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Anton Betzner

geb. 13. Jan. 1895 in Köln, gest. 18. Febr. 1976 in Puerto de Mazarrón (Spanien)

schwarz-weiß Foto des Autors von der rechten GesichtshälfteBei dem Schriftsteller Anton Betzner, einem Freund von Alfred Döblin, gibt es starke biografische und inhaltlich-literarische Bezüge zum Saarland.
Betzner, Sohn eines Organisten, studiert in Köln Klavier und Komposition, orientiert sich beruflich aber zum Journalismus als Mitarbeiter der angesehenen liberalen „Frankfurter Zeitung“ (FZ), für die er über deutsche Landschaften schreibt; die Reportagen werden 1940 unter dem Titel „Deutschherrenland“ als Buch veröffentlicht Nach dem Verbot der Zeitung durch die Nazis 1943 arbeitet er als Lektor für den Buchverlag der FZ.

Betzner und Döblin

Als Schriftsteller wird Betzner von Döblin entdeckt, der damals gerade an seinem dann berühmt werdenden Roman „Berlin Alexanderplatz“ zu arbeiten beginnt (einem Paradebeispiel übrigens für literarische Topographie). Betzners Beziehung zu Döblin hat Ralph Schock in seinem Band über Döblins Zeit in Saargemünd während des Ersten Weltkriegs nachgezeichnet. Der erste Berührungspunkt der beiden Autoren liegt im Jahr 1927, als der bereits etablierte Ältere Betzners Erstlingswerk „Antäus“ als allein entscheidender Juror bei einem Wettbewerb der „Literarischen Welt“ zum Sieger kürt. Begründung: „Sein Buch schien mir uferlos, aber es fesselte im einzelnen immer wieder. Der Mann ist etwas.“ Betzner war bis dahin ein unbekannter Autor, der noch nichts veröffentlicht hatte außer einer Komödie. Nach dem Wettbewerbssieg kann er „Antäus“ in überarbeiteter, gekürzter Form veröffentlichen. Döblin schreibt, auch hier wieder nicht uneingeschränkt lobend, es sei „ein merkwürdiges, aber immer wieder fesselndes Mischgebilde aus Autobiographie und Roman“.  1929 tritt Carl Zuckmayer den Geldbetrag des ihm zuerkannten Büchner-Preises an Betzner ab. 1930 folgt der Roman „Die Gebundenen“ über das Leben eines evangelischen Priesters in einem hessischen Dorf. In er zweiten Hälfte der 30er Jahre schreibt Betzner Hörspiele und Hörberichte für den Reichssender Saarbrücken. Er veröffentlicht bis 1970 noch sieben Romane, einen letzten, über Johannes von Patmos, kann er vor seinem Tod nicht mehr vollenden.
Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wohnt Betzner in Baden-Baden und arbeitet zunächst in der Abteilung Kulturelles Wort beim Südwestfunk. In Baden-Baden wird er von April 1946 bis Sommer 1949 Kollege von Alfred Döblin in der Redaktion der Zeitschrift „Das goldene Tor“, die in der französischen Zone erscheint. Wahrscheinlich hat seit 1927 zwischen ihnen kein Kontakt bestanden. Nun ist es zunächst ein Arbeitsverhältnis, aus dem schließlich eine Freundschaft wird (Ralph Schock). In den 50er Jahren kehrt sich das Verhältnis von Döblin und Betzner um, nun ist es der Jüngere, der sich für den in Vergessenheit geratenen älteren Schriftsteller einsetzt. Von August 1950 bis März 1952 ist Betzner Redakteur beim Südwestfunk, danach kehrt er ins Saarland zurück, wohnt u.a. in Blieskastel und arbeitet als freier Autor für die Literaturabteilung von Radio Saarbrücken, deren Leiter der mit ihm befreundete Hans Bernhard Schiff  (damals: Jean-Bernard Schiff) ist. 1963 wird Anton Betzner Herausgeber der Frauenzeitschrift „Du selbst“.
Ralph Schock hat in seinem Buch über Döblin 15 bisher ungedruckte Briefe veröffentlicht, die Döblin zwischen April 1946 und September 1953 an Betzner geschrieben hat. Zwei Briefe aus dem Jahr 1952 gehen nach Fechingen, fünf aus dem gleichen Jahr an seine Blieskasteler Adresse Auf der Agd 28 (heute Kirchstr. 16).

