Metz – literarisch

von Rainer Petto

Paroramafoto des Eingangs

Kathedrale

Es gibt viele Gründe für einen Kulturausflug nach Metz. Um nur ein paar Stichworte zu nennen: die Kathedrale mit den Chagall-Fenstern, das Centre Pompidou-Metz als Schwesterinstitution des weltberühmten Centre Pompidou in Paris, das FRAC mit der zeitgenössischen regionalen Kunst im ältesten Gebäude der Stadt, die archäologische Sammlung im Musée de la Cour d’Or, der schöne Konzertsaal im Arsenal, die Tempelritterkapelle, das älteste heute noch bespielte Theater Frankreichs, das geschichtlich und architektonisch interessante Bahnhofsgebäude, die ursprünglich als Bischofssitz geplanten Markthallen…

Aber die Stadt ist auch voll von literarischen Bezügen. Viele davon sind ganz real, an Ort und Stelle identifizierbar, man kann sie sehen, besichtigen. Teils haben sie mit dem Leben eines Schriftstellers zu tun, teils mit seinen Werken; manche sind von der Nachwelt eingerichtete Orte der Erinnerung. Andere kann man nur atmosphärisch wahrnehmen – wenn man um sie weiß und seine Phantasie spielen lässt.

Beginnen wir mit dem Konkreten.
In Höhe des Einkaufszentrums St. Jacques, auf der Kreuzung von rue d’Enfer und rue de la Jurue, steht bzw. stand das Gebäude, in dem nach örtlicher Überlieferung François Rabelais gewohnt hat. Der französische Dichter (1494 oder 1483 oder 1490 bis 1553) ist Verfasser des berühmten fünfbändigen Romanzyklus um die Riesen Gargantua und Pantagruel, einer witzigen Zeitsatire im Geiste der Renaissance. Egon Friedell schreibt in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ über Rabelais: „Nie ist in jener extrem spottlustigen, kirchenfeindlichen und antischolastischen Zeit Kirche und Scholastik auch nur annähernd so großzügig verspottet worden wie von ihm.“

Nach Erscheinen des Dritten Buches – es ist nach Ansicht der Theologen „vollgestopft mit verschiedensten Häresien“ – muss er das Königreich Frankreich verlassen und findet Asyl in der freien Reichsstadt Metz. Während seines Aufenthaltes von April 1546 bis Ende Juni 1547 arbeitet er als Stadtarzt. Aber Metz beeinflusst auch sein Schreiben: Dem Gourmet Rabelais soll die regionale Küche Inspiration zum Vierten Buch des „Pantagruel“ gegeben haben, in dem er die Figur des Graoully benutzt und Ausdrücke des lokalen Dialekts verwendet. Der Drache Graoully hat der Legende nach in den Ruinen des römischen Amphitheaters von Metz gehaust. Im Wappen des FC Metz hat sich sein Bild erhalten.

Pizza mit Rabelais

Außenansicht an der Kreuzung

Das so genannte Rabelais-Haus ist nicht zu verwechseln mit der Chapelle Saint-Genest mit ihrem rechteckigen Turm, an den es angebaut wurde und der noch steht. Rabelais wohnt im Nachbarhaus aus dem 12. Jahrhundert, von dem nur die in die Mauern eingebauten Tore übriggeblieben sind. Eine Info-Tafel zur „Maison de Rabelais“ am Straßenrand macht dies nicht ausreichend deutlich; und die Angabe, Rabelais habe seit 1542 hier gelebt, ist falsch, selbst auf der Homepage des städtischen Tourismusbüros ist nur von einem zweijährigen Aufenthalt seit 1545 die Rede. Im ummauerten Hof hat ein benachbartes italienisches Restaurant im Sommer seine Tische aufgestellt – zum Pizzaessen auf von Rabelais berührtem Boden.

Joseph Roth hat das Haus auf seiner Reise ins Saargebiet 1927 noch gesehen, ein Abbé hat es ihm gezeigt. Es gab da eine finstere morsche Treppe mit hohen Stufen. „Ich möchte wissen“, sagte der Abbé zu Roth, „wie oft der Rabelais herunterfiel, wenn er betrunken nach Hause kam.“

Auch als Günter Metken Metz für sein erstmals 1964 erschienenes Buch „Liebe zu Lothringen“ besucht, steht das Rabelais-Haus noch: „Es vermengt klassische Bauteile mit gotischen. Früher gab es einen Wärter, der das Gebäude besichtigen ließ. Nun ist er gestorben, und kein Besucher betritt mehr jenen schönen Saal im ersten Stock, wo der Arzt und Dichter Gleichgesinnte um sich versammelte und ihnen aus dem entstehenden ‚Quatre Livre‘ seines Pantagruel vorlas. Das Haus hat Viereckturm und Fensterstützen. Es ist an eine Kirchenruine angebaut.“ Schon bald nach Metkens Besuch wird das Haus abgerissen, der Turm steht noch.

