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Literarische Topografie

Fred Oberhauser (1923 – 2016)

Der Autor von hinten wie er auf einer Landstraße spaziert.

Foto: Martin Oberhauser

„Wer das Dichten will verstehen,
muß ins Land der Dichtung gehen;
wer den Dichter will verstehen,
muß in Dichters Lande gehen.“

Goethes Vierzeiler aus den „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des Westöstlichen Divans“, die er glaubte, seinem schwierigen späten Gedichtzyklus zur Erläuterung beigeben zu müssen, war ein, wenn nicht das Lieblingszitat Fred Oberhausers, das er häufig und mit emphatischer Begeisterung  vortrug. Das hat mehrere Gründe: Zum einen stellt Goethes „Divan“ (= Gedichtsammlung)  in seiner Auseinandersetzung mit dem altpersischen Dichter Hafis ein poetisches Zwiegespräch zwischen den Kulturen, Ländern und Zeiten dar; und versteht sich damit als ein Plädoyer für Toleranz, Begegnung und Gleichberechtigung auch einander fremder Kulturen.  Mit diesen „modernen“ und zeitlosen Wertsetzungen konnte sich Fred Oberhauser zeitlebens  identifizieren. Zum anderen benutzte er Goethes Verse gerne zur Legitimierung seiner selbstgesetzten Lebensaufgabe: der unermüdlichen literarischen Spurensuche und ihrer Dokumentierung in einer literarischen Topografie. Goethe spricht offenbar von einem imaginären oder fiktiven  „Land der Dichtung“, das dem „Besucher“ das Wesen der Poesie erschließen kann, und von dem konkreten Land der Dichter, das uns die Person des jeweiligen Dichters nahebringen kann. Fred Oberhauser hat immer alle vier Verse zitiert , wenn er den Impetus zu seiner topografischen Leidenschaft erklären wollte, so als erschließe sich das Land der Dichtung erst, wenn alle topografischen Punkte in allen Ländern aller Dichter endgültig erfasst seien.  Er war getrieben von der Vorstellung des Vollständigen, und die oftmals notwendigen Kürzungen vor der Veröffentlichung seiner Werke schmerzten ihn immer, weil es verschenktes Wissen war.

Konsequent war er ein leidenschaftlicher Büchersammler, seine Bibliothek in seinem St. Ingberter Wohnhaus war legendär. Gerne ließ er sich umgeben von Büchern fotografieren. Manchmal dachte ich, die Welt wird für ihn gewissermaßen zum Buch.

Fred Oberhausers Begriff der literarischen Topografie ging weit über landläufige Vorstellungen hinaus. Dass die Sichtbarkeit der äußeren Lebensbedingungen von Schriftstellern Rückschlüsse auf ihre Weltanschauung zulässt, ist fast eine Plattitüde: man braucht nur die Wohnhäuser Goethes und Schillers in Weimar miteinander zu vergleichen oder das Hebbel-Museum in Wesselburen zu sehen,  um zu entsprechenden Einsichten zu gelangen. Aber Oberhausers Topografie-Programm verfolgte viel substantiellere Ziele: es sollte interpretatorische Einblicke und Erhellungen in die Werke der Autoren bringen. Wer je ihn über Johann Michael Moscherosch (1601-1669) sprechen gehört hat, womöglich sogar vor Ort in Finstingen (Fénétrange), weiß, was ich meine. Der seiner Meinung nach viel zu wenig bekannte Autor des 17. Jahrhunderts lebte eine Zeit lang als Amtmann in diesem lothringischen Ort und verfasste dort Teile des ersten Bandes seines satirischen Romans „Gesichte Philanders von Sittewaldt“, der 1640 in Straßburg erschien. Auch wenn Moscherosch sein Werk als Übersetzung des spanischen Dichters Quevedo deklariert, entwickelt es sich zu einem völlig eigenständigen Roman mit autobiografischem Hintergrund; jenseits von den üblichen barocken Schäferromanen oder heroisch-galanten Romanen, orientiert am satirischen Schelmenroman und damit nur noch mit Grimmelshausens „Simplicissimus“ vergleichbar, widmet er sich der schonungslosen Darstellung seiner eigenen Gegenwart in einer kernigen, mitunter drastischen Sprache, in der auch die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges unverblümt geschildert werden.