„Basalt“

Der Roman „Basalt“ ist Günter Scholdt zufolge „Betzners bedeutendstes Werk“, von dem „eine zeitverhaftete wie zeitübergreifende humanitäre Provokation ausgeht“. Der sperrige Text entwirft kühl die zeitgenössische Soziologie des fiktiven Dorfes Hainrod, das durch die Eröffnung eines Steinbruchs in eine Auseinandersetzung zwischen den Kräften der Beharrung und des industriellen Fortschritts gerät. Er verbindet scheinbar widersprüchliche Elemente: „Bodenständigkeitsideologie und Aufklärung, Mythos und Psychologie, Archaik und Sozialanalyse, Politikferne und Zeitkritik“ (Günter Scholdt in „Saarbrücker Zeitung“ vom 5.8.1993).
Eine erste Auflage des Romans erscheint 1942, die Neuauflage von 1948 ist vom Autor bearbeitet. 2003 erscheint eine Neuausgabe von „Basalt“ in der von Günter Scholdt und Hermann Gätje herausgegebenen Reihe „Bücherturm“. Sie folgt der Ausgabe von 1948, „weil auf diese Weise das Zeitübergreifende des soziologischen Modells wieder stärker ins Zentrum rückte, das durch die relativ umfangreiche Thematisierung einer ganz bestimmten Kriegsepoche sonst etwas verdeckt worden wäre“. Der Roman wurde möglicherweise in Saarbrücken abgeschlossen.

Betzner und das Saarland

1942 heiratet Betzner in zweiter Ehe die Saarbrücker Bildhauerin Änne Zenner, das Ehepaar lebt in Saarbrücken. 1944 lernt er in Metz die aus dem saarländischen Fechingen stammende Helene Strempel kennen, die er später heiratet; aus dieser Begegnung entsteht der Roman „Das Zwiegespräch/Liebesgespräch“ (unveröffentlicht). Liebesbriefe an Helene Strempel aus dem Jahr 1944 hat Hans Bernhard Schiff in seinem Nachruf auf Anton Betzner 1976 in der Zeitschrift „Saarheimat“ veröffentlicht. Nach der Rückkehr aus der Evakuierung wohnt das Paar in Helenes Elternhaus in Fechingen, bevor sie 1945 nach Baden-Baden ziehen. Betzner lässt die Beziehungen ins Saarland nicht abreißen, mit Döblin wohnt er im Mai 47 der Gründung des Saar-Verlages bei.
Ab 1949 das Ehepaar wieder in Fechingen. Hier beginnt Betzner 1952 mit der Arbeit an dem Roman „Die schwarze Mitgift“, der starke Saarland-Bezüge aufweist. Für den Saarländischen Rundfunk schreibt er u.a. Hörspiele, auch eine Hörspielversion der „Schwarzen Mitgift“. Zwischen 1958 und 1973 veröffentlicht er in der Zeitschrift „Saarheimat“ insgesamt elf Erzählungen und Essays. Anfang der 60er Jahre zieht er noch einmal nach Baden-Baden, kehrt dann nach Fechingen zurück, löst aber 1965 den Haushalt dort auf, um nach Blieskastel, schließlich aber nach Spanien zu ziehen. Schon 1944 hat er in einem Brief an Helene Strempel geschrieben: „Könnte ich erst, wie es immer mein Wunsch war, nach dem Süden, ich würde nie in unser zwieträchtiges Klima zurückkehren.“