Rabelais ist auch sonst noch in der Stadt gegenwärtig. Im Quartier du Sablon trägt eine Schule seinen Namen. Und unter der Marke „Table de Rabelais – L’art de vivre à Metz“ haben sich Gastronomen zusammengetan, die die regionale Küche pflegen – ist doch der enorme Appetit Gargantuas heute noch sprichwörtlich.

Edles und unglückliches Metz

Geburtshaus Verlaine

In Metz geboren ist der symbolistische Dichter Paul Verlaine (1844-1896). In seinen “Confessions” von 1895 hat er sehr positive Erinnerungen an seine Kindheit in der Stadt niedergeschrieben. Der Vater ist Offizier, sie wohnen gegenüber einer Militärschule für künftige Pionier- und Artillerie-Offiziere, er sieht sie jeden Morgen durch die Straße reiten, und sein Herz galoppiert hinter ihnen her. Die Armee ist in der Familie ständiger Gesprächsstoff, und der Junge ist stolz auf die schöne Uniform und die Gardemaße seines Vaters. Metz ist für ihn auch mit der Erinnerung an die Kinderliebe des 7jährigen zu einem ein Jahr älteren Mädchen verbunden. Aber wenn Verlaine schreibt, er könne nicht ohne Emotionen von Metz reden, dann meint er es politisch, denkt an die „edle und unglückliche Stadt“, die in die Hände des deutschen Erzfeindes gefallen ist. So heißt es in seiner „Ode an Metz“: „O Metz, mon berceau fatidique, / Metz, violée et plus pudique / Et plus pucelle que jamais!…“ (ungefähr: O Metz, meine schichsalschwere Wiege, Metz, vergewaltigt und immer noch keusch und jungfräulicher denn je).

Verlain-Büste auf einem Sockel

Verlain Büste am Moselufer

Das Geburtstaus von Verlaine steht in der Nähe des Palais de Justice, rue Haute-Pierre Nr. 2, mit Plakette neben dem schönen Portal. In der Ėglise Notre Dame wurde er getauft; entsprechende Dokumente hängen in einem Rahmen innen an der linken Wand hinter dem Eingang. Vor der Kirche ist eine Info-Tafel aufgestellt.

Auf dem Boulevard Poincaré am Moselufer steht eine Verlaine-Büste auf einem Sockel. Der Metzer Hermann Wendel berichtet in seinen Jugenderinnerungen vom Streit um eine Verlaine-Gedenktafel, deren Anbringung zur Zeit des Reichslands Elsass-Lothringen von den Stadtvätern wegen Verlaines Spottversen auf Wilhelm II. verhindert wurde.

Kriegsschauplatz Hauptbahnhof

seitlicher Blick auf den Eingang

Bahnhof von Metz. Foto: Martin Oberhauser

Schauplatz des Beststellers „Die Katrin wird Soldat“ von Adrienne Thomas (1897-1980) aus dem Jahr 1930 ist der Metzer Hauptbahnhof. Das Gebäude ist zum Zeitpunkt der Handlung, also im Ersten Weltkrieg, noch nicht alt, unter deutscher Ägide 1905 bis 1908 erbaut im wilhelminischen Stil vom Berliner Architekten Jürgen Kröger.

(Als der Saarländische Rundfunk 1989 aus dem Buch von Adrienne Thomas eine Fernsehserie macht, dreht er allerdings nicht am Metzer Hauptbahnhof, sondern am Bahnhof von Vittel.) Das Buch „Die Katrin wird Soldat“ ist ein Tagebuch-Roman, fußend auf den Erlebnissen der Verfasserin, die als Hertha Strauch in St. Avold geboren wurde und 1904 mit ihrer Familie nach Metz gezogen ist – zunächst in die Königsstraße (rue Royale), 1908 zieht die Familie um in das angesagte Viertel um den Bahnhof, die so genannte Neustadt, Karolingerstr. 11 (heute Ecke rue Charlemagne/rue Gambetta).

schwarz weiß Foto. Eine Frau löffelt Wasser in eine Feldflasche

Katrin (Claudia Brunnert) in der Rot-Kreuz-Küche am Bahnhof Metz. Foto: Michael Strauss

