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Waltraud Riehm

geb. 27. April 1936 in Saarbrücken-Gersweiler, lebt heute in Hagen/Westfalen

Bei Regievorbereitung, 1990er Jahre

Von der Verkäuferin zur Journalistin und Schriftstellerin: ein modernes Märchen. Für Waltraud Riehm wäre es fast wahr geworden. Aber ihre Theaterstücke erlebten nur wenige Aufführungen, gedruckt wurden sie nicht, und ihr wichtigstes, ihr bestes Werk blieb unveröffentlicht.

Schon als Kind wollte Waltraud Biendel Schriftstellerin werden. So sein wie Françoise Sagan. Als junges Mädchen schrieb sie ihre erste Geschichte: „Ein Mädchen will nach Rom“. Aber nicht in den Petersdom, sondern nach Cinecittà.

Waltraud Biendel stammt aus einer Arbeiterfamilie. Der Vater, Elektriker bei der Firma Langhammer, war aus Gersweiler (heute Stadtteil von Saarbrücken), die Mutter aus dem schwäbischen Backnang. Waltraud war vier Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. 1942 kam sie in die Schule, ein Jahr später schickte die Mutter sie nach Backnang zur Oma, um sie vor den Bombenangriffen in Sicherheit zu bringen. Als Waltraud Biendel in ihre Schule nach Gersweiler zurückkehrte, war der Krieg zu Ende, aber sie sprach schwäbisch. Über „Backnang, meine Stadt“ hat sie später eine kleine Broschüre geschrieben.

Ihr Vater war einer von nur ein paar Tausend deutschen Soldaten, die Stalingrad überlebten; 1949 kam er aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. 1950 ging Waltraut Biendel von der Volksschule ab. Da war sie vierzehn. Ihre Lehrerin hatte zwar empfohlen, das Kind auf eine weiterführende Schule zu schicken, doch die Mutter meinte, so zitiert Waltraud Riehm aus der Erinnerung: „wenn einer das macht, ist es der Bub!“

Das Mädchen machte also eine Lehre in einem Feinkostladen, schloss mit einem Gesellenbrief ab. Das war noch in der Trümmerzeit. Im ersten EDEKA-Supermarkt von Saarbrücken – damals im Haus Kirchner – erlebten Waltraud Biendel und ihre Kolleginnen den Wiederaufbau der Stadt und die Wiedergeburt der Saarbrücker Bahnhofstraße mit. Sie starteten als Einzelhandelskauffrauen ins Erwachsenenleben; damals nannte man ihren Beruf noch „Verkäuferin.“ Der war im aufkommenden Wirtschaftswunder nicht der schlechteste. 1957 heiratete sie und hieß nun Riehm. Den Beruf gab sie auf. Drei Kinder kamen: zuerst Tochter Susanne (1960), dann die beiden Söhne Helmut (1966) und Christian (1971). Die Familie ließ sich in Honzrath (heute Orsteil von Beckingen, Kreis Merzig-Wadern) nieder. ZITAT

Etwa Mitte der 1960er Jahre bietet sich ihr, die „nebenher“ immer geschrieben hat – kurze Stücke, alle unveröffentlicht – die Chance, als Autorin für die Lokalredaktion Merzig der „Saarbrücker Zeitung“ zu arbeiten. Die Familie ist dagegen, aber Waltraud Riehm setzt sich durch. Sie hat ein Gespür für Dramatik und emotionale Geschichten, die im Alltäglichen zu entdecken sind; sie hat Witz und einen Sinn für Pointen. Und sie kann Menschen zum Reden bringen. Waltraud Riehm lebt inzwischen in Merzig. 1982 trennt sie sich von ihrem Mann. Nun hat sie die Freiheit, die sie zum Schreiben braucht, aber leben kann sie davon kaum, zumal mit drei Kindern. Waltraud Riehm schafft es irgendwie, als freie Mitarbeiterin der Zeitung. Einige ihrer Reportagen über Menschen im Kreis Merzig-Wadern erscheinen als Buch.