Neben seiner unermüdlichen Werbung für diesen „realistischen“ Autor des 17. Jahrhunderts  war es die Beschreibung  der „Heuchelstraße“ im 2. Kapitel von dessen Roman, die für Fred Oberhauser ein Musterfall und Demonstrationsobjekt  für die Leistungsfähigkeit literarischer Topografie wurde. Er konnte nämlich zeigen, wie der Blick des Amtmanns aus seinem Amtshaus in Finstingen auf die Hauptstraße des Ortes minutiös in den Roman einfließt, wie Amtshaus, Schloss, Kirche, Spital, Handwerkerviertel und die beiden die Straße begrenzenden Tore konkret beschrieben, in der Romanhandlung jedoch nach Paris verlegt werden und letztendlich aber in einer noch weiteren Überhöhung zur satirischen Demonstration des heuchlerischen Laufes der Welt dienen.

Die Straße von Finstingen wird auf diese Weise in barockem Sinn zur Allegorie der irdischen Welt, das kleinstädtische Leben darin zum großen Welttheater: „… hast du Lust die Welt zu schauen, wie ich merke, so komm mit mir, ich will dich die vornehmste Straße führen, in welcher alles das beisammen zu finden ist, was sonst hin und wieder durch die ganze Welt nur stückweise anzutreffen ist. Ich will dir die Welt nicht in einem Spiegel oder Gemälde zeigen, sondern so wie sie in ihrem Wesen ist, denn was du bisher gesehen hast, ist nur die bloße Schale, der bloße Schein von dem, was ich dir fürder zeigen werde…Wie heißt denn, oder um deutsch zu reden, wie nennt man denn die vornehmste Straße der Welt? Sie wird…Heuchelstraße genannt, sie ist die größte der Welt, denn sie geht vom obern Thor bis zum untern, vom Anian bis Magelhaen, von Nowaja Sembla bis Neu-Guinea, von Ormus bis Sevilla, von Grönland bis Sumatra, vom Kap der guten Hoffnung bis Archangel, von China bis Island………Es ist niemand unter den Menschenkindern, der nicht eine Wohnung oder doch wenigstens eine Kammer oder einen Aufenthalt in einem derselben hat…… In eifriger Unterredung kamen wir mitten in diese große Straße, worin ich das alles sah, was der Alte mir vorher gesagt hatte, wir begaben uns dann auf einen hochgelegenen Ort, von wo man alles gut beschauen und übersehen konnte.“  Diese Transponierung eines Mikro-  zu einem Makrokosmos, von der konkreten Anschauung zur philosophischen Welterkenntnis, von der Beschreibung der regionalen Örtlichkeiten zur „Weltliteratur“ faszinierte Fred Oberhauser und bestätigte ihn in seiner Wertschätzung der literarischen Topografie. Sein Freund Ludwig Harig hat diesen Prozess der Poetisierung der Welt bei Moscherosch in Worte gefasst: „So ist diese Straße nicht aus Stein und Ziegel, sondern aus Worten gebaut. Es ist die Sprache des Dichters, der sie aus Sätzen gemacht hat. Die Gefüge dieser Sätze bauen diese Straße. Wort für Wort erhebt sich ein Haus, die Laute sind Türen und Fenster, Mansardenvokale und Erkerkonsonanten.“

Ludwig Harig, Fred Oberhauser, Manfred Römbell und Rainer Petto bei einer Lesung in den 70er Jahren. Foto: René Maltha

