Karl Conrath

geb. 02. März 1910 in Mettlach, gest. 19. Jan. 1992 in Saarbrücken

Karl Conrath war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Wissenschaftler, Kenner der Volks-und Heimatkunde, der moselfränkischen Mundart und der Kunst- und Naturdenkmale des Saarlandes. Außerdem konnte er zeichnen und daher seine Arbeiten gelegentlich selbst illustrieren, mit Landschaften, Bauten und skurrilen Typen in zarten Strichen. Sein moselfränkisches Wörterbuch („Die Volkssprache der unteren Saar und der Obermosel“), wohl seine bedeutendste Arbeit als Mundartforscher, ist 1996 mit finanzieller Förderung durch das Haus Regler in Merzig unverändert nachgedruckt worden.

Die Erforschung und mehr noch, Bewahrung des Moselfränkischen beanspruchte viel von seiner Lebenszeit; er stemmte sich damit gegen den nicht mehr nur schleichenden Verlust seiner „Volkssprache“. Über die Sprache „der alteingesessenen Bauern und Winzer“ reicht deren Kultur und Überlieferung in die Gegenwart hinein wie eine Brücke in vergangene Jahrhunderte. Der Erhaltung dieser Brücke hat er sich verschrieben.

Als Schriftsteller hat Karl Conrath sich sowohl auf Verse als auch auf Prosa verstanden. Er hinterließ zwei Romane; den letzten, „Dä Konschtebajass vu Rom“ („Der Gaukler von Rom“), unterstützt durch eine Abnahmegarantie der Reglers im Selbstverlag in Saarbrücken herausgegeben, schrieb er ganz in moselfränkischer Sprache. Schon in seinem ersten Roman, „Komödianten in Krichingen“, offenbart Karl Conrath einen deftigen Humor, einen satirischen Blick und eine bei aller Derbheit des Sujets wohlgeformte Sprache. Wie er gleich auf den ersten Seiten die Wirkung schildert, die beim Stiftungsfest der Krichinger Feuerwehr das plötzliche Erscheinen einer geheimnisvollen fremden Frau auf die Blaskapelle und das voll besetzte Festzelt ausübt, das hat schon was. Und wie die neidischen Bürgersfrauen Gift und Galle spucken, „O Gedo, dir Kenna un dir Leit!“

Krichingen ist natürlich Mettlach mit seiner ganzen Umgebung, einschließlich der Burg Montclair, und mit all seinen Spießbürgern und Paradiesvögeln. Ob den Einheimischen im richtigen Leben die Leidenschaft für das Theater ebenso eigen war wie den Männern und Frauen von „Krichingen“, muss offenbleiben. Die „Komödianten“ sind Wander-Theaterleute, die auch Maria Croon durch ihr „Stilles Fenster“ beobachtet, „Kamediesleit“, zeitlos und ohne erkennbaren geschichtlichen Bezug, in einer anderen Welt. Conraths Komödianten gehören zu einem Operetten-Wandertheater aus Wien. Dessen Repertoire erlaubt es, den Anfang der Geschichte zeitlich einzuordnen: Zum Programm gehört „Gräfin Mariza“, die Operette von Emmerich Kálman; sie erlebte ihre Uraufführung 1924 in Wien. Einem Hinweis im Klappentext zufolge spielt die Handlung zwischen 1925 und 1950. Was ist in dieser Zeit in der Welt, in Europa, in Deutschland und sogar in Mettlach alles passiert! Soll man die Krichinger nun beneiden oder bedauern für ihre Abgeschiedenheit? Das Happy End im Schlusskapitel bahnt sich in Rom zur Zeit der Weltausstellung an; die Krichinger Feuerwehrkapelle soll dort 25 Jahre nach dem Beginn der Geschichte, also um 1950, „am Stand ihrer Firma ein Konzert blasen“. Nun hatte Mussolini die Weltausstellung in Rom für 1942 geplant, auch schon dafür bauen lassen, aber sie fand nie statt. Dazu war nicht die Zeit. Ungeachtet dessen verdanken wir dem „Krichingen“-Roman ebenso poetische wie gefühlvolle Landschaftsschilderungen von der Cloef, der Saarschleife und von Burg Montclair. (Zitat unter Ortsartikel Mettlach)