„Die schwarze Mitgift“

Den Roman „Die schwarze Mitgift“ soll Betzner im Auftrag des saarländischen Kultusministeriums geschrieben haben. Désirée Nenno, für die „Die schwarze Mitgift“ „Betzners saarländischer Schlüsselroman“ ist, hat die Bezüge detailliert nachgewiesen. Demnach basiert die Liebesgeschichte auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1949; der Tod Georgs ist sogar durch einen Zeitungsausschnitt mit der Überschrift „Selbstmord aus Liebeskummer“ belegt. Der uneheliche Sohn, der von einer Familie im Dorf adoptiert wurde, lebt „noch heute“ (2003) dort. Die Ortsnamen wurden von Betzner verändert, sind aber klar zu identifizieren: „Leidingen“ ist Fechingen und „Marlingen“ ist Eschringen. Zwischen beiden Dörfern (heute Ortsteile von Saarbrücken) liegt der auch im Roman so genannte Gebberg, der Zufluchtsort für das junge Paar ist. Betzner wohnte in Fechingen in einem Haus am Pfaffenbrunnen an der Ortsausfahrt, von dessen Fenstern aus er den Gebberg sehen konnte. Auch andere Orte und einige Nebenfiguren des Romans sind laut Désirée Nenno der Realität entnommen. Anton Betzner habe „die Fakten, die er wusste, zu einer Geschichte verwoben, wie sie in der Realität in etwa ausgesehen haben könnte“.

Wie in „Basalt“ vereint auch „Die schwarze Mitgift“ Sozialanalyse und Zeitkritik mit einer Tendenz zur christlich-religiösen Überformung und zur Mythisierung des Geschehens. Letzteres schlägt sich auch im Stil des Romans nieder, der, weit entfernt von jeglichem Anklang an Kolportage, von einem starken Willen zur Kunst, zur bedeutungsvollen Aufladung der Sprache nach expressionistischem Vorbild geprägt ist.

Gebberg Fechingen

Die Handlung: In der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg finden der vom Krieg traumatisierte Georg und das Mädchen Angelika (lat. „Die Engelhafte“) in absoluter, unerschütterlicher Liebe zusammen. Sie wohnen in Dörfern, die durch den Gebberg getrennt sind; dieser Berg gewinnt im Roman geradezu mythische Dimensionen. Georgs Eltern, eine fromme, rechtschaffene Handwerkerfamilie, billigt das Verhältnis, während Angelikas Vater, der alte Freis, die Verkörperung des Bösen schlechthin ist und die Beziehung der beiden Minderjährigen mit allen Mitteln hintertreibt. Von der Polizei und von Freis verfolgt, irren die schwangere Angelika und ihr Freund durch die unwirtliche Landschaft. Nach der Geburt ihres Kindes stirbt Angelika, und Georg, der den Verlust nicht verwinden kann, geht in die Saar.

Die tragische Liebesgeschichte spielt sich ab vor dem Hintergrund eines Epochenumbruchs, den Betzner durch den Zweiten Weltkrieg ausgelöst sieht. Mit seiner Karriere vom ambulanten Textilhändler zum Fabrikanten steht Freis für einen Teil des sozialen Wandels. In der Landwirtschaft und beim Bergbau verdrängt Technik die Handarbeit, die Dörfer verstädtern. Gleichzeitig haben der Krieg und das Geld die Menschen „glaubenslos und liebelos“ gemacht: „Sie fühlten es, einer wie der andere, wie Polarluft zwischen sich, den Zerfall zwischen Himmel und Erde und den Zerfall zwischen Menschenhaut und Menschenhaut.“ Und: „Wir sind keine Menschen mehr. Wir sind Maschinenanhängsel.“
Es ist ein tief pessimistisches Buch: Die Guten sind die Verlierer. Seine Aussage ist nicht überzeitlich, sondern auf eine bestimmte (noch heute andauernde?) Epoche gemünzt, aber die (verdeckte) Lokalisierung im Saarland ist relativ beliebig, der Roman könnte auch anderswo spielen. Als „Schlüsselroman“ ist er nicht angelegt. (RP)