Alfred Diwersy

geb. 13. Nov. 1930 in Merzig, gest. 21. Dez. 2017 in Merzig

Foto: Inge Plettenberg

Für hochgebildete Männer mit feinen Umgangsformen und Sinn für Schönheit haben wir heute noch, wenn auch seltener, die Bezeichnung „ein Herr“. Alfred Diwersy ist ein Herr. Auch wenn sein eleganter, weißgewellter Schopf inzwischen kürzer und grauer ist. In jüngeren Jahren sorgte seine stets makellos sitzende dunkle Haartracht mit einem unglaublich langen linken Seitenscheitel für Unverwechselbarkeit. Jetzt trotzt Alfred Diwersy mit seinem phänomenalen Gedächtnis und all den Namen, Daten, Begebenheiten und Geschichten, die er darin abgespeichert hat, in seinem Haus in Merzig Krankheit und Alter. Nach dem Tod seiner ersten Frau Gabriele Gadomski (1932 – 1992) hat er das Glück, nicht allein zu sein. Seine Lebensgefährtin und mehrfache Ko-Autorin Gisela Wand unterstützt ihn.

Alfred Diwersy ist ein Mann der Bücher in doppeltem Sinne: als Autor und als Verleger. Als Begründer der Edition Karlsberg (1988–1995) und als Chef des Gollenstein-Verlages (1993 bis 2012) brachte er an die 400 Bücher heraus – Landschafts-und Kulturgeschichtliches, Mundart, Krimis, Kochrezepte, Neuauflagen historisch bedeutender Publikationen mit Saarland-Bezug, politische und kulturpolitische Analysen, Philosophisches, Lyrik, Romane.

Von A wie „Achten, Willi. Von Liebe und Blau. Roman“ bis Z wie „Zimmermann Natalie. Spur aller Zeit. Lyrik und Prosa“.  Für Alfred Diwersy selbst waren dabei die von Manfred Jähnichen, einem Slawisten an der Berliner Humboldt-Universität, herausgegeben Anthologien slowakischer, kroatischer und serbischer Poesie des 20. Jahrhunderts in deutscher Übersetzung (1996–2004) ganz besondere Projekte, ebenso wie die Übersetzung von vier Romanen Roger Manderscheids aus dem Luxemburgischen: „Tschako Klack“ (1997), „Der Papagei auf dem Kastanienbaum“ (1999), „Der sechste Himmel“ (2006) und „Herkules Kasch“ (2008).

Unverhofft ein Dichter

Als Autor beschäftigten ihn zuletzt die Eindrücke aus seinen Reisen nach Afrika, Myanmar und in den Irak. Die beiden Irak-Bildbände, die er zusammen mit Gisela Wand herausbrachte, halten ein Land und seine einzigartigen Kulturschätze fest, die inzwischen fast vollständig zerstört sind: von Panzern und Bomben plattgewalzt, von Raubgräben geplündert und von islamistischen Terroristen brutal zerschlagen, wie die monumentalen assyrischen Wächterstatuen – teils Mensch, teils Löwe, Stier und Vogel –  in Birs Nimrud.

„Unverhofft ein Dichter“ wurde Alfred Diwersy, wie er erzählt, als er zusammen mit Dorothea Kleine vom Cottbuser Schriftstellerverband (1928 – 2010) die deutsch-deutsche Anthologie „Tötungsverfahren“ in der Edition Karlsberg publizierte.  Über die Mitherausgeberin sei ruchbar geworden, eine IM der Stasi gewesen zu sein; einer der Autoren habe daraufhin seinen Beitrag unter Protest zurückgezogen. Die dadurch entstandene Lücke habe er, Alfred Diwersy, mit Reiseimpressionen aus Marokko und Ladakh gefüllt.  Ein Textbeitrag von ihm sei ursprünglich nicht vorgesehen gewesen.

Angefangen hat Alfred Diwersy, der Autor, als Wiederentdecker der Geschichte Merzigs und vor allem des damals noch nicht als „großer Sohn der Stadt“ gnädig wiederaufgenommenen Gustav Regler. Mit seinem biographischen Bilder-und Dokumentenband 1983 hat Alfred Diwersy die Aussöhnung Merzigs mit ihrem lange verstoßenen Sohn vorangetrieben. Nicht allein, aber als erster Merziger mit einer fundierten und spannend geschriebenen illustrierten Biographie Reglers.

Sein anderes großes Thema war die Aussöhnung mit den ins Exil getriebenen Merzigern und Merzigerinnen jüdischen Glaubens – den anderen verstoßenen Söhnen und Töchtern der Stadt. Er nannte ihre Namen, erzählte ihre Lebensgeschichten und organisierte die Wiederbegegnung Überlebender mit der alten Heimatstadt, die sie einst verfolgt hatte. Er tat dies lange bevor der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einer dann vielzitierten Rede feststellte, dass das Geheimnis der Versöhnung die Erinnerung sei (1985).

