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Gerhard Bungert

geb. am 11. Nov. 1948 in Spiesen

Portraifoto in Bibliothek

Foto: Florian Brunner

Er ist nicht nur ein „waschechter“ Saarländer, der einer regionaltypischen Familie entstammt (Urgroßvater und Großvater waren Bergleute), er hat auch maßgebend dazu beigetragen, dass das „Völkchen an der Saar“ begann, sich eine eigene Identität zu suchen. Sowohl die Völkerbundzeit als „Saargebiet“ (die hierzulande ungeliebte, aber von Menschen aus dem „Reich“ bisweilen immer noch benutzte Bezeichnung des Saarlandes) als auch die unheilvolle, selbstgewählte Zugehörigkeit zu Hitler-Deutschland als auch die umstrittene Saarstaat-Ära unter Joho (Johannes Hoffmann, erster Ministerpräsident des bedingt autonomen Saarlandes) tragen nicht zum selbstbewussten Auftreten der saarländischen „Landsmannschaft“ bei. Den typischen Saarländer gibt es (noch) nicht.

Das ändert sich schleichend, wohl ab den 1970er Jahren, und hat in Ludwig Harig seinen intellektuellen Protagonisten. Mit seinem 1977 erschienenen Buch „Die saarländische Freude“ liefert er, wenn auch augenzwinkernd, eine Steilvorlage in Sachen „saarländische Identitätsbeschreibung und Identitätsfindung“. Harigs liebevolle Beschreibungen saarländischer Befindlichkeiten und Lebenseinstellungen hatten auch Journalisten „im Reich“ neugierig gemacht, und auch im Saarland selbst war die Bereitschaft gewachsen, sich für sich selbst zu interessieren. Dieser sich abzeichnende „Stimmungsumschwung“ war auch dem jungen Studenten Gerhard Bungert nicht verborgen geblieben.

Dem Wunsch der Eltern zufolge soll der Filius nach seinem am Staatlichen Realgymnasium in Neunkirchen abgelegten Abitur eigentlich eine Lehrerkarriere anstreben. Und in der Tat scheint die Fächerkombination seines Studiums an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken dorthin zu führen: Soziologie, Erziehungswissenschaft und Sozialpsychologie. Mit seinem Studienfreund Klaus-Michael Mallmann teilt er das Interesse an Geschichte, vor allem an regionaler Geschichte und der Geschichte der Arbeiterbewegung. Bungert wohnt nun in Saarbrücken und ist mit der Schauspielerin Alice Hoffmann verheiratet. Er erkennt sein Schreibtalent, weswegen er schon bald als Lokalreporter bei der „Saarbrücker Zeitung“ tätig wird. Hinzu kommen Kontakte zum Saarländischen Rundfunk (er schreibt Texte u. a. für Gerdi und Fritz Weissenbach, Manfred Sexauer) und zum Saarländischen Landestheater, wo Bungert als Musiker engagiert wird. Dort findet auch im April 1977 die Uraufführung des mit Mallmann verfassten Volksstücks „Eckstein ist Trumpf“ statt – eine Hommage an Nikolaus Warken, den Anführer der Bergarbeiterstreiks im Saarrevier Ende des 19. Jahrhunderts. Der heimischen Bergarbeiterkultur bleiben Bungert und Mallmann weiter verbunden, es folgen zwischen 1979 und 1981 drei Bändchen mit „Bergmannsgeschichten von der Saar“.

Bungert hat sich derweil entschieden, (vorerst) als freier Publizist zu arbeiten. Mit dem neu gegründeten Dillinger Verlag Queisser, der sich auf die Region spezialisiert, ergibt sich eine fruchtbare Zusammenarbeit. Sein Faible für die saarländische Mundart kann Bungert in seiner sehr freien Übertragung von Goethes „Urfaust“ erstmals intensiv ausleben: Sein „Fauschd“ (1980) wird zudem von einem Essay Ludwig Harigs „geadelt“. Im gleichen Verlag erscheinen „Alles über das Saarland“, eine Art „Aufklärungsbuch“ mit Comics und z. T. andernorts bereits veröffentlichten „saarspezifischen“ Texten, und ein erstes Wörterbuch: „graad selääds – Schimpfwörter auf Saarländisch“.

