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Patricia Kaas

geb. 5. Dez. 1966 in Stiring-Wendel (Frankreich)

Setliches Portrait der Sängerin. Sie trägt einen Hut und ein karriertes Hemd

Foto: Reiner Öttinger, SR

Patricia Kaas ist eine international erfolgreiche Sängerin, die von der deutsch-französischen Grenze stammt.
Sie ist, als Nachzüglerin, das jüngste von sieben Kindern des Bergmanns Joseph Kaas und seiner Frau Irmgard. Der Vater ist Franzose, die Mutter Saarländerin. Die Familie wohnt in Lothringen, in der Bergarbeitersiedlung Habsterdick in Stiring-Wendel, in unmittelbarer Nähe zur deutschen Grenze – „une minute à vol d’oiseau de Saarrebruck“, wie der Biograf Bernard Pascuito schreibt: einen Vogelflug von einer Minute entfernt von Saarbrücken. Patricia Kaas drückt es so aus: Sie habe nur den Hals ein wenig zu recken brauchen, und schon sei sie in Deutschland gewesen.
Den Vornamen hat die Mutter ausgesucht, sie verehrt die Schauspielerin und monegassische Fürstin Grace Kelly, die in den deutschen Gazetten Grazia Patricia genannt wird. Die Mutter ist es auch, die in der Tochter ihren Traum von der großen Bühnenkarriere verwirklichen will. Schon als Kind tritt Patricia, das Mädchen mit der markanten Stimme, in Gaststätten, auf der Kirmes, beim Karneval, bei Bierfesten und Gesangswettbewerben auf.
Seit sie dreizehn ist, seit 1982, hat sie ein regelmäßiges abendliches Engagement im Saarbrücker Kabarett „Rumpelkammer“, zunächst samstags, dann auch unter der Woche. Die Live-Musik kommt von Dob’s Lady Killers, die Mitglieder der Band sind die Betreiber des Etablissements. Nach zeitgenössischen Beschreibungen ist die Rumpelkammer eine Attraktion auch über die Grenzen des Saarlandes hinaus, ein Tanzlokal mit Live-Musik, kein Teil des Rotlichtmilieus, nicht anrüchig – aber eigentlich auch nichts für eine Schülerin. Doch die Mutter ist immer dabei.

Roland Helm lässt sich für die 2. Auflage der „Saar Rock History“ (2011) von den ehemaligen Lady Killers Rudi Arndt und Conny Nickl erzählen, „wie ‚die Patricia‘ 1979 als 13-jährige in Begleitung ihrer Mutter zum ‚Je-ka-mi‘-Abend kam. ‚Je-ka-mi‘ ist die Abkürzung für ‚Jeder-kann-mitmachen‘. Heute nennt man das Karaoke, nur damals war alles live, und die Band begleitete die Gäste.“ Die kleine Kaas gewinnt damals den Gesangswettbewerb, und die Lady Killers einigen sich mit der Mutter, dass die Tochter künftig öfter bei ihnen auftreten soll. „Das ging dann ein paar Jahre so, Familie und Jugendamt waren stets informiert. Und sowieso, vor der Mitternachtsshow der Dob’s Lady Killers, wo die Herren regelmäßig zu Hochform aufliefen, musste die junge Dame nach Hause in die Rue Général Leclerc nach Stiring-Wendel.“

Sieben Jahre lang tritt die Kaas in der „Rumpelkammer“ auf, ist dort die Zugnummer. Ihre Gage beträgt anfangs 50, am Ende 80 Mark. Hier im Saarbrücker Nauwieser Viertel wird sie schließlich von Bernard Schwartz entdeckt, einem Architekten aus Bitche, der von ihrer Stimme so begeistert ist, dass er in der Anfangsphase ihr Agent wird. Dank seiner Beziehungen nach Paris kann Patricia Kaas 1985 eine erste Single aufnehmen, mit Gérard Depardieu als Koproduzenten. Ist „Jalouse“ noch ein Flopp, so beginnt 1987 mit „Mademoiselle chante le blues“ die steile Karriere von Patricia Kaas. Sie wird rasch zum internationalen Star, ist die französische Sängerin mit den meistverkauften Platten im Inland wie im Ausland und wird mit Auszeichnungen überhäuft.

Schwarz weiß Aufnahme der Sängerin im Fernseh. Im Vordergrund stehen zwei Kameras, die sie filmen

Patricia Kaas im SR-Fernsehstudio 1989. Foto: Reiner Öttinger, SR

Im Haus der Familie Kaas in Stiring-Wendel gibt es keine Bücher außer Kochbüchern. Der Vater und die Nachbarn sprechen Lothringer Platt, Deutsch lernt sie von der Mutter, Französisch erst in der Schule. Als Patricia nach Paris kommt, merkt sie, ihr Französisch ist nicht so schön, so flüssig, so glatt ist wie das der anderen, sondern da ist „diese in die Sätze gepflanzte lothringische Fahne“. Sie muss sich das akzentfreie Französisch „künstlich in den Mund legen“. Da sie sich, mit der neunten Klasse von der Schule abgegangen, auch als ungebildet empfindet, schweigt sie lieber. Noch in ihrer Autobiographie, für die sie eine Koautorin zu Hilfe nimmt, heißt es: Sie habe in ihrem Leben, außer auf der Bühne, nicht viel gesprochen, es sei nicht ihre Art, große Worte zu machen.
Patricia Kaas hat keinen ihrer Chansontexte selber geschrieben.  Doch was wiegt das Schreiben von Texten gegen die Feststellung ihres Biographen Didier Romand angesichts ihres traumhaften Aufstiegs: „Sa vie est un roman“ – Ihr Leben ist ein Roman.
In dem Song „„D’Allemagne“ (Von Deutschland), den François Bernheim und Didier Barbelivien ihr auf den Leib schreiben, bezieht Patricia Kaas sich auf ihre Herkunft von der deutsch-französischen Grenze: “D’Allemagne où j’ai des souvenir d’en face, où j’ai des souvenirs d’enfance“ (in der Übersetzung von Doris Heinemann: „Von Deutschland, wo ich Erinnerungen von gegenüber habe, von Deutschland, wo ich Kindheitserinnerungen habe“). In der Interpretation ihrer Autobiographie ist das „ein großes, ein politisches, ein historisches Lied“. Es sei eine „Hymne auf die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland“, zwischen ihren beiden Heimatländern, dem Vater- und dem Mutterland. Es vereine die beiden Seiten, die sie als Kind eines gemischten Elternpaares verkörpere, als Kind aus Lothringen, das sich nie für das eine oder andere Land entscheiden konnte. Die Lothringer hätten einen „unangenehmen geografischer Bastardstatus“: “Wir kommen weder aus Deutschland noch aus Frankreich. Wir sind von der Grenze aus Lothringen. Wir versuchen, damit glücklich zu werden.“ (RP)