Mit 17 hat Katrin, die Romanheldin, sich, wie die Verfasserin, zum Rotkreuz-Dienst am Bahnhof gemeldet und dort hautnah erlebt, was Krieg bedeutet: mit Hurra an die Front fahrende junge Männer auf dem einen Gleis, die auf dem anderen als Verwundete und Verstümmelte nach Hause zurückkehren. Katrin wie Herta Strauch alias Adrienne Thomas sind Mädchen ohne nationale Ressentiments, ihr Engagement ist rein humanistisch, sie sind gegen den Krieg. Sie gehören zur ersten Generation der in Lothringen Geborenen, deren Eltern aus dem Deutschen Reich hierher gezogen sind, sie sprechen Französisch so gut wie Deutsch, und sie haben ein starkes Gefühl für Metz als ihre Heimatstadt entwickelt.

Ob es den Spielwarenladen in der rue Serpenoise wirklich gegeben hat? Im Roman „Der Zauberer Muzot“ von Ernst Moritz Mungenast (1898-1964) ist die Adresse jedenfalls genau angegeben: Die Ecke Römerstraße/Tuchstraße, wie die Straßen damals hießen, entspricht der heutigen Ecke rue Serpenoise /Lancieu. Wenn man in der Serpenoise steht, muss es das rechte Eckhaus gewesen sein, das heute durch einen Neubau mit Ladenlokal im Erdgeschoss ersetzt ist. Mungenast ist, wie Adrienne Thomas, so genannter Reichslanddeutscher, geboren nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, als Metz zum Deutschen Reich gehört. Der 900-Seiten-Roman „Der Zauberer Muzot“ ist, neben der Handlung um den Spielwarenhändler Andreas Muzot (den „Zauberer“) und seine Familie, ein wahres Kompendium der lothringischen Geschichte. Für Mungenast, der nach dem Ersten Weltkrieg das Land seiner Geburt verlassen musste, ist Lothringen das verlorene Paradies seiner Kindheit, dem er mit dem 1939 erschienenen Buch ein literarisches Denkmal setzt, allerdings unter pro-deutschen Vorzeichen. 1986 ist eine französische Übersetzung in der Metzer Ėdition Serpenoise erschienen.

Innenaufnahme des Fensters

Jean Cocteau, St.Maximin

Noch ein Literaten-Tipp: Der Entwurf für die Fenster der Kirche Saint Maximin im Viertel Outre-Seille stammt von Jean Cocteau (1889-1963), der nicht nur Schriftsteller und Regisseur, sondern auch Maler war. Es ist ein ursprünglich romanischer Bau, die Glasfenster stammen aus den 1960er Jahren. Die Adresse, etwas abseits vom Zentrum: 61 rue Mazelle.

„Hier ist nichts möglich“

Und hier ein paar weitere Hinweise auf Schriftsteller und ihre tatsächlichen oder erfundenen Erlebnisse in Metz. Sie sind nicht unbedingt an Adressen festzumachen, an sie wird nicht mit einer Gedenktafel oder einem Denkmal erinnert, aber wer von ihnen weiß, kann sie mitdenken, kann sich in eine andere Zeit versetzen, wenn er durch die Straßen dieser geschichtsträchtigen Stadt geht.

Germaine de Staël (1766-1817), von Napoleon aus Frankreich ausgewiesen, ist auf der Reise nach Deutschland. Vom 26. Oktober bis zum 8. November 1803 logiert sie mit ihrem treuen Freund Benjamin Constant in Metz an der Place de Chambre. Hier lässt sie sich von Charles de Villers aus dem lothringischen Boulay beraten, der ein Kenner sowohl der französischen wie der deutschen Kultur ist. Sie schreibt über ihn: „Man findet Herrn Villers immer an der Spitze edler und großherziger Ideen, und er scheint durch die Anmut seines Geistes und die Tiefe seiner Studien berufen, Frankreich in Deutschland und Deutschland in Frankreich zu repräsentieren.“ Er führt sie bei den Gelehrten und Philosophen ein, die sie kennenlernen will. Bei diesem Metzer Aufenthalt wird die Basis geschaffen für de Staëls berühmtes Werk „De l’Allemagne“ (1813), das erste und in der Folge äußerst einflussreiche Buch, das den Franzosen die deutsche Kultur vermittelte.

