Navigation öffnen

Karl Christian Müller

geb. 17. Jan. 1900 in Saarlouis, gest. 10. Jan. 1975 in Homburg/Saar, Bestattung in Saarbrücken

Nachdem Karl-Christian Müller lange Jahrzehnte zu den vergessenen oder allenfalls wegen ihrer Unzeitgemäßheit belächelten Dichtern gehört hat, sind in jüngerer Zeit Ansätze zu beobachten, den einst prominenten Autor wieder ins Licht der literarischen Öffentlichkeit zu rücken. Vorläufiger Höhepunkt dieser Wiederbelebungsversuche ist die 2012 als Buch erschienene Saarbrücker Dissertation von Torsten Mergen, der sich ausdrücklich zum Ziel gesetzt hat, „dem fortschreitenden Ent-Kanonisierungsprozess von bündischen Texten im Allgemeinen sowie Müllers literarischen Leistungen im Besonderen entgegenzuwirken.“ Begründung: „Karl Christian Müller zählte zu den Wegbereitern des saarländischen Literaturbetriebs und galt zu Lebzeiten als Schriftsteller mit einem expliziten poetischen Anspruch.“

Unter anderem hat Mergen die Biographie Müllers detailliert aufgearbeitet. Karl Christian Müller kommt als Sohn eines Vizefeldwebels in der Garnisonstadt Saarlouis zur Welt. Die Mutter stammt aus einer rheinländisch-katholischen Familie, der Sohn wird aber im protestantisch-nationalen Geist des Vaters erzogen. Zu seiner Geburtsstadt entwickelt er kein emotionales Verhältnis; als der Vater im Jahr nach Karl Christians Geburt in den Telegraphendienst nach Saarbrücken wechselt, bezieht die Familie dort eine Wohnung am Triller. 1910 bis 1918 besucht Karl Christian Müller das Reform-Realgymnasium in Saarbrücken, macht im Juni 1918 die „Notreifeprüfung“, meldet sich zum Militärdienst, erhält eine Ausbildung bis zur Demobilmachung im November, tritt einem Freikorps bei, erkrankt beim Einsatz im Baltikum an Fleckfieber. Er nimmt das in Tübingen begonnene Studium wieder auf, Fächer Germanistik, Evangelische Theologie, Philosophie und Geographie, Berufsziel Gymnasiallehrer. Fortsetzung des Studiums in München, Bonn, Köln. 1923 Promotion über Jean Paul, Erstes Staatsexamen. Rückkehr ins Saargebiet, Schuldienst, ab 1931 Studienrat.

Teut Ansolt und die Trucht

1930, als 30jähriger, gründet Müller unter dem Alias „Teut“ in der Saarbrücker Deutschherrenkapelle einen Bund für 12- bis 16jährige Jungen, den er „Trucht“ nennt, als eigenständige Gemeinschaft innerhalb der (späten) Jugendbewegung. „Konstruktives Vorbild lieferte der Kreis um Stefan George, welcher auf der Vorstellung klar zugeschriebener Rollen basierte – ein sich als absolute Autorität inszenierender ‚Meister‘ dirigierte und instruierte eine folgsame und unter dem Gesichtspunkt der Elitenbildung konstituierte Gruppe von ‚Jüngern‘, die bedingungslos und blindlings ihren Adlatenstatus akzeptierten.“ (Torsten Mergen) Müller tritt im März 1933 der NSDAP bei. Im Vorfeld der Saarabstimmung 1935 stellt er sich mit Agitationslyrik (die Saar als „dem Urfeind nächste umdrohte Mark“) in den Dienst der Deutschen Front. Bei der bündischen Jugend steuert Müller einen „NS-affinen Kurs“, hält ein „Überwintern“ ihrer Ideale im Nationalsozialismus für möglich. 1938 wird er Ortsgruppenleiter der NSDAP. Er fungiert als „Kreisfachberater“ in Sachen Literatur für den Gaukulturwart.

Im Januar 1942 wird Müller zur Kriegsmarine einberufen, im Rang eines Marineleutnants gerät er im Oktober 1944 in britische Kriegsgefangenschaft. 1948 kehrt er nach Saarbrücken zurück, wird in einem Epurationsverfahren als „Minderbelasteter“ eingestuft mit der Sanktion: untragbar für das Unterrichtswesen; arbeitet in verschiedenen Berufen, bis er im Zuge der so genannten Saarlandamnestie in den Schuldienst zurückkehren kann und 1950 als Studienrat an der Oberrealschule in Saarbrücken wieder eingestellt wird (Pensionierung auf eigenen Wunsch 1962 als Oberstudienrat).

