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Martin Buchhorn

geb. 17. Oktober 1944 in Neudamm/Ostpreußen (heute Wassilkowo/Russland)

Portrait des Autors

Foto: Reiner Öttinger (SR)

Ein saarländischer Belletristik- und Sachbuchautor und Fernsehschaffender mit ungewöhnlicher Biografie.

Die Angabe „Wiebelskirchen“ als Geburtsort in Wikipedia ist falsch, Buchhorn ist in Ostpreußen geboren.

Martin Buchhorn wächst auf als Sohn eines protestantischen Predigers in Neunkirchen. Er beginnt eine Lehre als Automechaniker, schließt ab als Radio- und Fernsehtechniker sowie Elektroniker. Als junger Mann wird er zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Martin Buchhorn bestreitet die ihm vom Gericht zur Last gelegten bewaffneten Banküberfälle. Die Erfahrungen im Strafvollzug prägen ihn nach eigener Aussage stark. Als Strafgefangener in Bruchsal findet er zum Schreiben, und hier findet er im Kampf gegen die Todesstrafe auch sein Thema als Sachbuchautor und Dokumentarfilmer.

Im März 1969 schreibt Buchhorn aus der Strafanstalt Bruchsal an Arnfrid Astel, dessen Buch „Notstand“ er gelesen hat und der Leiter der Literaturabteilung beim Saarländischen Rundfunk ist. Im April wird Buchhorn in die Saarbrücker Strafanstalt Lerchesflur verlegt. Im September schreibt er an Astel: „Für andere mag es seltsam klingen, aber mich bewahrt allein das Schreiben, will sagen, das damit zum Ausdruck gebrachte Beschäftigen mit fremden Problemen, das beständige Suchen und Nachdenken – das bewahrt mich vor der restlosen Verzweiflung.“ Astel, der unterstellt, dass die „fatale Devise, dass die Züchtigung ein Ausdruck der Liebe Gottes (oder des Vaters) sei“, den Pfarrersohn auf die schiefe Bahn gebracht hat, erhält keine Besuchserlaubnis. Im Februar 1970 wird Martin Buchhorn aus dem Gefängnis entlassen. Er kümmert sich praktisch und journalistisch um die Probleme von Strafgefangenen, veröffentlicht am 4.9.1970 in der „Saarbrücker Zeitung“ einen Artikel über den saarländischen Strafvollzug und redigiert die erste überregionale „Gefangenenzeitung“.

Mit seiner Vergangenheit spielt er in den Kreisen der Schriftsteller und Medienleute, in denen er nun verkehrt, eine Sonderrolle. Martin Buchhorn durchschaut das, in seinem Lyrikband von 1985 heißt es gleich im ersten Gedicht, Titel „Exoten“: „Wir kommen aus gefängnissen / Man ist neugierig / Sieht ins uns was besonderes. / Langeweiletiefenlöser. / Auf einmal sind wir / Mit knast vorbeschenkt. / Unser seltenheitswert / Ist vorsprung.“

Beim Saarländischen Rundfunk erhält Buchhorn ein Volontariat. Im Oktober 1971 veröffentlicht Astel, der inzwischen zusammen mit dem Hörspieldramaturgen Jochen Senf in der nach Ottweiler verlegten Jugendstrafanstalt einen Arbeitskreis für schreibende Gefangene durchgeführt hat, Texte aus der Strafanstalt in der renommierten Literaturzeitschrift „Akzente“, darunter fünf Gedichte von Martin Buchhorn. In dem Gedicht „Die Schreibmaschine oder: Vergünstigung“ heißt es: „Ich habe meine Artillerie wieder. / Damit beschieße ich / Landtage / Ministerien / Gerichte / Redaktionen auch – / überhaupt alles was sich hinter / uraltem Gemäuer verschanzt.“

Nach seinem Volontariat arbeitet Buchhorn als Hörfunkreporter für den Saarländischen Rundfunk, dann wird er Redakteur in der Regionalen Kultur. 1984 macht ihn der SR zum Leiter des Fernsehspiels. In dieser Funktion (bis 2004) ist er zuständig für den saarländischen „Tatort“ und besetzt die Figur des Kommissars Palü mit Jochen Senf. Unter dem Titel „Brennendes Herz“ (1995) lässt er die Autobiografie des saarländischen Schriftstellers Gustav Regler verfilmen und führt selber Regie bei der Verfilmung des Romans „Die Rättin“ (1997) von Günter Grass.

Buchhorn ist in den 1980er Jahren Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) Saar; in dieser Zeit engagiert er sich stark in der Partnerschaft Saarbrücken-Tbilissi bzw. Saarland-Georgien. Von 1984 bis 2006 ist er Vorsitzender des Saarländischen Künstlerhauses. (RP)