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Liesbet Dill

geb. 28. März 1877 in Dudweiler/Saar als Elisabeth Pauline Dill, gest. 15. April 1962 in Wiesbaden; dort beerdigt; Grabstein auf Friedhof Dudweiler

Kohlezeichnung der Autorin mit blick nach links

Foto: Bildersammlung des historischen Vereins im Landesarchiv

Liesbet (gelegentlich auch: Lisbeth) Dill ist nach der Wende zum 20. Jahrhundert eine in Deutschland vielgelesene Schriftstellerin. „Sie gehört nicht zu den literarisch Unsterblichen, aber immerhin zu den wenigen saarländischen Autoren, die überregionales und sogar internationales Interesse gefunden haben“ (Günter Scholdt). Als Joseph Roth 1927 für die „Frankfurter Zeitung“ aus dem Saargebiet berichtet, behauptet er, dass „der einzige Dichter, der in jener Gegend geboren ist, Frau Liesbet Dill heißt“. Liesbet Dill hat knapp 100 Bücher veröffentlicht, ihre Romane und Novellen werden der gehobenen Unterhaltungsliteratur zugerechnet. Später sinkt ihre Literatur auf das Niveau von Heftchenromanen (veröffentlicht als Bastei-Liebesroman u.ä.).

Zentrale Themen sind die Stellung der Frau in der Wilhelminischen Epoche und die Erfahrungen der Grenzlandbewohner. Ohne Frauenrechtlerin oder Gesellschaftskritikerin zu sein, gestaltet Liesbet Dill immer wieder mit Empathie Frauengestalten, die durch die Umstände an der Entfaltung ihrer Persönlichkeit gehindert werden. Unverkennbar gilt ihre Sympathie auch Lothringen, nach 1871 zum vom Deutschen Reich annektierten Reichsland Elsass-Lothringen gehörend, und den Lothringern („Lothringische Grenzbilder“, o.J.; „Das verlorene Land“, 1920; „Der Grenzpfahl“, 1926; „Die Spionin“, 1917). Ansonsten pflegt sie einen zeitüblichen Patriotismus; 1934 lässt sie sich zu politischer Propaganda und einer Verherrlichung Hitlers hinreißen („Wir von der Saar“).

Cover des Romans "Die schwarze Madonna von der Saar"

In Liesbet Dills Werken kommt, ausdrücklich oder verschlüsselt, immer wieder das Saarland ins Spiel. Im Roman „Virago“ (1913), dessen Hauptschauplatz das als Dorf Neuweiler verschlüsselte Neunkirchen ist (Helmut Lißmann), thematisiert sie den ersten Bergarbeiterstreik im Saarrevier 1889, sie schildert realistisch die Industrielandschaft, einen Hochofenabstich oder die Arbeit unter Tage. Insgesamt gelingt ihr hier „eine authentische Darstellung des Saargebiets jener Jahre“ (Gätje).   

Durch Herkommen und Heirat gehört Liesbet Dill zur gesellschaftlichen Oberschicht, deren Weltbild sie Zeit ihres Lebens verhaftet bleibt. Sie ist das einzige Kind des Guts- und Brauereibesitzers Friedrich Dill und seiner Frau Elisa, geb. Bottler, die von einem Weingut an der Mosel stammt. Dill besucht zunächst die Saarbrücker Kasinoschule, mit 14 Jahren wird sie auf ein englisches Pensionat in Wiesbaden geschickt. 1894 zieht die Familie nach Saarbrücken. Als 19jährige geht sie eine von den Eltern arrangierte Ehe mit dem 17 Jahre älteren Saarbrücker Juristen Gustav Seibert ein; aus dieser Ehe stammen zwei Söhne (von denen einer, Curt Seibert, ebenfalls mit Veröffentlichungen hervortritt). Damals schreibt sie ihren ersten Roman, „Lo’s Ehe“, den sie aber erst 1903 veröffentlichen kann. Um 1902 wird von ihr – ein Skandal in jener Epoche – die Scheidung betrieben, das führt zum Bruch mit dem Vater. Liesbet Dill verlässt ihre Heimat und kehrt außer für gelegentliche beruflich bedingte oder private Abstecher nicht mehr zurück. 1905 heiratet sie den Mediziner Prof. Dr. Karl Wilhelm von Drigalski (18711950), der nach dem Zweiten Weltkrieg hessischer Sozialminister wird. Aus dieser Ehe gehen ein Sohn und eine Tochter hervor. Sie lebt in Kassel, Hannover, Halle, Berlin, ab 1942 in Wiesbaden. (RP)