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Katharina Kest

geb. 1. März 1757 in Fechingen, gest. 11. Dez. 1829 in Mannheim

Ovales Gemälde in goldenem Rahmen vor rotem Hintergund

Katharina von Ottweiler, 1790. Gemälde von Johann Friedrich Dryander. Foto: Saarlandmuseum

Das Leben der Katharina Kest aus Fechingen (heute Stadtteil von Saarbrücken) ist immer wieder als märchen- oder sagenhaft bezeichnet worden, und so wurde sie denn auch mehrfach Gegenstand literarischer Darstellungen. In der Tat ist ihr Aufstieg von der Bauerntochter zur Fürstengattin und Reichsgräfin einmalig. Allerdings gehört zum vollständigen Bild auch der soziale Wiederabstieg nach der Französischen Revolution und dem Tod ihres Gatten und das Ende als verarmte, verschrobene Alte.

In der Überlieferung heißt es manchmal, Katharina sei die Tochter eines leibeigenen Bauern gewesen, an anderer Stelle wird der Vater als Gemeinsmann, also selbständiger Grundbesitzer, bezeichnet. Auch darüber, wie sie zu dem Namen „Gänsegretel von Fechingen“ kommt, der ihr – teils abwertend, teils anerkennend gemeint –bis heute anhaftet, gibt es unterschiedliche Versionen: Einmal soll er sich darauf beziehen, dass sie auf dem Hof des Vaters die Gänse gehütet hat, ein andermal wird die Anekdote herangezogen, der zufolge sie einmal die entlaufene Gans des Pfarrers gerettet hat. Nach dem frühen Tod des Vaters gibt die Mutter sie als Kindermädchen nach Saarbrücken zur Freifrau von Dorsberg, der Mätresse des 26jährigen Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken. Von dort wird sie für zwei Jahre nach Frankreich (Metz, Nancy, Paris) in eine Erziehungsanstalt geschickt und zur Hofdame gebildet. Danach arbeitet sie als Kammerzofe bei der von Dorsberg. Spätestens jetzt, wenn nicht schon vor seiner Fortbildungsmaßnahme, fällt das hübsche Mädchen dem Fürsten auf. Es dauert nicht lange, und er gibt der Mätresse den Laufpass und setzt Katharina ganz offiziell an ihre Stelle. Ludwig bleibt ihr treu bis zu seinem Tod, auch als Ehemann schreibt er ihr noch Billetts wie dieses: „Für die geliebteste der Frauen, welche an der Pünktlichkeit, mit der ich ihre Aufträge ausgeführt, meinen Wunsch erkennen wird, ihr zu beweisen, wie sehr ich sie anbete. –  Louis.“

Gänsegretelbrunnen Fechingen

Reichsgräfin von Ottweiler

Dass Katharina nicht aus dem Adelsstand stammt, hindert den aufgeklärten Fürsten nicht daran, sie als ebenbürtig zu betrachten. Den nötigen sozialen Status kann man als Fürst noch nachträglich herstellen. Ludwig setzt durch, dass sie zunächst zur Frau von Ludwigsberg, dann sogar in den erblichen Stand einer Reichsgräfin von Ottweiler erhoben wird. Nach dem Tod seiner Ehefrau Wilhelmine, die schon lange getrennt von ihm auf dem Halberg im Schloss Monplaisir lebt, heiratet Wilhelm sie zu seiner rechten Hand. Dass er sie dauerhaft auch zur regierenden Fürstin von Nassau-Saarbrücken macht, verhindert die Verwandtschaft. Stattdessen kauft er ihr für immenses Geld die lothringische Herrschaft Dillingen, so dass Katharina von Ludwig XVI. zur Herzogin von Dillingen ernannt werden kann.

In der neu entstehenden Wilhelm-Heinrich-Straße erhält Katharina ein herrschaftliches Palais. Ein Stück der Originalausstattung ist seit 2013 wieder in Saarbrücken zu sehen. Die Alte Sammlung des Saarlandmuseums am Schlossplatz konnte das so genannte Grüne Kabinett aus dem Kaiser Wilhelm Museum Krefeld übernehmen, wo dieses Zimmer seit 1908 als „Saarbrücker Zimmer“ präsentiert worden ist.

Foto des Hauses mit weißer Fassade.

