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Saarpfalz-Kreis

„Größere und leistungsfähigere Verwaltungseinheiten zu schaffen, um das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben der Bevölkerung entsprechend den Erfordernissen einer modernen Industrie- und Leistungsgesellschaft zu fördern und sichern“ – das waren erklärtermaßen die Ziele, die mit der saarländischen Gebiets- und Verwaltungsreform zu Beginn der 1970er-Jahre verbunden waren. Nach der Diskussion verschiedener Modelle wurde im „Neugliederungsgesetz“ vom 19. Dezember 1973 die Bildung des „Saar-Pfalz-Kreises“ verfügt. Er entstand aus der Kombination der bisherigen Landkreise Homburg und St. Ingbert, wobei die Städte Bexbach, Blieskastel, Homburg und St. Ingbert durch massive Eingemeindungen neue Zuschnitte bekamen.

Daneben wurden aus verschiedenen, bislang selbstständigen Gemeinden die Kommunen Gersheim, Kirkel und Mandelbachtal neu konstruiert. Die bisher eigenständigen Gemeinden Ensheim und Eschringen wurden abgetrennt und der Landeshauptstadt Saarbrücken zugeschlagen, um dieser den einzig nennenswerten Flugplatz des Saarlandes in Ensheim (bis dahin zum Landkreis St. Ingbert gehörig) einzuverleiben. Zudem wurden große Flächen von den bisherigen Kommunen Bexbach, Niederbexbach, Limbach und Kirkel-Neuhäusel abgetrennt, um damit das Territorium der benachbarten Industriestadt Neunkirchen zu vergrößern. Sitz der neuen Kreisverwaltung wurde Homburg, das bereits seit 1818 (als „Landcommissariat“) diese Funktion innehatte.

In fast allen Gutachten wurde die Schaffung der später (1989) in „Saarpfalz-Kreis“ umbenannten „Gebietskörperschaft“ „als erster Schritt zur Schaffung eines um die pfälzischen Grenzgemeinden der Kreise Pirmasens, Kaiserslautern und Kusel zur erweiternden Saar-Pfalz-Kreises“ angesehen. Die Umsetzung dieser Zielsetzung wurde bislang jedoch nicht in die Wege geleitet.

Unter französischer Herrschaft ab 1798 sowie insbesondere in napoleonischer Zeit nach 1799 wurden zahlreiche Errungenschaften institutionalisiert, die eine bislang ungekannte Rechtssicherheit schufen. Eingeführt wurden die Gewerbefreiheit und das Recht auf Eigentum, rigoros beseitigt dagegen Adelsprivilegien und Feudalrechte.

Einst königlich-bayerisch

Der Saarpfalz-Kreis deckt heute in etwa jene Bereiche des Saarlandes ab, die zwischen 1816/1818 und 1919 Bestandteil der Pfalz im Königreich Bayern waren. Nach dem Untergang Napoleons 1814 kurzzeitig unter österreichischer Verwaltung, war der „Rheinkreis“ (eben die spätere „Pfalz“) einschließlich der Saarpfalz infolge des Wiener Kongresses mit dem Münchener Vertrag vom 14. April 1816 Bestandteil des Königreichs Bayerns geworden. Die hier geltende staatsbürgerliche Freiheit und Gleichheit und die entsprechend organisierte Administration und Jurisdiktion – bald unter der Bezeichnung „Rheinische Institutionen“ geläufig – gab es im rechtsrheinischen Bayern nicht. Der Fortbestand der „Institutionen“ blieb nach 1816 gewährleistet, wodurch die Pfalz den Status ei-nes bayerischen Zweitstaates erhielt. Damit herrschte im Königreich zweierlei Recht.

Durch den Friedensvertrag von Versailles kam es zu einschneidenden territorialen Veränderungen die Saarpfalz wurde 1920 von Bayern abgetrennt. Für die ehemals pfälzischen Teile des neuen „Saarstaats“ bürgerte sich ab 1919 schnell der Begriff „Saarpfalz“ ein. Geprägt wurde die Bezeichnung von Heinrich Jolas (1866-1949). Der bayerische „Staatskommissar für die Übergabe westpfälzischer Gebietsteile an das Saargebiet“ verkürzte seinen Titel in „Staatskommissar für Übergabe der Saarpfalz“. Nach der Angliederung des Saargebietes an Nazi-Deutschland im Januar 1935 wurde „Saarpfalz“ ab 1936 sinnentstellend für den die Pfalz und das Saargebiet umfassenden „Gau“ verwendet.

