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Theodor Balk

geb. 22. Sept. 1900 in Zemun (Österreich-Ungarn, heute Serbien), gest. 25. März 1974 in Prag

In der Zeit vor dem Referendum vom 13. Januar 1935, bei dem die Saarländer sich mit überwältigender Mehrheit für den Anschluss ihres Landes ans Dritte Reich entscheiden, erscheinen zahlreiche journalistische und propagandistische Publikationen, unter denen die Reportagen von Theodor Balk hervorragen.
Man dürfe sich Theodor Balk „durchaus als einen frühen Günter Wallraff vorstellen“, schreibt Ralph Schock. Da Balk an der Saar nicht bekannt ist, empfangen die führenden Vertreter der Anschluss-Fronde ihn, und er kann Leuten wie Hermann Röchling aufschlussreiche Äußerungen entlocken. Balks Position ist klar: Er ist Kommunist und gegen den Anschluss. Dass er parteiisch ist, hindert ihn nicht daran, gründlich zu recherchieren und alle Seiten zu Wort kommen zu lassen – in der Erwartung, dass sie sich selber entlarven. So geben seine Reportagen ein differenzierteres und tiefer gehendes Bild der Vor-Referendumszeit an der Saar als andere meist auch interessegeleiteten zeitgenössischen Darstellungen.

Ralph Schock hat Balks Biographie detailliert nachgezeichnet. Theodor Balk (eigentlich: Dragutin Fodor) ist promovierter Mediziner, der sich früh auch journalistisch betätigt. Schon als Schüler engagiert er sich in der kommunistischen Jugendbewegung. 1929 verlässt er das zur Diktatur gewordene Jugoslawien und geht nach Berlin ins Exil, wird Mitglied der KPD und des kommunistisch orientierten „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“. Er publiziert in kommunistischen Zeitschriften und schreibt auch einen Roman („Kapitalisten, Bonzen, Metallarbeiter“). Im Rahmen einer Großaktion von SA und Polizei im März 1933 wird Balk vorübergehend inhaftiert und misshandelt. Er geht zum zweiten Mal ins Exil, zunächst nach Prag, dann nach Paris. Von Mitte bis Dezember 1934 hält er sich im Saargebiet auf und schreibt unter anderem für die in Saarbrücken erscheinende „Deutsche Volks-Zeitung“. Sein Buch mit den Saar-Reportagen, „Hier spricht die Saar“, erscheint Ende 1934 in der Sowjetunion, in England, in der Schweiz und im Saargebiet. Rezensiert wird es unter anderem von Gustav Regler, der selber mit dem Roman „Im Kreuzfeuer“ in den Abstimmungskampf eingreift. Regler rühmt die „von Balk geübte Objektivität“, mit der die in der „roten Reportage“ übliche Schwarzweißzeichnung überwunden werde. Ralph Schock als Kenner der Literatur jener Epoche schließt sich diesem Urteil an: „Ich kenne kein anderes Dokument aus jener Zeit, in dem so glaubwürdig wie einfühlsam, so nachvollziehbar wie detailliert die Atmosphäre der allgegenwärtigen Bedrohung und zugleich die mentale und gefühlsmäßige Gestimmtheit der verschiedenen Bevölkerungsgruppen während jener entscheidenden Wochen aufgezeichnet sind.“

Vom Saargebiet aus reist Balk zurück nach Paris, wird aus Frankreich ausgewiesen, arbeitet 1936 im Spanischen Bürgerkrieg als Bataillonsarzt der Internationalen Brigaden. Nach Kriegsausbruch wird er in Frankreich inhaftiert, kann nach Mexiko emigrieren, gelangt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder nach Europa, wo er in die innerkommunistischen Auseinandersetzungen hineingezogen wird. Als Tito 1948 mit Stalin bricht, glaubt Balk es seiner politischen Überzeugung schuldig zu sein, zur Sowjetunion zu halten und seiner Heimat Jugoslawien den Rücken zu kehren. Er siedelt Prag über, der letzten Exilstation seines Lebens. 1968 unterstützt er den Prager Frühling und wird aus der Partei ausgeschlossen.

Ralph Schock hat Balks Reportagen, zusammen mit den Vor-Referendums-reportagen von Philippe Soupault und Ilya Ehrenburg, 2005 in einem Sammelband beim Blieskasteler Gollenstein-Verlag herausgegeben, nachdem sie separat als Faksimile der Ausgabe von 1934 bereits 1984 im St. Ingberter Röhrig-Verlag erschienen waren. (RP)