Helge Dawo

geb. 1962 in Blieskastel

Helge Dawo ist der Philosoph unter den saarländischen Dichtern, die in den 1960er Jahren geboren sind.

Der Geburtsort steht fest, aber das genaue Geburtsdatum sowie der Werdegang des Autors sind nicht veröffentlicht und nicht von ihm zu erfahren. Auf unsere Anfrage begründet er in einer Mail vom 17.10.2016 seine diesbezügliche Zurückhaltung: „Befinde mich nämlich nicht wohl, wenn, ganz allein und verletzlich, persönliche Daten in die Welt wandern, die natürliche Nahrung wilder Tiere und verwerflicher Blicke (sowie der NSA). Ist ‘ne Macke von mir“ – „a trace of Pynchon“, ergänzt er.

Zu seinem Werdegang lässt sich sagen: Helge Dawo hat in Saarbrücken Komparatistik studiert, geht keinem akademischen Beruf nach, ist ein Meister gelehrter mündlicher Dialoge, hat seit 1987 veröffentlicht, aber nicht allzu viel, und lebt in Saarbrücken.

1991 erscheint im kleinen Saarbrücker PoCul-Verlag ein Band mit 22 Kurzprosastücken von Helge Dawo. Es sind absurde Stücke mit Leseransprachen à la „Tristram Shandy“ (1759-67) – wobei man bei Dawos Belesenheit voraussetzen kann, dass er den Roman von Laurence Sterne kennt -, der unbedenklichen Brutalität von Comics („Nach mehreren Versuchen mit Kleinkindern beseitigte er seine Eltern durch Rattengift und verjubelte das Erbteil mit einer Bulldogge; da war der Bengel drei.“), Spielerei mit Worten („Мeine Mutter besaß einen beachtlichen linken Aufwärtshaken, und sie warf ihre älteren Rechte rücksichtlos in die Waagschale.“), jeder Menge Absurditäten und surrealistischer Montagetechnik statt geradliniger Erzählung. „Еr ist ein gewitzter Junge“, heißt es einmal über den Ich-Erzähler als Kind, denn er hat es früh mit dem Schreiben, und ein Prosastück trägt den Titel: „Die Gefahren des Lesens“.

Zwei Jahre später erscheint sein zweites und vorläufig letztes Buch, wieder Kurzprosa, vorsichtig weiterentwickelt. Wieder die Gewaltsamkeiten, im Inhalt („Sie entsicherte ihren Browning und zielte auf den Teil des Helden dieser Geschichte, auf den man nicht zielt, und eine Dame schon gar nicht.“), gemäßigter aber in der Form. Viele Stücke beginnen im Erzählstil des 19. Jahrhunderts („Ein Handelsreisender in den besten Jahren…“) und weisen im Verlauf dann tatsächlich Kennzeichen einer, wenn auch grotesk, zusammenhängenden Handlung auf und sind – im höheren Sinn des Wortes – von Witz getragen. Die vorangestellten Zitate sind mit Vorliebe der englischsprachigen Literatur entnommen, wenn sie denn nicht von Sokrates oder Derrida stammen.

Als Helge Dawo 1997 als erster Autor den Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis bekommt, referiert Ralph Schock als Sprecher der Jury deren Urteil wie folgt: „Lieber wunderbar verarscht als gar kein Wunder“ (Saarbrücker Zeitung“20.09.1997). Die Autoren, die an dem Wettbewerb teilnehmen, sollten sich – wie in den Folgejahren – an einem Zitat aus dem Werk von Hans Bernhard Schiff abarbeiten, das damals lautet: „An der Aktualität geht die Wirklichkeit zugrunde.“ Die Jury findet, nicht allein der philosophische Gehalt und die souveräne Handhabung des Gegenstandes habe sie vom essayistischen Können Dawos überzeugt, sondern vor allem dessen ironisches Spiel mit der eigenen Wirklichkeit, die Verspottung des vorgegebenen Themas.

Dawo beschäftigt sich mit japanischer Kultur (Literatur, Geschichte, Religion, Sprache), in Fachpublikationen („deadline“) veröffentlicht er Rezensionen von so genannten Anime, das sind japanische Zeichentrickfilme und -serien. (RP)