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Conrad von Bolanden

(Pseudonym von Joseph Eduard Konrad Bischoff)
geb. 9. Aug. 1828 in Niedergailbach, gest. 30. Mai 1920 in Speyer

Conrad von Bolanden war katholische Priester, der mit seinen vatikantreuen Romanen im Kulturkampf vor Liberalismus und Sozialdemokratie warnen wollte.

Joseph Eduard Konrad Bischoff war der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns und einer französisch-stämmigen Mutter, zu welcher er zeitlebens eine enge Bindung hatte. Die Schule besuchte er zunächst in seinem Heimatort Niedergailbach, unmittelbar an der Grenze zu Lothringen gelegen. Über die Lateinschule in Blieskastel kam er auf das Gymnasium in Speyer, ehe er 1849 begann, in München Theologie und Philosophie zu studieren. Drei Jahre später wurde er in Speyer zum Priester geweiht und war danach dort auch Domkaplan. Es schlossen sich Tätigkeiten als Administrator in Kirchheimbolanden sowie als Pfarrer im nordpfälzischen Börrstadt und in Berghausen bei Speyer an.

1857 wurde sein erster Roman „Luthers Brautfahrt“ veröffentlicht, und zwar unter jenem Pseudonym, das er sich nach dem Ort und dem 1129 gegründeten Augustinerkloster Bolanden gegeben hatte. Im Vorwort hielt er fest, dass die Historie viele Begebenheiten und Charaktere der Weltgeschichte in unberechtigter Weise verherrliche, sie mit einem Nimbus umgebe, der ihnen keinesfalls zukomme, und nur ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten verdecken solle. Seine ausdrückliche Zielsetzung war es, diese Glorifizierung zu beseitigen, die tatsächlich dahinter stehende Banalität zu entblößen und so mit seiner Literatur die Realität darzustellen. Dabei nahm Bischoff stetes eine orthodox katholische Stoßrichtung ein.

Nachdem er sich zunächst mit Luther auseinandergesetzt hatte, stellte er 1859 in seinem zweiten historischen Roman die Reformation als niederträchtigen und gemeinen Aufruhr dar; an historisch realen Persönlichkeiten wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Martin Bucer oder Johann Schwebel, allesamt reale regionale Galionsfiguren der Reformation, ließ er kein gutes Haar und inszenierte sie als moralisch zutiefst verdorbene Bösewichte. Er zog schroff gegen den Protestantismus und gegen jede freiheitliche Entwicklung in Kirche und Staat, im Leben und in der Wissenschaft zu Felde, eine Stoßrichtung, die in der Öffentlichkeit schnell für turbulente Kontroversen sorgte.

In der Folge wurden seine Veröffentlichungen im protestantischen Preußen auf den Index gesetzt und verboten. Selbst in seiner eigenen Diözese Speyer wurden Bischoffs literarische Ambitionen argwöhnisch beäugt, zumal offensichtlich war, dass die katholische Kirche dadurch in überflüssigerweise in Misskredit gebracht wurde. Der Speyerer Bischof Nikolaus von Weis, der selbst enge persönliche Bindungen zum Heimatort des Schriftstellers hatte – er war dort getauft worden und hatte dort auch die Volksschule besucht -, stellte den Pfarrer deshalb vor die Alternative, sich entweder nur noch seinen seelsorgerischen Aufgaben hinzugeben oder aber nur noch als Schriftsteller zu arbeiten.

In der Konsequenz gab Bischoff 1869 seine Pfarrei auf und konzentrierte sich allein auf die literarische Produktion. Er lebte fortan zurückgezogen in Speyer und schrieb in zügiger Folge einen Roman nach dem andern. Seine voluminösen, oft mehrbändigen Werke wurden vornehmlich in Regensburg oder Mainz verlegt. Seinem Speyerer Dienstherrn setzte er trotz dessen restriktiver Haltung ein literarisches Denkmal. Der Prälat in Bolandens 1864 erschienenem Roman „Die Aufgeklärten“ trägt deutlich die Züge von Nikolaus von Weis; dessen große Gastfreundschaft und ausgeprägte Mildtätigkeit verarbeitet der Autor im „Gastwirt zum Goldenen Kreuz, welchen die Armen ihren Vater nennen“.

Ganz oben an der Spitze der Kirche stießen Bischoffs literarische Aktivitäten indes auf großes Wohlwollen und Gegenliebe. Als nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges und der deutschen Reichsgründung der Kulturkampf eskalierte, ernannte Papst Pius IX. Bischoff 1872 zum Wirklichen Geheimen Kammerherrn. In dessen nunmehr forcierter, ja auf Hochtouren laufender literarischen Produktion thematisierte er Persönlichkeiten und besondere Ereignisse deutscher und europäischer Geschichte: Karl der Große, Otto der Große, Königin Berta und Kaiser Barbarossa, Savonarola, Gustav Adolf und Friedrich II. – um nur einige zu nennen. Aus seiner persönlichen katholischen Perspektive machte er die Bartholomäusnacht zum Gegenstand eines historischen Romans. ZITAT

Programmatisch und richtungsweisend waren bereits die Titel seiner Veröffentlichungen: „Die Schwarzen und die Roten“, „Die Mageren und die Fetten“, „Landesgötter und Hexen“, „Die Aufgeklärten und die Freidenker“, „Die Säule der Wahrheit“ oder auch „Satan bei der Arbeit“.

1914 stellte er nach bald 50 Jahren Produktivität seine schriftstellerische Arbeit ein. Den Ersten Weltkrieg, der im gleichen Jahr begann, kommentierte er als Strafgericht für den aufgeblasenen Nationalismus des Hohenzollernstaates, dessen Niedergang er vorhersah und als zwangsläufig und richtig kommentierte. Konrad von Bolanden starb mit 91 Jahren, nachdem er noch miterleben „durfte“, wie das protestantisch und preußisch dominierte Kaiserreich unterging. In seiner Todesanzeige wurde der Autor als der „gefeiertste Romanschriftsteller der katholischen Welt“ bezeichnet. Bestattet wurde auf dem neuen städtischen Friedhof in Speyer.

Als Schriftsteller hatte es Conrad von Bolanden zum Spezialisten der kulturpolitischen Streitschrift entwickelt. Verpackt als historische oder zeitgeschichtliche Romane, stießen seine Bücher auf riesige Resonanz. Weit über die deutschen Grenzen hinaus sorgte er in der römisch-katholischen Welt für Aufsehen. In den Vereinigten Staaten war er zeitweise der populärste Autor. Der ungemein fruchtbare, unbeugsam vatikantreue Erzähler aus Niedergailbach hat damit auf seine spezielle Art Einzug in die Literaturgeschichte gehalten. Bezüge zur Region finden sich in seinen Texten gleichwohl selten.

In Niedergailbach ist eine Straße nach Conrad von Bolanden benannt. (MB)