Navigation öffnen

Ludwig Scharf

geb. 2. Februar 1864 in Meckenheim (Neustadt /Weinstraße), gest. 21. August 1939 auf Schloss Patosfa bei Kaposvár (Ungarn)

gezeichnetes Portrait auf gelblichem Papier mit handschriftlichem Gedicht

Ansichtskarte 1905

Es ist das Schicksal Ludwig Scharfs, immer gleichzeitig als eine Zentralgestalt des deutschen Naturalismus und der literarischen Moderne und als ein nahezu vergessener, unbekannter Autor bezeichnet zu werden. Dabei war dies zu seinen Lebenszeiten anders: Scharf war um 1900 eine der bekanntesten Gestalten der Schwabinger Künstlerszene, eine Berühmtheit im Münchner Boheme-Milieu, mit Frank Wedekind an dem frühen Kabarett „Die elf Scharfrichter“ beteiligt und eine vielfach beschriebene Legende wegen seiner exzessiven Gedichtdeklamationen auf der Bühne (heute würde man von Poetry-Slam oder Spoken-Word-Performance sprechen). Seine Gedichte erschienen in den avantgardistischen Literaturzeitschriften der jungen Generation wie „Die Jugend“, „Simplicissimus“ oder „Pan“, und geschätzt wurde er von Zeitgenossen wie Else Lasker-Schüler, Christian Morgenstern, Theodor Heuss u.a. Über Erich Mühsam, den radikalen Anarchisten, und ihn, den komplizierten Lyriker, kursierte in der Münchner Künstler-Szene die Sentenz: „Scharf dichtet mühsam und Mühsam dichtet scharf!“ Mit dem bedeutenden naturalistischen Dramatiker Max Halbe verband ihn eine lebenslange Freundschaft, ebenso mit dem aus St. Ingbert stammenden Maler Albert Weisgerber, der ihn in München mehrfach porträtierte.

Ludwig Scharf, in der Vorderpfalz geboren, wuchs, nach dem frühen Tod seines Vaters, seit seinem zehnten Lebensjahr in dessen Heimatstadt Blieskastel bei seiner Mutter auf, wo er die Königliche Lateinschule besuchte. 1879 wechselte er auf das Gymnasium nach Zweibrücken, an dem er 1884 sein Abitur ablegte. In seiner Gymnasialzeit verlor er durch Krankheit einen Fuß – eine schwere Behinderung, die ihm sein Leben lang physisch und psychisch zu schaffen machte. Ab 1884/85 lebte er in München, unterbrochen von Aufenthalten in Berlin und Paris, und wurde dort rasch zum „König der Boheme“, als den ihn Max Eichler in einer Zeichnung darstellte – „standesgemäß“ dichtend im Bett! Er bewegte sich in den fortschrittlichsten Kreisen, gehörte der berühmten „Gesellschaft für modernes Leben“ an, dem „Kartell lyrischer Autoren“, einer Frühform von Schriftstellergewerkschaft, und engagierte sich im Berliner „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ . Nach seiner ersten Ehe mit Emilie Katharina Zeller, aus der zwei Söhne hervorgingen, und der eher happeningartigen Verlobung mit Kathi Kobus, der Inhaberin der Münchner Künstlerkneipe „Simplicissimus“, wurde die Begegnung mit Ella Somsich schicksalhaft für ihn. Er heiratete die Malerin und Schriftstellerin, die unter ihrem Künstlernamen Elohim Sorah auch in München lebte, und zog mit ihr noch vor dem Ersten Weltkrieg auf ihr Grafenschloss in Südungarn. Dort verbrachte das Paar den Rest seines Lebens – dauerhaft mit finanziellen Problemen belastet. Dennoch behielt Scharf immer Kontakt zu der Saarpfalz, die er als seine eigentliche „Heimat“ betrachtete, durch Korrespondenzen, sporadische Reisen und vereinzelte Thematisierungen in seinen literarischen Werken.

Lieder eines Menschen

Der notorisch geldknappe Scharf hielt sich vor allem mit Übersetzungen über Wasser, insbesondere von Erzählungen von Alexandre Dumas (Sohn) und Gedichten Emile Verhaerens. Den belgischen Symbolisten, der von vielen Zeitgenossen (Rilke, George, Stefan Zweig, Johannes Schlaf) verehrt und übersetzt wurde, machte er mit seinen sprachgewaltigen Nachdichtungen von dessen großen Gedichten in Deutschland bekannt. In erster Linie war Ludwig Scharf aber Lyriker. Auch wenn er zu Lebzeiten nur zwei Gedichtbände veröffentlichte, zählen sie zu den wichtigsten Beiträgen der Lyrik um die Jahrhundertwende („Lieder eines Menschen“; „Tschandala-Lieder“).