Europäischer Kulturpark und andere Sehenswürdigkeiten

Heute leben im 418,4 Quadratkilometer großen Saarpfalz-Kreis etwas mehr als 140.000 Menschen. Ein Großteil dieser Fläche macht das von der Unesco 2009 ausgewiesene Biosphärenreservat Bliesgau aus. Besondere Sehenswürdigkeiten im Saarpfalz-Kreis sind unter u.a.:
  • Bergbaumuseum im „Hindenburgturm“, Höcherturm auf dem Höcherberg, Bergwerksruinen „Nordfeld“ (Bexbach);
  • Burgruine, Felsenpfad im Kirkeler Wald, Kulturzentrum Limbacher Mühle (Kirkel);
  • Waldpark „Schloss Karlsberg“, Ruinen der „Hohenburg“ bzw. Vauban-Festung auf dem Schlossberg, „Römermuseum Schwarzenacker“, Klosterruine Wörschweiler (Homburg);
  • barocke Altstadt, Orangerie, Schlosskirche, Gollenstein, jüdischer Friedhof, Wolfersheim (Blieskastel)
  • Spellenstein, Großer Stiefel, Arbeitersiedlung Alte Schmelz, Alter Friedhof (St. Ingbert);
  • Europäischer Kulturpark Reinheim-Bliesbruck, Rebenhaus, Rundturm Rein-heim, Medelsheim und „die Parr“, historische Wegekreuze, Museum für dörfliche Alltagskultur (Gersheim);
  • Klosterruine und Naturbühne Gräfinthal, Zollmuseum Habkirchen, Kulturland-schaftszentrum „Haus Lochfeld“ Wittersheim, Rundtürme Erfweiler-Ehlingen und Bebelsheim, historische Wegekreuze (Mandelbachtal).

Im Saarpfalz-Kreis wird „Platt“ in rheinfränkischer Mundart gesprochen, wobei die regionale Variante dem mittleren Rheinfränkischen bzw. „Pfälzischen“ zu-geordnet wird. Auch wenn zwischenzeitlich flächendeckende Angleichung festzustellen ist, so unterscheidet sich die nach wie vor sehr weit verbreitete Mundart von Ort zu Ort – hier in Nuancen, dort bisweilen aber auch grundlegend. In den südlicher gelegenen Ortschaften des Bliesgaus sind auch alemannische bzw. lothringische Einschläge („Haus – Hus-Linie“) markant. Speziell im Umfeld der Landeshauptstadt Saarbrücken machen sich ebenfalls Einflüsse bemerkbar – so etwa beim Gebrauch des Passivs, das in Saarbrücken mit „geben“ gebildet wird: „Das is vergess gebb genn“ wird im größten Teil des Saarpfalz-Kreises zu „Das is vergess wor“.

Literarisches Zentrum

Bekanntester und wohl auch bedeutendster Autor aus dem heutigen Saarpfalz-Kreis ist Theobald Hock. 1573 in Limbach geboren, erschien von ihm 1601 die Gedichtsammlung „Schönes Blumenfeld“. Die Literaturwissenschaft sieht Theobald Hock heute als Vorläufer der Barockdichtung bzw. als Vermittler zwischen Humanismus und Barock. In einer Zeit, in der Lyrik vornehmlich auf Neolatein geschrieben wurde und erschien, unternahm er den Versuch, Gedichte in einer noch zu definierenden deutschen Hochsprache zu verfassen. Die genau 92 Gedichte in Hocks „Schönes Blumenfeld“ bildeten den Auftakt zur entstehenden neuhochdeutschen Kunstlyrik. Obwohl das Werk als singuläres Ereignis einer wichtigen literarhistorischen Aufbruchphase gilt, so wird ihm gerade deswegen besonderer Stellenwert für die Entwicklung der deutschen Literatur beigemessen. Theobald Hock, der zu seiner Zeit freilich nicht wegen seiner Lyrik, sondern wegen seiner politischen, protestantisch und egoistisch motivierten Umtriebe in Böhmen bekannt war, wurde als Autor erst 1845 von Heinrich Hoffmann von Fallersleben „wiederentdeckt“. Eine erste Neuausgabe des „Schönen Blumenfelds“ gab es 1899.