Szenenfoto „Zeit der Schuldlosen“ 1993

Waltraud Riehm ist fasziniert von der Geschichte und dem Theater. Mit ihrem ersten Theaterstück greift sie ein Ereignis aus der Geschichte des Merziger Landes auf: den Hochgerichtstag am 2. August 1593 auf Burg Montclair, der die Lawers Barbel und zwei weitere Bewohner des Dorfes Merchingen (heute Stadtteil von Merzig) wegen angeblicher Hexerei zum Tode verurteilt. „Die Zeit der Schuldlosen oder Die Zärtlichkeit der Wölfe“ ist eine Auftragsarbeit des Landrats des Kreises Merzig-Wadern. Die Uraufführung in der Inszenierung von Werner Paulus findet 1993 statt, als die restaurierte Burgruine Montclair bei Mettlach für das Publikum wieder zugänglich gemacht wird – und 400 Jahre nach dem Hochgerichtstag und dem Tod der unglücklichen Lawers Barbel. Bereits 1986 hat Waltraud Riehm deren Schicksal in einer Erzählung nachgezeichnet, „Die Spur der Hexe“. Sie hat sie im Selbstverlag herausgebracht, den sie Sumerer-Verlag nennt.

Ihr zweites Theaterstück erweckt Barock-Baumeister Christian Kretzschmar, den Architekten der Alten Abtei in Mettlach, zum Leben. Es wird mehrfach aufgeführt, u.a. in Merzig, Mettlach, Saarburg, Trier und Saarbrücken. Gespielt wird es von Waltraud Riehms eigenem Laien-Theater-Ensemble, der Waltraud-Riehm-Compagnie, und die Autorin führt nun auch Regie.

Der historische Roman „Yolanda“ ist ihr erstes „richtiges“ Buch, gebunden, mit festem Deckel, ansprechend aufgemacht und illustriert im Stil mittelalterlicher Buchmalerei. Es erscheint 2007 im Paulinus-Verlag Trier und erzählt die Geschichte der luxemburgischen Adelstochter Yolanda von Vianden (1231–1283) , die ihrer Mutter das Recht abtrotzt, ins Kloster zu gehen und Ordensfrau zu werden. Als Vorlage diente Waltraud Riehm der Codex Mariendalensis, eine Versdichtung des Dominikanermönchs Hermann von Veldenz in westmoselfränkischer Sprache aus der Zeit um 1300. Das Schicksal dieser Handschrift und das Wiederauffinden der einzigen erhaltenen Abschrift durch den luxemburgischen Sprachwissenschaftler Guy Berg wäre einen eigenen Roman wert. Es wird in aller Kürze im Anhang zu „Yolanda“ erzählt.

Danach geht Waltraud Riehm an ihr umfangreichstes Werk: „Beginn eines Traums“. Die Saga einer Hüttenarbeiter-Familie von 1844 bis in unsere Gegenwart. Es ist die Geschichte ihrer eigenen Familie. Ein Aufbruch im Bayerischen Wald Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Ziel Amerika und Stationen in den Industrierevieren Lothringens und der Saar. Eine Geschichte mit fast so großem Atem wie Ernst Moritz Mungenasts Familiensaga „Tanzplatz der Winde“.Veröffentlicht wurde Waltraud Riehms wichtigstes Werk nicht mehr. Zwar hatte der Paulinus-Verlag zugesagt, es zu drucken und auf den Markt zu bringen. Aber dazu kam es nicht, denn Waltraud Riehm erlitt einen Herzstillstand und musste sich danach mühsam ins Leben zurückkämpfen. Inzwischen ist sie über achtzig, und an Schreiben nicht mehr zu denken. ZITAT

In Merzig erinnert man sich nicht nur an ihre Reportagen und Theateraufführungen. Gelangt man, zum Beispiel nach einer literarischen Wanderung auf den Spuren Gustav Reglers und steilem Aufstieg über das Zappelpfädchen auf den Kreuzberg, kann es geschehen, dass ein Glas Auxerrois kredenzt wird. Seit 2004 wird nach hundert Jahren auf dem Kreuzberg wieder Wein angebaut. Dass wieder weithin die Weinstöcke zu sehen sind, hat Waltraud Riehm initiiert und im Bunde mit der Stadt Merzig und   gleichgesinnten Merziger Bürgern durchgesetzt. (IP)