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Alois Brandstetter

geb. 5. Dez. 1938 in Aichmühl bei Pichl, Oberösterreich

seitliche Portraitaufnahme im Freien

Foto: Lukas Beck

Alois Brandstetter, einer der bekanntesten und meistgelesenen österreichischen Schriftsteller der Gegenwart, beginnt seine literarische Karriere Ende der 1960er Jahre in Saarbrücken.

Brandstetter, als Sohn eines Mühlenbesitzers im österreichischen Alpenvorland geboren, besucht bis zu seinem Schulverweis das bischöfliche Knabenseminar in Linz, dann das Gymnasium in Wels. Vom Wintersemester 1957/58 an studiert er in Wien Germanistik und Geschichte, promoviert 1962 zum Thema „Laut- und bedeutungskundliche Untersuchungen an der Mundart von Pichl bei Wels“.

1962 kommt Brandstetter an die Universität des Saarlandes, zunächst als Stipendiat der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft), dann als Assistent für Altgermanistik und Sprachwissenschaft am Lehrstuhl von Hans Eggers. 1970 habilitiert er sich mit „Studien zur Rezeption der höfischen Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman“, wobei auch Elisabeth von Lothringen Erwähnung findet. 1971 wird er Professor in Saarbrücken, 1974 wird er auf eine Professur für Ältere deutsche Sprache und Literatur an die Universität Klagenfurt berufen, die er bis 2007 ausübt. Brandstetter lebt in Klagenfurt.

1968 und 1969 veröffentlicht Brandstetter drei Prosastücke im Feuilleton der „Saarbrücker Zeitung“, die er laut Mitteilung an „Literaturland Saar“ als Beginn seiner „Schriftstellerei“ ansieht. Der erste Text (“David und Goliath“) erscheint in der Ausgabe vom 20. April 1968, die beiden anderen am 10. August 1968 („Zweiter Blick auf Ikarus“) und am 22. Juli 1969 („Viel Verkehr in Groß-Kienitz“). Noch bevor bzw. während er 1971 mit seinem ersten Prosaband, „Überwindung der Blitzangst“ im angesehenen Salzburger Residenz-Verlag, die große literarische Bühne betritt, bringt er in der Zweibrücker Edition Beck ein bibliophiles Buch mit dem Titel „Gewissenserforschung“ und im Szene-Verlag von Axel Hertenstein in Pforzheim die Bücher „Über Untermieter“ und „Stille Größe“ heraus. 1973 erhält er seinen ersten Preis, den Förderpreis für Literatur des Landes Oberösterreich, dem weitere Auszeichnungen folgen werden, u.a. der Wilhelm-Raabe- und der Adalbert-Stifter-Preis. 1974 erscheint Brandstetters erster und bis heute erfolgreichster Roman, „Zu Lasten der Briefträger“, wieder im Residenz-Verlag, dem er bzw. der ihm mit seinen zahlreichen weiteren Veröffentlichungen treu bleibt. Sein Lehrer Hans Eggers, schreibt uns der Autor, habe „diese ‚Nebenbeschäftigung‘ eher kritisch gesehen“.

Hans-Jürgen Schraders charakterisiert Brandstetters Prosa so: „Insofern es kaum äußere ‚Handlung‘ gibt, ist der ‚Inhalt‘ die monomanische Selbstrechtfertigungs-, Klage- oder Anklagerede der jeweiligen Sprechinstanz, eine satirisch überspitzte ‚Schwadronade‘, die sich assoziativ kreiselnd über Schiefheiten und Missstände erhebt. Spannung stiftet nicht der (nie an ein Ende geführte) Inhalt, sondern der Sog forttreibenden Beredens.“

In einer Anthologie „neuer Heimatgeschichten“ mit Beiträgen von 16 Autoren aus Österreich, der Bundesrepublik und der Schweiz, die er 1973 herausgibt, erläutert Brandstetter, der selber in einem gewissen Sinn als Heimatautor verstanden werden kann, wie in der „guten Heimatliteratur“ die „regional-überregionale Plausibilität in der Darstellung von Land und Landsleuten“ entsteht: „Wenn denn weder Betriebs- noch Ortsblindheit den Autor behindern, dann wird sich in seinem Text eine Evidenz und Stimmigkeit einstellen, die auch dem fremden und ortsunkundigen Leser unmittelbar einleuchtet. Sie erstaunt, aber befremdet nicht.“

Während seiner Saarbrücker Zeit zeichnet Brandstetter Sendungen für die Literaturabteilung des Saarländischen Rundfunks auf, Literaturredakteur Arnfrid Astel lädt ihn zweimal ein, Einführungen zu vom SR veranstalteten Lesungen an der Uni zu halten, und zwar zu Renate Rasp und H.C. Artmann. Für die SR-Hörspielredaktion unter Werner Klippert erarbeitet Brandstetter eine hörspielartige Übersetzung des „Armen Heinrich“ von Hartmann von Aue. Mit dem saarländischen Schriftsteller Ludwig Harig ist Brandstetter befreundet. Harig hat Brandstetter später attestiert, in seinen Büchern „eine außergewöhnliche Form österreichischer Komik, ja oberösterreichischen Humors“ offenbart und mit seinem Mühlen-Roman „einen ‚Bildungsroman‘ kuriosester Art“ geschrieben zu haben, „der nämlich die bodenlosen Paradoxien von Welt und Leben in unverschleierter, oft derber bäuerlicher Sprechweise offenkundig macht“ („Saarbrücker Zeitung“ vom 10. Oktober 1981).

Während seiner Zeit im Saarland zieht Brandstetter häufig um, wohnt zuerst in Saarbrücken in der St. Ingberter Straße, dann in Dudweiler, am längsten in Spiesen, zum Schluss in Scheidt. Seine Erfahrungen als so genannter möblierter Herr hat er in dem Text „Über Untermieter“ verarbeitet, in dem der Vermieter sagt: „Aber das saarländische Platt versteht der Herr Untermieter wohl kaum.“

1978 befasst sich Brandstetter in einem Essay mit seinen „13 nicht unglücklichen Jahren“ an der Saar. SR-Redakteur Fred Oberhauser hat Brandstetter eingeladen, das Saarland von außen zu beschreiben (die komplementäre Innenbetrachtung kommt von Rainer Petto; beide Texte sind auszugsweise abgedruckt in der Anthologie „Ein saarländisches Lesebuch“, 1980). Hier erzählt Brandstetter, er sei im Saarland „zu einem ausdauernden Thekensteher“ mit Vorliebe fürs saarländische Bier geworden. In Spiesener Wirtshäusern habe er sich zu Bergleuten gesetzt und ihnen zugehört, wenn sie von früher erzählten: „Wenn man bedenkt, dass die alten pensionierten Bergleute nicht nur von sich berichten konnten, sondern auch über die Erinnerungen ihrer Väter und Großväter verfügten, so erfuhr man in direkter mündlicher Überlieferung Authentisches aus einer weit zurückliegenden Zeit, sozusagen von vor der industriellen Revolution.“ Vielleicht würde es lohnen, den Spuren dieser Erzählungen im Werk Brandstetters nachzuspüren.

Im Juni 2014 kommt Brandstetter zu einer Lesung ins Saarländische Künstlerhaus nach Saarbrücken. Vor seiner Lesung spricht er mit Prof. Dr. Ralf Bogner von der Arbeitsstelle für österreichische Literatur und Kultur an der Saar-Uni über seine literarischen Anfänge im Saarland. (RP)