Geboren und aufgewachsen ist Karl Conrath in Mettlach, Abitur hat er, wie Gustav Regler, in Dillingen gemacht, ist danach in eine Buchdrucker-Lehre gegangen. Als Zehn- bzw. Vierzehnjähriger hat er noch lange nicht publiziert.  Das ihm zugeschriebene Werk „Mettlach, die Abtei, ihre Gründer, ihre Geschichte, nacherzählt von C. Conrath“, 1920 erstmals und 1924 in zweiter, verbesserter Auflage erschienen, ist von seinem Vater Carl Conrath, einem leitenden „Fabrikbeamten“ bei Villeroy & Boch, verfasst worden. Der Sohn verweist entsprechend in seinem Führer „Natur-und Kunstdenkmäler im Saarland“ auf „Conrath senior“.

Karl Conrath war einer der Autoren aus dem Landkreis Merzig-Wadern, die es hinauszog aus ihrem Biotop, schon des Studiums wegen, das ihn nach Paris und München führte. An der Universität München wurde er 1936 zum Dr. phil. promoviert mit einer Dissertation, deren Titel fast so lang war wie ihr Text: „Deutschland im Spottbild der Pariser Nachkriegspresse: Versuch einer Darstellung bildlicher und sprachlicher Wirkungszusammenhänge der ‚gezeichneten Satire‘, dargelegt an der Pariser Nachkriegspresse 1919 – 1925 und unter kurzer Berücksichtigung des Spottbilds nach der gezeichneten Revolution“. Nahezu gleichzeitig begann er mit eigenen heimatkundlichen Veröffentlichungen, wobei er auch den neuen Zeiten in dem 1935 ins Reich „heim geholten“ Saarland seine Reverenz erwies, zum Beispiel mit „Wir Mädel, unsere Heimat, unsere Arbeit an der Saar“, herausgegeben von der Führung des BDM im Saargebiet (um 1935).

Ein an der Universität Bonn begonnenes Medizinstudium konnte Conrath wegen Einberufung zum Kriegsdienst nicht beenden. Während des Krieges war er überwiegend im besetzten Frankreich eingesetzt: als Offizier in einer Propaganda-Einheit und als OP-Assistent in verschiedenen Lazaretten. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie geriet er 1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 nach Hause zurückkehrte. Aus den erworbenen Kenntnissen der Medizin und des ärztlichen Jargons schöpfte Karl Conrath in seiner humoristischen Versesammlung „Die Schlange des Äskulap“, die sich sprachlich an Wilhelm Busch anlehnt.

Geheiratet hat Karl Conrath 1956 in Beckum-Stadt im Münsterland. Aber den Großteil seines Berufslebens hat er wohl in Saarbrücken verbracht, wo er als Referent für Kultur und kulturtreibende Vereine im Kultusministerium des Saarlandes tätig war. Für sein Hörspiel „Flammen unter Montclair“, gesendet am 3. Juli 1952 unter der Regie von Wilm ten Haaf, erhielt er den ersten Preis im Hörspielwettbewerb von Radio Saarbrücken. Als Theaterstück wurde es 1961 auf der Waldbühne in Orscholz aufgeführt. Dies lässt Conrath die Leser seiner Textsammlung „Von Burgen, Rittern und anderen Spaßvögeln wissen; eine Szene des Stücks ist darin abgedruckt.

Seinen Ruhestand verbrachte Karl Conrath zumindest zeitweise, wie Maria Croon, im Losheimer Ortsteil Britten. Sein persönlicher Nachlass – „47 Archivkästen Werkmanuskripte, Briefe, Lebensdokumente, Zeichnungen, Fotos, persönliche Materialsammlungen und Objekte“ hat den Weg ins Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass in Saarbrücken gefunden und harrt dort der Auswertung. (IP)