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Gerhard Tänzer

Oberkörperaufnahme des Autors vor einer weißen Hauswand

Foto: Privat

geb. 18. März 1937 in Nordhausen/Thüringen

Lyriker, Verslehrer, Thüringer, Saarländer.

Gerhard Tänzers Geburtsstadt Nordhausen am Rande des Harzes wird Anfang April 1945 von britischen Bombern zerstört, die Familie verliert ihr Haus nebst allem Hab und Gut. Der Vater ist schon seit 1940 zur Marine eingezogen und kehrt erst 1948 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück. Die Mutter sichert sich und ihren beiden Söhnen mühsam das Überleben. Im neuen ostdeutschen Staat setzt sie durch, dass ihr Sohn Gerhard, obwohl die Eltern keine Arbeiter und auch nicht in der Partei sind, einen Platz in der Humboldt-Oberschule erhält. Dort legt Gerhard Tänzer die Reifeprüfung ab, bewirbt sich vergeblich um einen Studienplatz für das Fach Geologie an der Universität Jena und beginnt ein Praktikum im Kali-Bergwerk „Karl Liebknecht“ in Bleicherode. Da er wegen Vernachlässigung der geforderten gesellschaftspolitischen Aktivität auch für später keine Aussicht auf einen Studienplatz hat, verlässt er 1955 im Einverständnis mit seiner Familie die DDR.

Vorübergehend wird Gerhard Tänzer bei Verwandten in Göttingen aufgenommen, dann kommt er unter in Flüchtlingslagern in Uelzen und Stukenbrock und einem Heim in Münster. Schließlich kann er, nach Bestehen der Anerkennungsprüfungen für sein ostdeutsches Reifezeugnis, in Göttingen das Studium der Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte aufnehmen. Nach den Examina ist er Studienreferendar in Delmenhorst und Oldenburg und Studienassessor und Studienrat in Hannoversch Münden und Einbeck. In Oldenburg begegnet er Janine Pitard, einer französischen Assistentin aus Bordeaux. Nach ihrer Heirat im Jahr 1966 lassen sie sich an Schulen in Lothringen und im Saarland versetzen. Sie wohnen einige Jahre in Lothringen (St. Avold, dann Creutzwald) und seit 1977 im Saarland auf dem Beruser Berg bei Saarlouis. Gerhard Tänzer unterrichtet bis 2000, zuletzt als Studiendirektor, am Aufbaugymnasium, dem späteren Max-Planck-Gymnasium Saarlouis.

Sein Leben bis zum Verlassen der DDR hat Tänzer in dem Buch „Himmelbrand“ (2012) geschildert. Es ist eine bewusst nüchtern gehaltene Prosa, Tänzer vermeidet jede Gefühligkeit. Stilistisch geschult an Uwe Johnson, verfremdet er in seinen Beschreibungen das allzu Geläufige und betont durch ungewöhnlichen Satzbau den literarischen Charakter seiner Prosa. Doch das tut weder dem realen Gehalt noch der emotionalen Wirkung auf den Leser einen Abbruch.

In der Hauptsache allerdings ist Gerhard Tänzer Lyriker. Er hat großes Interesse an den formalen Aspekten der Poesie, er spielt immer wieder mit der graphischen Gestaltung wie auch mit den unterschiedlichen Gattungen der Lyrik. Das geht jedoch nie auf Kosten des Inhalts. Tänzers Lyrik ist immer zugänglich, klar, nicht verrätselt, nicht dunkel.

Sein erstes Gedicht schreibt er auf der Grundschule, ein Frühlingsgedicht, von der Lehrerin als Hausaufgabe gestellt. Es ist nicht erhalten, ebenso wenig wie die Gedichte aus der Studentenzeit, frei nach Paul Celan.

Um 1970 stößt Gerhard Tänzer auf die österreichische Zeitschrift “neue texte“, die auf konkrete Poesie spezialisiert ist, für sie schreibt er eine Reihe sprachspielerischer und visueller Gedichte. Durch diesen Kontakt gelangen Tänzers Wortbilder zur Ausstellung in Galerien in Linz/Donau, Regensburg, Wien, Madrid und zuletzt (1980) im Kunstmuseum (Sprengelmuseum) Hannover. Einige dieser Texte versendet Gerhard Tänzer später auch als Mail Art. ZITAT

„Um von sich selbst mitteilen zu können, von seinen Wahrnehmungen, Empfindungen und Erinnerungen“, beginnt Gerhard Tänzer im Laufe der 1970er Jahre, erzählende Gedichte („Alltagsgedichte“) zu schreiben. Ihre Kennzeichen: „Beobachtung täglichen Geschehens als etwas Besonderes, des Verhaltens einfacher und exponierter Menschen, von natürlichen und politischen Vorgängen, teils gesellschaftskritisch teils ironisch-melancholisch gefasst in die Sprache des Prosagedichts“ (beide Zitate Eigenaussagen des Autors).