Als Homburg in den Jahren 1830 bis 1832 zum Zentrum der liberalen Bewegung in Deutschland wurde, zog es eine Vielzahl von Journalisten und Autoren in den saarpfälzischen Raum. Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789-1845), der zunächst „Landcommissär“ von Homburg und danach Herausgeber mehrerer Zeitungen war, verfasste nicht nur zahlreiche politische Streitschriften, Gedichte und Lieder, sondern auch das „epische Gedicht in zwölf Gesängen“ mit dem Titel „Rudolph und Helmina“ (1824). Auf Siebenpfeiffers Initiative fand am 27. Mai 1832 das Hambacher Fest statt, die erste Massendemonstration für Demokratie und Freiheit in Deutschland.

Enger Mitstreiter von Siebenpfeiffer war Christian Scharpff (geb. 1804 in Homburg), der ebenfalls Gedichte veröffentlichte, Redner in Hambach war und hernach in Frankreich und in der Schweiz im Exil den literarischen Geheimbund „Junges Deutschland“ mitbegründete. Von München nach Homburg siedelte Ende 1831 der Jurist und Journalist Johann Georg August Wirth (1798-1848) in die Saarpfalz über. Er war in Homburg der Redakteur und Herausgeber der Zeitung „Deutsche Tribüne“, die im ersten Vierteljahr 1832 in hohen Auflagen erschien und das bedeutendste Organ im Vormärz war. Wie Siebenpfeiffer befand sich auch Wirth in ständiger Auseinandersetzung mit der Zensur, immer wieder wurde er wegen seines Engagements für Presse- und Meinungsfreiheit inhaftiert.

Auflagenstärkster Schriftsteller aus der Saarpfalz war Joseph Eduard Konrad Bischoff (1828-1920). In Niedergailbach geboren, veröffentlichte er unter dem Pseudonym Conrad von Bolanden unzählige Romane, den durchgängig allen ein orthodox katholischer Duktus eigen war. Seine Bücher, die keinerlei regionale Bezüge aufweisen, hatten vor allem den Kampf gegen die liberalen Strö-mungen seiner Zeit und die Sozialdemokratie zum Inhalt. Noch zu Lebzeiten war von Bolanden der meistgelesene Autor in den Vereinigten Staaten.

Ebenfalls eine bemerkenswerte Rolle in der deutschen Literaturgeschichte nahm Ludwig Scharf (1864-1939) ein. Er verbrachte Kindheit und Jugend in Blieskastel, ehe er in München zum Dreh- und Angelpunkt der künstlerischen Avantgarde avancierte. Scharf veröffentlichte Gedichte in den damals modernen Literaturzeitschriften wie „Die Jugend“, „Simplicissmus“, „Pan“ oder „Zürcher Diskußjonen“. Sein 1892 erschienener Gedichtband „Lieder eines Menschen“ gilt als eines der bedeutendsten lyrischen Werke des Naturalismus. In seinen 1905 veröffentlichten „Tschandala-Liedern“ stilisiert sich Scharf selbst zum Angehörigen der untersten Gesellschaftsschicht, quasi zum „Outlaw“, und entsprechend enthält seine Lyrik stark revolutionäre Einschläge.
Bedeutendster Mundartautor der Region ist Heinrich Kraus (1932-2015), der in St. Ingbert geboren wurde und auch seine Kindheit und Jugend in der Stadt verbrachte. Nachgerade das Markenzeichen seiner Literatur war seine Befassung mit den Schattenseiten des Lebens, die er in virtuoser Sprache, aber nie ohne dessen Sonnenseiten thematisierte – ausdrucksstark, geistvoll, wortverspielt, sprachverliebt, selbstironisch. Dabei blieb er seinem Stil treu, zwar volkstümlich, aber nie volkstümelnd zu schreiben. Kraus verfasste aber auch Texte jedweder Gattung in Hochdeutsch, darunter Romane, Kinderbücher und Radiostücke.