die funkenwerfenden Essen ihr lustiges Feuerwerk entgegenspielten. ZITAT

Wenig Interesse für die Schmelzhütten zeigte hingegen Freiherr Adolph von Knigge. Von Heidelberg aus hatte er einen Ausflug in die Saarregion unternommen, auf Einladung des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken. Wann genau er diese Reise – zwischen 1783 und 1787 – durchführte, ist nicht bekannt. Knigge datierte seine Reiseerinnerungen nach, und zwar diese in den Mai 1792. Ihn begeisterte das Leben am Hofe, und folglich sind Schlösser und die Beschreibung derselben offenbar seine Leidenschaft. Schloss „Jägersberg“ hatte es ihm angetan: Das Schloß liegt hoch, von Waldung umgeben, die zu einem Parforce-Jagd-Park eingezäunt ist, am Abhange des Berges […] Die hintere Seite des Schlosses hat die Aussicht auf Terrassen, die, den Berg hinab, fast bis zu den beträchtlichen Eisenhütten fortgeführt sind, welche im Thale liegen.

Mit dem Einzug der Französischen Revolution in die Saarregion kamen Umwälzungen unterschiedlichster Art einher. Die Herrschaft der Saarbrücker Fürsten wurde hinweggefegt, der „Franzosenzeit“ und den napoleonischen Kriegen folgte eine völlig neue politische, aber auch wirtschaftliche Entwicklung. Dieser Epoche widmet sich – mit quasi „Neunkircher Brille“ – der Journalist Gerd Meiser in seinen Novellen „Das Geheimnis des Kapuzenmannes“ und „Waterloo oder Die abenteuerliche Reise des Peter Laubheimer“.

Die nachhaltige Veränderung in Form einer sich ausbreitenden Industrialisierung rund um das „großartige“ Stummsche Hüttenwerk nahm wenige Jahrzehnte nach dem Wiener Kongress der Pfälzer Schriftsteller und Volkskundler August Becker während eines Aufenthaltes in der Region deutlich wahr. ZITAT

Bezüge zu Neunkirchen finden sich in dem expressionistisch angehauchten, 1911 erschienenen Roman „Die Traumfahrt“ von Kristian Kraus, geboren 1880. Das Grubenunglück von Reden (1907) spielt dabei eine zentrale Rolle, allerdings verlegt er es nach (Heinitz-) Dechen. – Neunkirchen ist auch der Wohnort des aus Niederlinxweiler stammenden Autorin Roswitha Rydl.

Exkurs: Es regnete Asche auf sein Haupt: Wie Stumm eine Region prägte

Die Bildtreue Zeichnung auf gelblichem Papier zeigt Stumms linken Körper bis zur Hüfte. Die Arme sind verschränkt.Keine Persönlichkeit hat für die Hüttenstadt eine derart dominante Rolle gespielt wie Karl Ferdinand Stumm. Ein schwer fassbarer „Dominator“, der durch sein Auftreten in der Öffentlichkeit, durch den Umgang mit seinen Mitmenschen, seinen Untergebenen, seinen Kontrahenten und auch seinen Weggefährten in Politik und Wirtschaft sowohl Widerspruch wie Zustimmung auslöste. Bis heute scheiden sich in der Einschätzung seines Lebens und seiner Lebensleistung die Geister. Stumm war ein Getriebener, der höchste Anforderungen an sich selbst, aber eben auch an die ihn umgebenden Menschen stellte.

Die Familie Stumm stammte aus dem Hunsrück, hatte 1806 das Neunkircher Eisenwerk gekauft und somit ihr unternehmerisches Agieren in die Saarregion verlegt. Als Karl Ferdinand am 30. März 1836 im großväterlichen Haus am Saarbrücker Ludwigsplatz geboren wurde, hatte sein Vater Carl Friedrich gerade den Betrieb übernommen und mit dem Bau des „Herrenhauses“ in Neunkirchen – „inmitten rauchender Essen und dröhnender Maschinenhallen“ (F. Hellwig)  – begonnen. Dort verbrachte Karl Ferdinand seine Kindheit. Ein jäher Schicksalsschlag, der Freitod seines Vaters 1848, sollte sein künftiges Leben nachhaltig bestimmen.

Fortan hält er sich zwecks Schulausbildung und Studium an etlichen Stätten in deutschen Landen auf. Neunkirchen ist für ihn nur ein temporärer Standort, wenngleich er als junger Mann dort ab 1858 im Eisenwerk leitende Aufgaben, also Verantwortung übernimmt, übernehmen muss. Stumm ist einerseits ein für „seine“ Arbeiter und Angestellten in jeder Beziehung besorgter und sorgender Patriarch, andererseits ein mit fester Hand agierender, jegliche sozialistischen und gewerkschaftlichen Bewegungen bekämpfender Großunternehmer. Nicht von ungefähr erhält dieses ausgeklügelte „Unternehmensmodell“ später den Namen „System Stumm“. Der Freund Bismarcks versucht sich in der preußischen, nach der Reichsgründung auch in der nationalen Politik.