Während Honoré de Balzac (1799-1850) an der „Cousine Bette“ schreibt, einem Stück seiner „Menschlichen Komödie“ in Romanform, in dem zahlreiche Personen lothringische Züge tragen, beschließt er, seine Geliebte, die polnische Gräfin Ewelina Hańska, zu heiraten. In Metz, in der Provinz, wo er sich 1846 längere Zeit aufhält und wo der Präfekt und der königliche Statthalter ihm geneigt sind, hofft er, die Trauung diskret vollziehen zu können. Am 17. September berichtet Balzac der Geliebten: „Die Provinz ist genau so, wie ich sie beschrieben habe: Nichts ist hier möglich.“ Trotzdem ist er da noch voller Hoffnung. Doch sein Plan scheitert am russischen Pass der Gräfin.

Der Schöpfer des „Grafen von Monte Christo“ und der „Drei Musketiere“, Alexandre Dumas (1802-1870), heiratet 1840 die Schauspielerin Ida Ferrier (bürgerlich Marguerite-Joséphine Ferrand), deren Eltern in Metz an der Place de Chambre Nr. 39 ein Kurierunternehmen für die Strecke nach Mainz betreiben.

Alexis de Tocqueville (1805-1859), Politiker und Publizist („Über die Demokratie in Amerika“), Sohn des Präfekten der Moselle, ist Schüler des königlichen Kollegs in Metz und eifriger Nutzer der reichhaltigen Bibliothek der Präfektur. In Metz entdeckt er mit einer gewissen Rosalie Malye aus Bitche die romantische Liebe. Darüber hinaus: „Seine entscheidenden Entwicklungsjahre verbrachte er in Metz, wo die Begegnung mit [den Werken von] Descartes ihn mehr als irgendeine andere geistige Berührung formte.“ (Carl J. Burckhardt)

Vergebliche Billets-doux

D(avid) H(erbert) Lawrence (1885-1930), Verfasser der skandalösen „Lady Chatterley“ (1928) kommt 1912 für kurze Zeit nach Metz, weil er der Baronin Frieda von Richthofen, verheiratete Weekly, nachreist, in die er sich kurz zuvor verliebt hat. Sie ist die Frau seines Professors in Nottingham, sie stammt aus Metz, ihr Vater ist nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 als Beamter der Zivilverwaltung in die nun deutsche Stadt übergesiedelt (Adresse: route d’Augny 205). Als Friedas Gatte am 4. Mai 1912 das fünfzigjährige Jubiläum seines Eintritts in die Armee feiert, ist das für sie ein Vorwand, ihn und die drei Kinder zu verlassen und sich mit Lawrence in Metz zu treffen. Er quartiert sich im Hotel „Deutscher Hof“ ein, in dem auch Frieda absteigt. Aber sie sind zur Heimlichtuerei gezwungen, er kann sie nur hin und wieder für ein paar Minuten sehen. So hat er sich die romantische Entführung der Geliebten nicht vorgestellt. Er schreibt ihr immer dringlichere billets-doux. Dann wird er auch noch unter dem Verdacht, ein englischer Spion zu sein, verhaftet, und als er wieder freigelassen wird, muss er Metz sofort verlassen. Das Paar trifft sich in Trier wieder, sie heiraten 1914 und bleiben bis zu seinem Tod zusammen. Literarische Frucht des kurzen Metz-Besuchs ist die Erzählung „The Prussian Officer“, die Lawrence 1913 schreibt.

Der rechtsnationale Schriftsteller („La Colline inspirée“) und antideutsche, antisemitische und antiparlamentarische Politiker Maurice Barrès (1862-1923) aus Charmes im Vogesen-Département hat nach seinen eigenen Worten ein einziges politisches Ziel: die Wiedergewinnung von Metz und Straßburg. In seinen Romanen geht es oft um den Ausbruch in die große, dekadente Welt, der mit der reumütigen Heimkehr nach Lothringen endet. Von einer seiner Frauenfiguren weiß man genau, durch wen sie inspiriert ist: durch eine junge Metzerin aus der dritten Etage von Haus Nr. 3 en Chaplerue, die Barrès 1907 dort gesehen hat. „Colette Baudoche. Histoire d’une jeune fille de Metz“ (1908) ist die Geschichte des preußischen Studienrats Asmus, der nach Metz versetzt wird und dort eine gewisse Aufgeschlossenheit gegenüber Land und Leuten entwickelt, besonders gegenüber der Tochter seiner Zimmerwirtin, Colette Baudoche – die als stolze Lothringerin seinen Heiratsantrag ablehnt. Eine zentrale Szene spielt in der Kathedrale von Metz, es ist die Feier zum Gedenken der 1870/71 Gefallenen. – Im November 1918 ist Barrès dabei, als Pétain in Metz einzieht, und verherrlicht das Ereignis in „La Minute sacrée“.