Fred Oberhauser war kein Literaturtheoretiker. Theoretische Vorgaben über die Literatur zu stülpen, war ihm zutiefst fremd. Er vertraute auf die konkrete Anschauung, ganz im Sinne von Christian Wolffs und Lessings aufgeklärtem Begriff von der anschauenden, also bildhaften Erkenntnis als einem im Grunde der logischen Erkenntnis gleichberechtigten Erkenntnisvermögen. So war seine Vorgehensweise, Literatur zu erklären, im Grunde induktiv, ausgehend von der Einzelbeobachtung auf das Ganze schließend und damit den konkreten, sinnlichen Ursprung der Dichtung immer wieder betonend. Sein Literaturbegriff war nahezu haptisch, sodass seine literarische Topografie „Literatur zum Anfassen“ bieten wollte. Die Dichter schrieben nicht in einem luftleeren Raum ätherische Texte, sondern waren menschliche Wesen, die in ihren Werken ihre eigene Lebenswirklichkeit kunstvoll verarbeiteten. Dieser „handfeste“ Aspekt des Literarischen war es denn auch, der Fred Oberhauser an die „Heimat“ oder Region band. Die literarische Spurensuche konnte gleich vor Ort beginnen, es bedurfte keiner großen Reisen (wenngleich er sie ungemein liebte), um mit der literarischen Topografie loszulegen. In diesem Sinne betrieb er auch eine Emanzipation der Region oder der Provinz, weil für ihn das Kennen und Erfahren der eigenen Ursprünge eine wesentliche Basis für literarische Erfahrung war. Das Wissen um die literarische Dimension regionaler Elemente verleiht dem Altbekannten eine ungeahnte „Aura“, bedeutet gewissermaßen eine Poetisierung des Vertrauten. Verbunden mit seinem „politischen“ Begriff von Heimat und Region, der niemals „tümelnd“ war, sondern emanzipatorisch immer in die Welt wies, gelang ihm auf diese Weise sehr früh eine bedeutsame Aufwertung der kulturellen Leistungen in der Saarpfalz, der er als St. Ingberter entstammte; und der Saarregion insgesamt, für die er erstmals ein überregionales Bewusstsein schuf.  Seine einflussreiche und kulturelle Aktivitäten fördernde Tätigkeit als Kultur- und Literaturredakteur beim Saarländischen Rundfunk und Fernsehen ist hier natürlich zu nennen; sein einzigartiger Kunst-Reiseführer „Saarland“, der wie kein zweites Buch unserem Bundesland seine kulturelle Identität, vor allem auch unter Einbeziehung der Industriekultur, zugesprochen hat; das erste Saarpfalz-Lesebuch, das er zusammen mit Martin Baus und Bernhard Becker herausgegeben hat und mit dem das beachtliche literarische Erbe unserer Region erstmals dokumentiert wurde; nicht zuletzt die Gründung des St. Ingberter Literaturforums (ILF), das mit seinen Autorenlesungen und anderen Veranstaltungen seine Heimatstadt zu einer veritablen „Literatur-Stadt“ gemacht hat.

Foto: Privat

Sein Lebenswerk ist jedoch fraglos der „Literarische Führer Deutschland“, der nach mehreren Vorgängern (Bundesrepublik, Berlin) ein gigantisches, gesamtdeutsches Kompendium literarischer Topografie darstellt, das minutiös die vielfältigsten Beziehungen zwischen Schriftstellern und Orten verzeichnet und unter dem Signum „Der „Oberhauser“ (wie seinerzeit „Der Baedeker“) das einschlägige Handbuch für literarisch interessierte Reisende darstellt. Es macht auf jeder Seite deutlich, welche oft unbekannte oder verdeckte kulturelle Vielfalt in jeder Stadt und jedem Dorf aufzufinden ist, wenn man sich nur darum bemüht. Und fasst die Ergebnisse zusammen, die Fred Oberhauser auf zahllosen Reisen, zumeist mit seiner Frau Gabriele, als unermüdlicher literarischer Spurensucher zusammengetragen hat.

Welchen Stellenwert für ihn – ungeachtet aller weltliterarischen Exkurse und überregionaler Aktivitäten –  letztendlich doch die saarländische Region immer besaß, verdeutlicht das letzte Projekt des „Projekteanregers und –machers“ Fred Oberhauser, mit dem er gewissermaßen ins Saarland heimkehrte:  ein saarländisches Online-Literaturportal, das als work in progress das regionale literarhistorische Wissen bündeln und ähnlichen Projekten in anderen Bundesländern die erstaunliche Qualität und Quantität  der saarländischen Kultur an die Seite stellen sollte. Er selbst, für den als kultureller „Handarbeiter“  die neuen digitalen Technologien immer fremd blieben, konnte nur noch den konzeptionellen Anstoß geben und modellhafte Vorarbeiten leisten; seine Frau und seine „Schüler“, literaturwissenschaftlich versierte Freunde und Vertraute, werden unter der technologischen Ägide seines Sohnes Martin und unter redaktioneller Federführung von Rainer Petto das inzwischen vom Kultusministerium geförderte Projekt vorantreiben.

Am 7. Februar 2016 ist Fred Oberhauser 92-jährig gestorben. Mit ihm verlieren wir einen, wenn nicht den „Motor“ im Bereich der saarländischen Kulturschaffenden, einen ruhelosen Anreger und Förderer, ein seismografisches literarhistorisches Gedächtnis. Es bleiben uns seine Bücher, in denen wenigstens Teile davon abgespeichert sind, und die Erinnerung an einen bekennenden Saarländer, gleichzeitig engagierten Europäer und Weltbürger und immer originellen Erzähler, in dessen Leben zentral die leidenschaftliche Liebe zur Literatur und Kultur stand. (RM)