Eine schwarze, kirchtumähnliche Metallstatue, umgeben von schwarzen Holzkreuzen

Stummscher Friedhof. Foto: Hartmuth Neufang

Den Ausdruck seiner Wertschätzung durch die Hohenzollern belegt Ende April 1892 der Besuch Kaiser Wilhelms II. in Neunkirchen und auf dem Saarbrücker Halberg, wo Stumm sich ein repräsentatives Schloss errichten ließ.

Kaiser Friedrich III. hatte vier Jahre zuvor ihn, den „Stahlbaron“, zum (erblichen) Freiherrn von Stumm-Halberg erhoben. Als der spöttelnd mal zum „König“, mal zum „Scheich von Saarabien“ gekürte Großindustrielle 1901 einem Krebsleiden erliegt, ist die ganze Saarregion geschockt. In einer pompösen Zeremonie wird er auf einem für die Familie angelegten Privatfriedhof (Nordostseite des Halbergs) beigesetzt. Dort war schon, was ihm das Herz gebrochen hatte, sein 1876 im Alter von 13 Monaten verstorbener Sohn Carl beerdigt worden.

Berühmt und berüchtigt

Zu Lebzeiten erschienen bereits unzählige Artikel und Aufsätze in Zeitungen und Zeitschriften, die sein Wirken als Industrieller und Politiker beschrieben und je nach Standort kommentierten. Nach seinem Tod wurden seine berühmt-berüchtigten Reden veröffentlicht (herausgegeben von Alexander Tille 1914-15). Eine sehr detaillierte, für ihre Zeit erwartungsgemäß eher unkritische Biografie legte 1936 anlässlich des 100. Geburtstages Fritz Hellwig vor.

In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts bemühten sich etliche Autoren, Stumms Leben differenzierter nachzuzeichnen und einzuordnen. Die von Günter Brakelmann aus protestantisch-kritischer Sicht verfasste Biografie von 1993 „Carl-Ferdinand Stumm“ bringt in ihrem Untertitel dessen Leben auf eine einfache Formel: „christlicher Unternehmer, Sozialpolitiker, Antisozialist“. Im gleichen Jahr erschien auch „Stumm in Neunkirchen. Unternehmerherrschaft und Arbeiterleben im 19. Jahrhundert. Bilder und Skizzen aus einer Industriegemeinde“, herausgegeben von Richard van Dülmen.

Nicht von ungefähr ist die „Ära Stumm“ in vielfältiger Form auch immer wieder literarisch verarbeitet worden.

Der aus dem Brandenburgischen stammende Schriftsteller Richard Dehmel war als Student 1884 eher unfreiwillig nach Neunkirchen gekommen. Aufgrund finanzieller Nöte hatte er das Studium in Berlin unterbrechen müssen und eine Redakteursstelle an der ein Jahr zuvor gegründeten „Saar- und Blieszeitung“ angenommen. Diese war eng an das Eisenwerk und somit an das „System Stumm“ angelehnt, freikonservativ ausgerichtet. Dehmel blieb zwar nur vier Monate in der Industriegemeinde, doch muss diese Zeit sehr intensiv auf ihn gewirkt haben:

Neunkirchen selbst ist ein Fabrikort von circa 17000 Einwohnern, von denen die Hälfte Beamte und Arbeiter der Bergwerke und Stumm´schen Fabriken sind. Es ist sehr hübsch in einem Thale gelegen, und wenn die Unmassen von Rauch aus den Fabrikschornsteinen und Öfen nicht wären, könnte man den Ort idyllisch nennen.

Während seines Aufenthaltes im Saargebiet kam der österreichische Romancier und Feuilletonist Joseph Roth 1927 auch nach Neunkirchen, und seine drei dort angesiedelten Reportagen für die „Frankfurter Zeitung“ fielen nicht sehr schmeichelhaft aus: Über der Stadt schwimmen Wolken. Nicht echte, himmlische, sondern künstliche: Industriewolken Wenn der Himmel klar und blau, so sieht man ihn von hier wie durch gelbes Flaschenglas.

Stummsche Kapelle. Foto: Hartmuth Neufan

Neunkirchen diente Liesbet Dill gleich in zwei Romanen als markanter Schauplatz für ihre thematisch bisweilen etwas überfrachteten Geschichten. In „Virago“, 1913 erschienen, erzählt sie ein tragisch endendes Frauenschicksal zu Zeiten der großen Streikbewegungen der 1890er Jahre in der Saarregion. Neunkirchen heißt hier „Neuweiler“, hinter dem Hüttendirektor „Stamm“ verbirgt sich natürlich Stumm. Konkreter wurde Dill in ihrer Beschreibung der Hüttenstadt, insbesondere des Eisenwerks, in ihrem Roman „Wir von der Saar“, 1934 in Stuttgart erschienen und schon sehr „völkisch-national“ durchdrungen.