Die immer wieder zu lesende Charakterisierung von Scharfs Lyrik als „naturalistisch“ ist irreführend. Auch wenn sie hinsichtlich der dominanten Epochentendenz zutreffen mag, wird sie der vielschichtigen Dimension seiner Gedichte nicht gerecht. Ludwig Scharf prägte und adaptierte gleichermaßen die Stile der klassischen Moderne (Naturalismus, Jugendstil, Expressionismus). Vor allem aber gehörte er zu den Ersten, die dem abgestandenen, affirmativen und epigonalen Ton der deutschen Lyrik des späten 19. Jahrhunderts (Gründerzeit, Trivialromantik) in seinen Gedichten eine oft widersprüchliche Ästhetik der Revolte gegenüberstellte. Sie ist gekennzeichnet von einem heftigen antibürgerlichen Affekt und orientiert an Nietzsches Kulturkritik; von ihm bezieht Scharf auch sein starkes Pathos. Manchmal gibt er sich anarchistisch, pflegt einen provozierenden Proletarierkult, der sich für die ausgebeutete Arbeiterklasse einsetzt, gleichzeitig kann sich das lyrische Ich aber auch als heroischer Außenseiter stilisieren, als individuelle Ausnahme-Erscheinung im Sinne von Nietzsches elitärem „Übermenschen“. Dafür benutzt Scharf gerne die Tschandala-Chiffre, gleichfalls in Anlehnung an Nietzsche, mit der er den unbürgerlichen Lyriker als verachteten, unreinen und ausgestoßenen Angehörigen der Paria-Kaste charakterisierte, dem nur der revolutionäre Tabu-Bruch bleibt. Atheistische, geschichtspessimistische und fortschrittsfeindliche Positionen lassen ihn zu einer hymnischen Feier des dionysischen Rausches, der Sinnlichkeit und der Leidenschaften gelangen, ebenso wie zu einer fast mystischen Naturanbetung. Gerade der Gegensatz von Natur und Kultur wird bei ihm exzessiv zugunsten der Naturhaftigkeit des Menschen entschieden. So verschmelzen in Scharfs Lyrik nahezu sämtliche Tendenzen der Jahrhundertwende zu einer merkwürdig widersprüchlichen Synthese. Und ebenso geschieht dies auf der sprachlich-formalen Ebene: Die Gedichte bleiben weitgehend konventionell mit Strophengliederung und Reim, entfalten aber sprachlich ein Feuerwerk aus emphatisch predigendem Nietzsche-Ton, satirischen Elementen, intertextuellen Bezügen und kühnen Neologismen und Metaphern, die den Expressionismus vorwegzunehmen scheinen. Dies alles macht Ludwig Scharf zu einem der schillerndsten Autoren der Dichtung um die vorletzte Jahrhundertwende.

Blieskasteler Reflexe

Erstaunlich ist daher, dass dieser von der Großstadt, einer subkulturellen Lebeweise und den Tendenzen der avantgardistischen Moderne geprägte Autor immer wieder Reminiszenzen an die Stätten seiner Kindheit und Jugend, Reflexe seiner Blieskasteler Zeit und Impressionen der saarpfälzischen Region in sein Werk einfließen lässt oder explizit in einzelnen Texten thematisiert. Natürlich ist seine Beziehung zur „Heimat“ entsprechend ambivalent. Das Gedicht mit dem gleichen Titel von 1905lässt keinen Zweifel daran, dass sich zu diesem Zeitpunkt die Alternative zwischen einer bürgerlichen Existenz in der ländlichen saarpfälzischen Provinz oder einem kosmopolitischen Künstler- und Boheme-Leben in der Weltstadt München für den Dichter nicht mehr stellt: Löst der Anblick der Landschaft um Blieskastel mit ihren Feldern, Wäldern, Hügeln, dem blauen Himmel und dem Gollenstein bei dem Großstädter noch ein heimliches Bedauern aus, seine idyllische Heimat verlassen zu haben, so legitimiert das Erscheinen eines spazieren gehenden Spießer-Ehepaares vollends seine Entscheidung für ein Künstler- und Großstadtleben.  ZITAT

In späteren Texten kann Scharf die Schönheit seiner Heimatstadt Blieskastel und der sie umgebenden Landschaft allerdings unbekümmerter genießen („Eine Aprilnacht im Bliestal“ von 1926; „Die Wetterwolke – Eine Impression aus dem Bliestal“ von 1927 – die Texte finden sich nur in den Saarpfalz Lesebüchern 1 und 2), wenngleich er auch da inmitten der Idylle bedrohliche Elemente oder kosmische Weitungen aufblitzen lässt. Das schöne kleine Gedicht „Nachtigall“ von 1892 hingegen benutzt den Blieskasteler Paradeplatz als Kulisse für eine nächtliche Stimmung nach einem Wirtshausbesuch. (Reiner Marx) ZITAT