Hier in der Wilhelm-Heinrich-Straße stand ihr Stadtpalai

Baron Adolph von Knigge kann aus eigener Anschauung berichten, Fürst Ludwig führe „mit seiner jetzigen vortrefflichen Gemahlin“ ein „glückliches häusliches Leben“. Und die Kultur? Es fehlt, laut Knigge, am Saarbrücker Hofe „an keiner Art von Vergnügen, nach den verschiedenen Jahreszeiten, als Jagd aller Gattung, Fischfang, Schauspiele, Concerte, Tanz, Spiel, Mascaraden, Schlittenfahrten, Land-Partien, nützlicher Unterhaltung und Lectüre“.

Der Fürst ist ein leidenschaftlicher Theaterliebhaber, nicht nur als Zuschauer, sondern auch als Autor und Darsteller der Aufführungen in einem seiner Theater. Im Gothaer Theaterkalender auf das Jahr 1789 wird ihm bescheinigt, er gehöre „unter die ersten komischen Schauspieler“ und auch seine Gemahlin spiele „mit viel Anstand“. Als Direktor für sein Saarbrücker Theater kann er für kurze Zeit den berühmten Theatermann August Wilhelm Iffland gewinnen.

Katharina als literarische Figur

Katharina wird schon zu Lebzeiten eine literarische Figur. Ludwig selbst verfasst 1786 in Zusammenarbeit mit C.R. Stengel und dem Freiherrn von Knigge eine Pantomime zur Verherrlichung seiner Gattin, er spielt darin den edlen Ritter.

SZENE VIII. Der Hintergrund öffnet sich, und man sieht die Büste der Frau Gräfin in einem Temple de l’Amitié stehen, von allen Akteurs umgeben, die ihre Ergebenheit erzeugen. Ein Amor schwebt aus den Wolken und bekrönt die Büste mit Rosen. – Der Vorhang fällt.

Zwei Jahre später schreibt Ludwig eine weitere „allegorische Pantomime auf den 1. März 1788“, den Geburtstag von Katharina.

Die Saarbrücker Krahnengesellschaft erteilt Iffland den Auftrag, ein Stück über die Ehe Ludwigs mit der Reichsgräfin zu schreiben. Auch wenn der Theaterautor die Handlung in ein fernes Land verlegt, kann doch jeder Zuschauer den Namen des Herrschers leicht entschlüsseln: In „Luassan“ steht L für Ludwig, der Rest ist „Nassau“, rückwärts gelesen. 1989 wird das Stück von der Saarbrücker Studentenbühne THUNIS noch einmal hervorgeholt.

Um 1850 kommt Philipp Walburg Kramer (geboren1815 in Mainz, gestorben1899 in Köln) mit seinem Schauspiel- und Opernensemble nach Saarbrücken, wo er mit großem Erfolg nicht nur Schillers „Räuber“, sondern auch das von ihm selbst verfasste Schauspiel „Das Gänsegretel von Fechingen“ auf die Bühne bringt. Das Stück soll noch jahrzehntelang ein Publikumsrenner gewesen sein, 1912 berichtet Eduard Haas, es werde „heute noch gelegentlich“ aufgeführt. Zur geopolitischen Lage legt Kramer dem Fürsten den schönen Satz in den Mund: „Mein Fürstentum hängt an dem äußersten Winkel Deutschlands wie ein Schwalbennest.“

Gemälde mit prunkvollem goldenen Rahmen vor gelder Wand

Fürst Ludwig zu Nassau-Saarbrücken, um 1792. Foto: Reiss-Engelhorn-Museen

Und dann findet Katharina auch Aufnahme in Karl Lohmeyers Sagen der Saar“. Einmal erzählt er, wie zu einer Zeit, als Ludwigs erste Frau noch lebt, der Hofprediger Rollé es Katharina verwehrt, sich in der Schlosskirche auf dem Kirchenstuhl der Fürstin niederzulassen, und zwar mit den Donnerworten: „Hure, weiche deiner Fürstin!“ Der Fürst will den Kirchenmann daraufhin eigenhändig erschießen, der aber von einem Engel beschützt wird. In einer anderen Sage geht es um Katharinas Schatz aus ihrer Jugendzeit auf dem Dorf, „das heißt einen Bauernburschen, den sie gerne sah“. Es ist die unschuldige Geschichte von der späteren Wiederbegegnung der beiden, als Katharina bereits zur Frau des Fürsten aufgestiegen ist.