Bernard-Marie Koltès (1948-1989), auch am Saarländischen Staatstheater gespielter französischer Dramatiker („Kampf des Negers und der Hunde“), kommt in Metz als Sohn eines Offiziers zur Welt. Er wohnt in der rue d’Hannoncelles, dann in der rue du Génie, er besucht das Metzer Collège Saint-Clément, erhält seine Regieausbildung am Théâtre National de Strasbourg, beginnt in den 1970er Jahren, für das Theater zu schreiben. In „Retour au désert“ (1988) spielt er an auf seine Jugend in Metz zur Zeit des Algerienkrieges, indem er Personen die Namen von Metzer Stadtvierteln oder Straßen gibt (Madame Queuleu, Polizeipräfekt Plantières, Advokat Borny, Départementpräfekt Sablon und Mathilde und Adrien Serpenoise.

Auch viele deutsche Autoren haben über Metz geschrieben. An zwei von ihnen sei hier erinnert.

Französisches Café – deutsches Café

Als Theodor Fontane 1870 an die Schauplätze des Deutsch-Französischen Krieges reist, um für ein Buch zu recherchieren, wird er in Domrémy als Spion verhaftet und zwei Monate lang von den Franzosen festgehalten. Im folgenden Jahr, nach dem Fall von Paris, in der Zeit des Vorfriedens, unternimmt er einen zweiten Anlauf und kommt dabei auch nach Metz. Seine Beschreibungen der Stadt sind leicht baedekerhaft, und lange hält er sich bei der Belagerung von Metz im Jahr 1552 auf. Doch dann kommt er auf die Cafés zu sprechen, und der Unterschied zwischen dem „französisch“ gebliebenen Café de la Cathédrale und dem „deutsch“ gewordenen Café Heaume ist für ihn ein Beispiel dafür, wie „alles hier einen Gegensatz ausdrückt“. Fontane, alles andere als ein Nationalist, bejaht diesen Doppelcharakter der Stadt. Wie gut es ihm in Metz gefallen hat, merkt er selber und merkt der Leser erst so richtig, als er anschließend für nicht ganz einen Tag („zu lange“) in der Doppelstadt St. Johann-Saarbrücken Station macht, die für ihn „etwas Ödes und Tristes“ hat: „Es mochte ihr freilich zu Ungunsten gereichen, dass ich von Metz kam, das vor hundert anderen Städten etwas ausgesprochen Königliches hat.“

1925 veröffentlicht die saarländische Autorin Liesbet Dill (1877-1962) den Roman „Der Grenzpfahl“, der hauptsächlich in Metz spielt. Es geht um das Schicksal jener Reichsdeutschen, die nach dem von Deutschland gewonnenen Krieg von 1870/71 ins Reichsland Elsass-Lothringen gekommen sind und die nach der Niederlage 1918 nicht mehr wissen, wohin sie gehören. Im Zentrum steht eine junge Frau, Isy Mathieu, die als Tochter eines deutschen Offiziers in Metz geboren und aufgewachsen ist und dort einen Lothringer geheiratet hat. Nach dessen Tod als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg kommt sie bei Verwandten in Deutschland unter. Weil sie es müde ist, auf deren Almosen angewiesen zu sein, und weil ihr minderjähriger Sohn Erbe der väterlichen Fabrik in Metz geworden ist, lässt sie sich „naturalisieren“, d.h. sie nimmt die französische Staatsbürgerschaft an, und kehrt nach Metz zurück. Nun ist sie zwischen alle Stühle geraten: Für ihre deutsche Verwandtschaft ist sie eine Vaterlandsverräterin, für die lothringische Verwandtschaft bleibt sie eine „Boche“. Als sie es dann wieder mit Deutschland versucht, ist nicht ganz eindeutig, ob das aus Patriotismus geschieht oder wegen des Scheiterns ihrer Liebesbeziehung zum Schwager in Metz.

Diskutiert wird in dem Roman immer wieder die Frage, wohin ein Mensch gehört, der das Pech hat, Bewohner eines umkämpften Grenzlandes zu sein: in das Land, in dem er aufgewachsen ist, auch wenn es die Staatszugehörigkeit wechselt, oder in das Land, dessen Nationalität er besitzt. Die pro-deutschen Sympathien der Autorin scheinen eindeutig, samt nationalistischen Zungenschlägen; andererseits gibt Liesbet Dill aber auch dem Gedanken einer politischen Eigenständigkeit Lothringens Raum und plädiert für eine friedliche Auseinandersetzung der Völker. Und vor allem: Ihre Protagonistin entschließt sich am Ende, nach heftigen inneren Kämpfen, dann doch für ein Leben mit ihrem Sohn in Lothringen.