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Walter Wolter

geb. 3. Mai 1950 in Nunkirchen, heute Ortsteil von Wadern, Kreis Merzig-Wadern

PORTRAITDer Abenteurer unter den saarländischen Schriftstellern

Auf einer Webseite hieß es, er sei nach Süddeutschland gezogen. Aber nun ist er doch noch anzutreffen in seinem efeubewachsenen Elternhaus in Nunkirchen. Er könne hier erst die Tür hinter sich zumachen, wenn die ihm zugelaufene alte Katze in die Ewigen Jagdgründe eingegangen sei, sagt Walter Wolter. Ein Naturmensch mit großer Empathie für die Kreatur. Und ein Geschichtenerzähler. In der Hochwaldgemeinde Nunkirchen, aus der er in jungen Jahren das Weite suchte, um Jahrzehnte später zurückzukehren, wirkt er etwas wie ein legal alien. Nein, seine Eltern hatten mit Wortspielen nichts im Sinn, als sie, die Wolters, ihn Walter nannten. Namensgeber war ein im Krieg gefallener Bruder der Mutter. Walters Vater hat sie, die Mutter, bis zu ihrem Tode mehrere Jahre lang gepflegt.

Hinter dem Elternhaus erstreckt sich hangaufwärts ein verwunschener Garten mit Teich und Rasen, Büschen und Bäumen, mit Einfriedungen zum Sitzen und Feuer machen. Um den Teich hocken Frösche gut getarnt. Unter einem Apfelbaum zwei Teakstühle, an einem Sommernachmittag ein guter Platz für ein Gespräch über Leben und Werk des Walter Wolter.

Bis zur Obersekunda ging Walter Wolter aufs Gymnasium in Lebach, dann schmiss er die Schule: „Probleme mit den Autoritäten des Schulwesens“. (Wolter). Das muss um 1966 gewesen sein. Eine Zeit des Jobbens schließt sich an; seine Verlagsbiographie machte ihn später zum Wanderarbeiter und Holzfäller. Auf jeden Fall hat er in der Forstwirtschaft mit angepackt, auf Holzplätzen gearbeitet. Damals schon, mit sechzehn, hat er angefangen zu schreiben. Mit noch nicht achtzehn meldete er sich zur Bundeswehr, „um die Sache schneller hinter sich zu haben“. Die Bundeswehr, das war vom Regen in die Traufe. Widersetzlichkeit gegen Vorgesetzte, mangelnde Unterordnung, fehlende Einsicht in Befehle. Da wuchsen die Probleme mit Autoritäten ganz schön in den Himmel.

Nach dem Militärdienst verwertet Walter Wolter die in der angeblichen Schule der Nation und in verschiedenen Kampfsportarten erworbenen Fertigkeiten als Söldner in Afrika und auf den Philippinen. Er bildet Milizionäre in Nahkampf aus. Später, als Journalist, nutzt ihm seine Söldner-Legende, um sich under cover in den Bund deutscher Legionäre einzuschleichen. Den Bund hat ein adliger Ex-Rechtsanwalt aufgebaut, Adelmann Graf von Adelmannshausen. Mit einem Artikel im Konstanzer „Südkurier“ lässt Walter Wolter die gesetzwidrigen Praktiken des Legionärsgrafen hochgehen (1986). Den Typ Söldner hat Wolter wieder einige Jahre später als Schriftsteller überaus beklemmend dargestellt: erst im Erzählungsband „Gefallene Männer“ und dann im Kriminalroman „Zur Hölle mit den Wanderfalken“. Auch anderen abgefahrenen Begebenheiten seines Lebens, – Stichwort: der Fötus im Schraubglas auf einem Hotel-Nachttisch in Manila – kann man in Wolters Kurzgeschichten begegnen.

Die deutsche Sehnsucht nach Abenteuern in fernen Ländern, sie trieb nicht nur ihn hinaus, sondern auch den Bundeswehrfeldwebel Werner Freund in Merzig (1933–2014). Der umgab sich mit allerlei exotischem Getier, warf Besuchern und Besucherinnen in seinem Wohnzimmer gerne mal eine Boa constrictor zu und kümmerte sich, wenn er nicht Rekruten in die Techniken des Nahkampfes einwies, um die Maskottchen seines Fallschirmjägerstandortes: ausgewachsene Bären, die in Käfigen gehalten wurden. Später lebte er mit Wölfen zusammen und gründete einen Wolfspark in Merzig, der heute seinen Namen trägt. Mit Werner Freund ging Walter Wolter Mitte der 1970er Jahre auf Expedition in die Wildnis Papua-Neuguineas, Südamerikas, Afrikas. Daraus entstand ein Reportageband, der 1980 erschien, mit Bildern von heute einzigartigem dokumentarischem Wert. Viele Jahre später, 2003, schrieb Wolter eine Biographie seines Freundes Freund, die der Gollenstein Verlag herausbrachte.

Raubein, Abenteurer, Naturbursche – da denkt man nicht unbedingt daran, dass Walter Wolter von Jugend an sehr viel Literatur gelesen hat und liest. Die Klassiker, Hesse, Wiechert, Wilhelm Raabe, ja, auch Lyrik von Friedrich Nietzsche. Später entdeckte er Johannes Kühn für sich, den er seither besonders verehrt.