Als Hermann Usener-Klipstein sich in seinem Buch „Gänse-Gretl“ 1937 von den phantastischen Ausschmückungen abgrenzt und nur authentisches Material zu ihrer Biografie liefern will, lässt er in der Nacht zu ihrer Geburt einen Meteor hinter dem Haus ihres Vaters niedergehen und beim Einzug des Mädchens nach Saarbrücken eine Zigeunerin die Prophezeiung aussprechen: „Du bist gerade auf dem Weg, die erste Frau des Landes zu werden.“

Friedrich Schön veröffentlicht 1949 „Das Gänsegretel von Fechingen“ als (so der Untertitel) „Lebensroman einer Fürstin der Rokokozeit“. Es ist ein eher unpolitisches Buch im Stil eines Trivialromans: „Da fiel es dem Fürsten wie Schuppen von den Augen: das ist ein edles Mädchen trotz seiner bäuerlichen Abkunft!“ Trotz aller Sentimentalitäten zeichnet Schön aber ein differenziertes Bild vom Charakter der Gräfin, die im Alter vom „Dämon des falschen Adelsstolzes“ besessen ist.

Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert beschäftigt das Gänsegretel noch die Autoren.

Cover von Elisabeth Meyers Gänsegretel-Roman

Elisabeth Meyer hat ihren Roman besonders phantasievoll zu einem Umfang von rund 300 Seiten ausgeschmückt. Der Titel „In der goldenen Kutsche“ verrät schon das Genre. Das erste Zusammentreffen des Fürsten mit dem „graziösen Mädchen“ wird so geschildert: „Er trat einen Schritt auf das Mädchen zu. ‚Möchten Sie einmal versuchen, wie es ist, wenn man zu Pferde sitzt?‘ Katharina hob die strahlenden Augen zu ihm, und Fürst Ludwig winkte seinem Leibmohr, der faul an einem Baum lehnte. ‚Correa! Lass den Ali vorführen!‘“

1995 hat ein Autor namens Herbert Kuntz eine „Erzählung aus längst verklungenen Tagen“ über das Gänsegretel vorgelegt. Der Text ist lokalpatriotisch motiviert, der Autor möchte der seiner Meinung nach unterbelichteten Dillinger Episode im Leben der Heldin mehr Geltung verschaffen.

Flüssig und anschaulich erzählt, aber nicht quellenkritisch ist die 1996 erschienene Biografie der Gräfin von Ottweiler aus der Feder der Saarbrücker Journalistin Doris Seck.

1999 kommt „Das Gänsegretel von Fechingen oder Gans oder gar nicht“ heraus, eine Saarbrücker Musiktheaterproduktion von „Sirene“ nach einem Text von Bettina Koch. Dabei wird Schlagermusik der 1970er Jahre collagiert mit dem Schicksal der Katharina Kest, die ihrerseits in Beziehung gesetzt wird mit den modernen Mythen von Sissy und Lady Di.

Auf ganz besondere Art nähert sich der deutsch-georgische Autor Giwi Margwelaschwili dem Gänsegretel-Phänomen. Für ihn stellt die Beziehung der Katharina Kest zum Fürsten Ludwig ein geradezu vorbildliches „Liebeseheglück“ dar, und so lässt er in „Das Lese-Liebeseheglück“ (2011) so genannte Realmenschen aus unserer Zeit für die Länge eines Romans in jene Epoche eintauchen.

Fossil einer untergegangenen Epoche

Für die reale Katharina währt die Zeit des sozialen Aufstiegs von der morganatischen Eheschließung (so genannte Trauung „zur linken Hand“) 1774 bis zum Ende der Fürstenherrlichkeit infolge der Französischen Revolution keine zwanzig Jahre. 1793 flieht Ludwig mit seiner Familie über Mannheim nach Aschaffenburg. Katharina pflegt den gichtkranken Mann bis zu dessen Tod im darauffolgenden Jahr – „hingebungsvoll“, wie es heißt. War sie in Saarbrücken als zur Fürstengattin aufgestiegene ehemalige Leibeigene ihrer Zeit voraus, so ist sie nach der Französischen Revolution das lebende Fossil einer untergegangenen Epoche. In Mannheim, wo sie bis zu ihrem Tod lebt, wird sie als verschrobene Alte wahrgenommen, vor allem, weil sie daran festhält, ihr 1812 gefallener Sohn lebe noch. Sechs Kinder hatte sie vor ihrer Ehe mit Ludwig gemeinsam, die Töchter Luise und Katharina fühlen sich von ihr vernachlässigt und regelrecht gehasst, wie in deren Memoiren nachzulesen ist. Nur das einzige eheliche Kind, den 1789 geborenen Adolf, liebt sie. Dass sie die Fiktion vom Weiterleben dieses Sohnes nicht aufgibt, ist so unvernünftig nicht: Nur er ist der Garant von Erbansprüchen gegenüber der Nassauer Verwandtschaft, die ihr selber verwehrt werden. (RP)