Ein erster großer Coup gelingt Bungert 1982 mit der von ihm herausgegebenen Anthologie „Typisch saarländisch – Ein- und Ausdrücke aus dem jüngsten Bundesland“. Der Frankfurter Verlag Weidlich hatte Ende der 1970er Jahre diese regionale „Typisch“-Reihe für den bundesdeutschen Buchmarkt aufgelegt und sich auch für einen eigenständigen Saarland-Band erwärmen können. Im Klappentext heißt es u. a.: „Was ist das für ein Land, in dem die Industrie im Wald steht, die Grenze vor der Tür liegt, in dem jeder jeden kennt und sich das regionale Selbstbewußtsein erst seit einigen Jahren entwickeln konnte? …ein Lese-, Haus- und Handbuch für Saarländer und Nicht-Saarländer, für alle, die wissen wollen, was typisch saarländisch ist.“

Eine (kleine?) Goldgrube hat sich aufgetan: mit einer betont volkstümlich orientierten Schreibe können nunmehr alle Facetten „saarländischen Daseins“ abgearbeitet werden. Im Verbund mit dem Saarbrücker Autor und Verleger Charly Lehnert (Anfang der 1990er Jahre hatten beide das „Medienzentrum Wintringer Hof“ gegründet) erscheinen vor allem Taschenbücher, die kurz und knapp saarländische Spezifika (Küche, Sprache, Mentalität etc.) auf lockere Art dem Leser nahebringen.

Bemerkenswerterweise stellt Bungert 1996 seine von ihm mit befeuerten Saarland-Klischees auf den Prüfstand. Sein im Lehnert Verlag erschienenes Buch „Die Heiligen Kühe der Saarländer“ reflektiert durchaus selbstkritisch und selbstironisch und mit zeitlicher Distanz „typische“ Einstellungen und Eigenheiten seiner Landsleute: „typische“ Kapitel lauten „Dehemm sinn“, Franzeesisch esse“, „Sich kenne“ oder „De Becker Heinz“. Was letzteren betrifft, so erzählt Bungert ausführlich, wie es zu dieser bis heute bundesweit erfolgreich von Gerd Dudenhöffer verkörperten Kunstfigur gekommen ist. Demnach hatten der SR und mit ihm Kabarett-Legende Hanns Dieter Hüsch „eine regionale Comedy-Figur für Stegreif-Sketche im Hörfunk“ gesucht. Um 1980 habe er mit Dudenhöffer, dessen damaligem Regisseur Franz Walter Freudenberger und dem Autor Rainer Petto ein Konzept für die ganze „Familie Heinz Becker“ entwickelt.

Mit Büchern über professionelles Schreiben und über Golf hat Gerhard Bungert versucht, sich auf dem überregionalen Buchmarkt zu etablieren. 2015 hat er in dem Buch „Mahlzeit“ Autobiographisches mit Kulinarischem kombiniert.

Danach hat sich Bungert wieder einem seiner Lieblingsthemenfelder, der saarländischen Mundart, zugewandt. Dabei zieht er bewusst keine Grenze zwischen dem rheinpfälzischen und dem moselfränkischen Saarländisch – was ihm bisweilen vorgehalten wird. Sein 2016 erschienenes Wörterbuch „SAARLÄNDISCH – So schwätze unn so schreiwe mir“ verzichtet somit auf die (nicht belegbare „reine Lehre“), will lieber unterhalten und zum Schmökern anregen.
Bungert lebt und arbeitet in Südfrankreich, in einem kleinen Dorf bei Carcassone, und auf Gran Canaria. (RS)