In den 80er Jahren zeigt Tänzer sich als literarischer Didaktiker, indem er einen trockenen Lehrstoff an reizvollen Beispielen illustriert. Mit selbstverfassten Liebesgedichten führt er vor, was ein Englisches Sonett, eine Sapphische Ode oder ein Knittelvers ist; die fachlichen Erläuterungen finden sich in den Fußnoten. Tänzers „Kleine erotische Versschule“, ursprünglich bei der Pfälzischen Verlagsanstalt herausgekommen, wird, in erweiterter Form, vom Fischer Taschenbuch Verlag übernommen. ZITAT

Mehrfach hat Tänzer mit saarländischen Künstlern zusammengearbeitet. So werden die deutsch-französischen „Sommerreise“-Gedichte (1993) und die „Aktäon“-Sonette (2002) von Bildern von Aloys Ohlmann begleitet, die „Landstücke“ (2006) enthalten Holzschnitte und „Strandhafer“ (2014) Aquarelle von Gabriele Eickhoff, der Band „Das Land vor Augen“ (1999) wird typographisch gestaltet von Petra Weiter.

In den achtziger Jahren werden zwei Hörspiele Tänzers vom SR gesendet, „Am Ende des Parks“ und „Eine alte Geschichte“, zwei auf gegenwärtige Ereignisse anspielende gesellschaftskritische Szenarien. Dem entsprechen auch die beiden Einakter, von der Studiobühne Bayreuth aufgeführt: „Der Schrei“, ein Stück über den Gegensatz von Arm und Reich, und „Die Nachtwache“, ein Stück über die Absurdität der deutsch-deutschen Grenze (mit 20 Vorstellungen).

Den Regionen, die für sein Leben Bedeutung haben, hat Tänzer literarische Reverenz erwiesen. 2005 erscheint ein Band mit thüringischen Minneliedern, die er aus dem Mittelhochdeutschen übertragen und herausgegeben hat. 2011 veröffentlicht er ein Buch zu seiner Geburtsstadt Nordhausen, Untertitel: „Gedichte und Bilder zu einer Kindheit und Jugend“.

Reisegedichte in mehreren Bänden sind der südfranzösischen Heimat seiner Frau gewidmet.

Für das Saarland hat Gerhard Tänzer sich mehrfach literarisch engagiert. Er ist Mitherausgeber der Gedichte des Barockdichters Theobald Hock, der aus Limbach (heute Kirkel) stammt. Außerdem ist er Mitherausgeber der saarländischen Lyrik-Anthologie „Giftgrün“ (1984) und des Nachschlagewerks „Saarland im Text“ (1991). Von 1979 bis 1982 betreut er das Poesietelefon Saar.

Grenzstein

Ein Grenzstein am Weg zwischen der Oranna-Kapelle im saarländischen Berus und dem lothringischen Dorf Berviller trägt eine von Tänzer getextete deutsch-französische Inschrift: „von mir zu dir – zu mir von dir / de moi à toi – à moi de toi“. Tänzers Identifikation mit dem Saarland geht so weit, dass er als Gewinner eines 2002 vom Kultusministerium veranstalteten Wettbewerbs sogar zum Textdichter einer neuen Saarlandhymne (auf eine alte Melodie) wird: „Ich rühm‘ dich, du freundliches Land an der Saar, von friedlichen Grenzen umgeben.“ Dass die Hymne nicht eingeschlagen ist, muss nicht am Text liegen. 

Der Band „Landstücke“ (2006) enthält mehrere Gedichte auf Lokalitäten in und um Berus, so z.B. auf das Torhaus Scharfeneck, St.Oranna, den Sender Europe 1 oder das Europa-Denkmal.

2017 erscheint im St. Ingberter Conte-Verlag der Gedichtband „Eigenzeiten“. ZITAT

(RP)