Karl Christian Müller gründet 1951 den Verband saarländischer Autoren (Vorsitz bis 1964), nachdem er zuvor schon in Schriftstellerorganisationen tätig war: Vorsitzender der Fachgruppe „Schrifttum“ im „Deutschen Kulturbund im Saargebiet“, 1935-1937 „Verbandskreisleiter des Verbandskreises Saarbrücken Stadt und Land im Gau Rheinpfalz/Saar“ des „Reichsverbands deutscher Schriftsteller“ sowie Mitglied der Reichsschrifttumskammer. Auch im „Saarländischen Kulturkreis“ ist er aktiv (1962-1965 stellvertretender Vorsitzender, 1970-1973 Vorsitzender).

Fühlst du die Quelle?

Parallel zum Autorenverband versucht Müller, sich unter dem Pseudonym „Teut Ansolt“ durch die Neugründung der „Trucht“ eine weitere Wirkungsbasis zu schaffen. Es gelingt ihm aber nicht mehr, an die alten Zeiten anzuknüpfen, Anfang 1959 tritt er als „Bundesführer der Trucht“ zurück, um 1961 noch einmal einen neuen Anlauf zu versuchen.

Müllers literarisches Schaffen changiert zwischen höchstem geistigem Anspruch und vordergründiger Agitation. Er beginnt 1929, selber kein Jüngling mehr, mit dem unter dem Pseudonym Teut Ansolt im Selbstverlag veröffentlichten Gedichtband „Der Kranz des Jünglings“, der Stefan George gewidmet ist („du führst die hand daß ich die zweige winde / mit blüten meiner jugend zu dem kranz“). Der Dichter Johannes Kühn schreibt Müller 1969: „Das war zum ersten Mal Lyrik eines Saarländers, wenn auch in den Spuren von Stefan George, doch mit einem eigenen Fuß.“ Für seine „Trucht“ verfasst Müller Erzählungen von gemeinsamen Fahrten, die am Lagerfeuer vorgetragen werden, sowie Laienspiele mit mittelalterlichen Stoffen und Lieder. 1937 erscheint in einem saarländischen Verlag Prosa von Karl Christian Müller, „Sie suchten eine Heimat“, eine historische Erzählung, ebenso wie „Die Bibelschreiber“ (1938 geschrieben, 1943 veröffentlicht). Als Lehrbeauftragter des „Gauschulungsamtes Westmark der NSDAP“ verfasst er ab 1941 Vorträge zu Themen wie „Nationalsozialistische Arbeitsethik“ oder „Lebenskampf des deutschen Volkes“. Während seines Kriegseinsatzes 1942 bis 1944 gehört er einer Propagandakompanie an und betreibt Kriegsberichterstattung.

1954 erscheint die „Initiationsschrift des Autors Müller in das kulturelle Nachkriegs-Saarland“ (Torsten Mergen): Der Saarbrücker Minerva-Verlag bringt den zweiten Lyrikband des mittlerweile 54jährigen heraus, „Wünschelrute“ mit naturmystischen Gedichten (immer noch im Schatten Georges): „Halte die Rute / Über die Erde! / Spürst du die Ader? / Fühlst du die Quelle?“ Bis ein Jahr vor seinem Tod veröffentlicht er – die Nachdichtungen und Übersetzungen nicht mitgezählt – noch sechs weitere Gedichtbände. Er hat Mühe, dafür Verlage zu finden, sein Verständnis von Lyrik ist immer weiter entfernt vom zeitgenössischen Stand der literarischen Entwicklung.

Torsten Mergen versagt sich am Ende seiner umfangeichen Arbeit die Antwort auf die von ihm selbst aufgeworfene Frage, „ob Müller ein Autor ist, der bleiben und einen Platz im Kanon des 20. Jahrhunderts finden wird“. Es bleibt das Bild eines literarisch Unzeitgemäßen und seiner „Versuche, den hohen respektive allzu hohen Stil zu retten, den Seher- und Führungsanspruch des Dichters zu wahren“ (Günter Scholdt).

Nachlass im Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass

In Werner Reinerts autobiographischer Erzählung aus seiner Kindheit und Jugend „In diesem Land“ taucht Müller als Geographielehrer Teut auf. Aspekte der Lyrik Reinerts können, wie Mergen darlegt, als kritischer Gegenentwurf zu dessen Gedichten und zu seiner Haltung in der NS-Zeit gelesen werden. (RP)