Nachdem er auch das Schreiben für sich entdeckte hatte, schickte Wolter seine Texte zur Veröffentlichung herum. Ignaz Kessler (1914 – 2005), Chefredakteur der „Trierischen Landeszeitung“, erkannte Wolters Begabung und gab ihm ein – natürlich verkürztes – Volontariat, die Ausbildung zum Zeitungsredakteur. Als solchen zog es Wolter zum Bodensee, zum „Südkurier“ in Konstanz. Aber die überwiegend verwaltende Arbeit des Redakteurs, der fremde Texte redigieren und seinen kreativen Raum von Anzeigen zurechtstutzen lassen muss, war auf Dauer nichts für ihn. Mit immerhin jenseits der Vierzig machte er den Schritt vom Reporter und Journalisten zum freien Schriftsteller. Zunächst lebte er in Bad Säckingen. Nachdem Ende der 1990er Jahre sein Vater gestorben war – „schnell und ohne jemanden in Anspruch zu nehmen“ (Wolter) – ging er zurück nach Nunkirchen. Dort ist er dann – so erzählt er – an den Anforderungen des sanierungsbedürftigen Elternhauses und des großen Hang-Grundstückes „hängengeblieben“.

Seine ersten belletristischen Texte erschienen in Zürich. Dort brachte der Haffmans Verlag 1997 und 2000 zwei skurril gestaltete Bände mit Kurzgeschichten heraus – „Gefallene Männer“ und „Flirt mit zwei Nonnen“. Der erste Roman wird 2001 veröffentlicht; eine Geschichte von Hässlichkeit, Habgier, Eifersucht, Missgunst und Mord: „Sau tot oder die verlorene Ehe des Herrn Köttelgruber“. Eine rabenschwarze Groteske mit zwei der widerwärtigsten Romanfiguren der zeitgenössischen deutschen Belletristik. Vielleicht ein bisschen too much: der fiese Schweinemäster ist auch noch körperlich ekelhaft, und der kleinwüchsige vermeintliche Analphabet, der auf Befehl mordet, stammelt Verse von Nietzsche, während er Leute in der Jauchegrube versenkt.

Wolters Sprache ist manchmal geschliffen und elegant, aber auch unverblümt und kaltschnäuzig. Auf politische Korrektheit und daraus sprießende Wortverklemmungen nimmt er keine Rücksicht. Deshalb ist bei Wolter auch nicht jedes tödliche Ende ein unglückliches.

Nach einem siegreichem Boxkampf_1970er Jahre

Im gleichen Jahr wie “Sau tot“ erblickt, ebenfalls noch in Zürich, Walter Wolters erster Kriminalroman mit Bruno Schmidt das Licht der Welt. Nach Lektüre der „Gefallenen Männer“ könnte man ihn für eine Mischung aus Boxer und Detektiv halten, den Hauptfiguren zweier Stories aus dieser Sammlung. Bruno Schmidt, „ein mittelgroßer, mittelblonder Mann in mittleren Jahren“, ist ein abgetakelter Box-Champion, der sich als Privatdetektiv mit grenzwertigen Aufträgen über Wasser hält. Vor der Durchschnittlichkeit bewahren ihn eine empfindsame Seele, Menschenkenntnis, Gerechtigkeitssinn und eine verbeulte Physiognomie à la Jean Paul Belmondo. In „Hundstage, Wolfsnächte“ (2001) endet er beinahe in den Fängen zweier Dobermänner namens Himmler und Röhm. Und das im Hunsrück-Wald, im Dorf Wulfsgruben. Das hat nur ein –u- mehr im Namen als Nunkirchen, ist aber fiktiv und liegt obendrein in Rheinland-Pfalz. Als Taschenbuch erscheinen die „Hundstage“ mit dem Etikett „Saarland-Krimi“. Nach 2001 schickt Walter Wolter seinen ramponierten Helden bis 2009 noch in fünf weitere Abenteuer. Saarländisch sind sie insofern, als Bruno Schmidt , der aus Mannheim anreist, wo sein Stammquartier Blaue Ecke in einem sozialen Brennpunkt angesiedelt ist, an saarländischen Schauplätzen ermittelt. Zum Beispiel im Wald hinter dem Wolfspark von Werner Freund in Merzig. („Zur Hölle mit den Wanderfalken“). Ob Bruno Schmidt nach „Der Fremde aus dem Wald“ noch einmal zurückkehren wird aus der Ferne, in die er entschwunden ist? Eher unwahrscheinlich. Nicht nur, weil der Gollenstein-Verlag, der Wolters Arbeiten ab 2003 publizierte, inzwischen seinen Betrieb eingestellt hat. 

Das Gespräch bewegt sich wie der Blitz durch die Themen. Alter, Krankheit, Tod. Privates wird nur gestreift. Um eine Familie zu gründen, war Walter Wolter wohl zu sehr Einzelkämpfer, sein Leben zu unstet. Also keine Hochzeit, keine Ehefrau. Die eine oder andere Partnerin, einige sind Freundinnen geblieben. Kinder, ja, könnte es schon geben. Später wird er nachtragen, dass es eine Tochter gibt, die heute um die 40 ist, zu der er aber keinen Kontakt hat.

Nach dem Interview serviert Walter Wolter Kaffee im Wohnzimmer. Es sieht aus wie das Abenteuermuseum von Heinz Rox Schulz, den er kannte und schätzte. In Regalen, an den Wänden Fotos und Erinnerungsstücke aus all den Expeditionen. Was einmal damit wird, wenn…? Mit dem Schreiben hat Walter Wolter abgeschlossen. Dass man über ihn schreibt, na ja. Zuviel Aufhebens um seine Person, findet er. (IP) ZITAT