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Während seiner kommunistischen „Sturm- und Drangzeit“ verfasste Gustav Regler den Agitationsroman „Im Kreuzfeuer“ (1934 erschienen), der gleich zu Anfang auch die verheerende Gasometer-Explosion vom 10. Februar 1933 beschreibt, bei der 65 Menschen ums Leben kamen und zahlreiche Gebäude zerstört wurden. Regler versucht dabei auch – natürlich aus „rot gefärbter“ Sicht –  die angespannte politische Lage am Vorabend der Saarabstimmung 1935 festzuhalten.

Der Zeit des Nationalsozialismus widmen sich in ergreifenden, an Einzelschicksalen festgemachte Geschichten. Zum Beispiel die Spurensuche der aus Neunkirchen stammenden Autorin Tanya Louise Lieske, die in „Spion wider Willen“ das Leben des Saaremigranten Gustav Regitz (nebenbei ihr Großonkel!) eindringlich nachzeichnet.

Denkmal Franz Carl Eduard Senz, Foto: Roland Schmitt

Ein literarisches Denkmal hat der in Neunkirchen lebende, aus den Niederlanden stammende Autor André Noltus dem 1941 in der „Tötungsanstalt Hadamar“ (in Mittelhessen) umgebrachten Dienstmann Franz Carl Eduard Senz (geb. 1877 in Wiebelskirchen) mit seinem 2013 erschienenen Büchlein dem „Sense Eduard“ gesetzt. Ihm, dem Neunkircher Original und Opfer des nationalsozialistischen Euthanasiewahns, wurde auch tatsächlich 1994 ein Denkmal errichtet. Es wurde nach Neugestaltung des Hammergrabens 2006/07 um wenige Meter versetzt. – Noltus hat sich auch in anderen Veröffentlichungen seiner Wahlheimatstadt angenommen.

Neunkirchen und seiner Umgebung sehr verbunden war die aus Losheim stammende Lyrikerin Natalie Zimmermann. Der „Hüttenstadt“ nahm sie sich z. B. in einem gleichnamigen Gedicht an. Am 26. September 1978 verstarb die ehemalige Oberstudienrätin in Neunkirchen. ZITAT

Die aus Neunkirchen stammende Lyrikerin und Poetry-Slamerin Nora-Eugenie Gomringer, Jahrgang 1980, bezeichnet sich aus der Ferne immer noch als „Fan des Saarlandes“, ohne dass sich das bisher bei ihr literarisch niedergeschlagen hätte.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der „Ära Stumm“ blieb für Jahrzehnte kein Thema mehr. In der Nachkriegszeit, der Phase der mehrheitlich ungeliebten Autonomie, standen mit dem Beitritt des Saarlandes zur Bundesrepublik Deutschland  Wiederaufbau und Fortentwicklung der ökonomischen Basis im Vordergrund des allgemeinen Interesses. Dies änderte sich Ende der 1960er Jahre, als mit dem Einfluss der opponierenden Studentenbewegung die eigene Geschichte hinterfragt wurde. Einer der bedeutendsten Publizisten mit entsprechend gesellschaftskritischem Ansatz war Bernt Engelmann. In seiner 1968 erschienenen Textsammlung „Die goldenen Jahre“ räumte er mit der verklärten Sicht der „guten alten (Kaiser-) Zeit“ gehörig auf. Am Beispiel eines Einzelschicksals, der tragisch endenden Geschichte des Neunkircher Hüttenarbeiters Johann Gross und seiner Familie, beschreibt er in „Der König von Saarabien“ das patriarchalisch-autoritäre „System Stumm“, das tief hinein in die Privatsphäre seiner in jeder Beziehung von ihm abhängigen Arbeiter hineinwirkt.

Aufnahme der Musicaldarsteller wie sie auf der Bühne agieren

Foto: Roger Paul

Gut 40 Jahre später versuchte das „Musicalprojekt Neunkirchen“ dem streitbaren wie umstrittenen Stahlmagnaten auf vollkommen andere Weise „beizukommen“ – tatsächlich in Form eines Musicals. Für Text und Regie zeichnete der Österreicher Schauspieler und (Opern-) Sänger Martin Leutgeb (geboren 1966 in Schwaz/Tirol) verantwortlich, der zeitweise auch am Saarbrücker Staatstheater engagiert war.

Foto der Darstellern in ihren Kostümen

Foto: Jennifer Weyland

Am 21. August 2009 feierte „Stumm. Das Musical“ (mit über 170 Akteuren) in der Neunkircher Gebläsehalle Premiere. Im Sommer 2016 ist es neu aufgelegt worden.