Merziger Urgestein

Unter allen Umständen ist Alfred Diwersy aber ein Merziger Urgestein. Sein Vater Peter Diwersy führte ein Textilgeschäft in der Torstraße. Nach seinem Tod 1935 verlegte die Mutter, Margarete Diwersy geb. Römer, die aus einer Metzgersfamilie stammte, das Geschäft in die Poststraße, gegenüber der Regler’schen Buch-und Schreibwarenhandlung. Als Alfred Diwersy 1930 in Merzig zur Welt kam, wurde das Saargebiet noch vom Völkerbund regiert. Als er in die Schule kam, 1937, herrschten schon die Nazis. Als er 1941 aufs Gymnasium wechselte, wütete der Zweite Weltkrieg, wenn auch noch weit  von Merzig entfernt. Für die männliche Jugend Deutschlands hatte Hitler eine ganz bestimmte Laufbahn vorgesehen, damit sie für ihn uniformiertes, gleichgeschaltetes Kanonenfutter wurde: Jungvolk, Hitlerjugend, Arbeitsdienst, Wehrmacht. Alfred Diwersy musste 1941 ins Jungvolk, das war, so sagt er rückblickend, für die Merziger Jungen in diesem Alter selbstverständlich, und die Nazis machten auch seiner Mutter deutlich, dass es ungemütlich würde, wenn jemand sich entziehe. Ein Glück für die damals zehn-bis dreizehnjährigen Buben, dass der Krieg zu Ende und das Naziregime geschlagen war, bevor sie auch die restlichen Stationen von der Hitlerjugend bis zur Wehrmacht durchlaufen mussten.

Dass er nicht nur im Jungvolk, sondern gleichzeitig auch Messdiener war, sei  für die Merziger Jungen damals nichts Besonderes gewesen, erzählt Alfred Diwersy, aber: „Ins Jungvolk musste ich, Messdiener war ich freiwillig.“ Bevor daraus noch hätten Konflikte erwachsen können, war der Krieg zu Ende.

1946 trat Alfred Diwersy in die Katholische Jugend ein, 1947 gründete er in der Pfadfinderschaft St. Georg (heute: DPSG) den Stamm Merzig. Zum Welttreffen (Weltjamboree) der Pfadfinder in Österreich fuhr er 1951 mit dem Fahrrad. Ohne Einladung, denn die PSG’ler aus dem autonomen Saarland waren als Mitgliedsverband nicht anerkannt. Teilgenommen hat er trotzdem. Im gleichen Jahr machte er Abitur. Dann ging es raus aus Merzig, an die Universität Köln, zum Studium der Betriebswirtschaft, das er 1955 als Diplom-Kaufmann abschloss.

Der berufliche Weg ist vorgezeichnet, denn in Merzig wartet das elterliche Textilgeschäft darauf, von ihm übernommen zu werden. Drei Jahre später, 1958, heiratet Alfred Diwersy eine Freundin von Kindheit an, Diplom-Kauffrau Gabriele Gadomski; von 1959 bis 1971 bekommt er mit ihr drei Töchter.

Diwersy als Politiker

Existenz gesichert, Familie gegründet – nun trat Alfred Diwersy, der Manager, der Netzwerker in der Merziger Politik, Wirtschaft und Kultur, auf den Plan. Einer, der „Multitasking“ konnte, bevor man überhaupt wusste, was das ist. Junge Union, CDU, Vorsitzender des Schutzvereins für Handel-und Gewerbe, Prüfungsausschuss für Textilkaufleute, Handelsrichter am Landgericht Saarbrücken. CDU-Stadtratsfraktion; erst Stellvertretender, dann Vorsitzender der CDU Merzig; Mitglied des CDU-Kreisvorstandes. Ehrenamtlicher Erster Beigeordneter, dann ehrenamtlicher Dezernent für Bildung und Sport. Mitbegründer des Merziger Viezfestes, Vorsitzender der Kreisvolkshochschule Merzig, Mit-Initiator der Aktion „MZG muss bleiben“ für die Erhaltung des Kreises Merzig-Wadern, der damals nach den Plänen der CDU-Landesregierung einer Gebiets-und Verwaltungsreform zum Opfer fallen sollte. Der Kreis Merzig-Wadern blieb, und die Stadt Merzig gewann 16 Stadtteile hinzu, die zuvor selbständige Gemeinden waren (1974). Auf all diesen Hochzeiten tanzte Alfred Diwersy manchmal nacheinander, aber meistens gleichzeitig. 1977 macht er die Kommunalpolitik zum alleinigen Beruf: er wird hauptamtlicher Erster Beigeordneter der Stadt Merzig und verantwortlich für das Amt für Bildung und Sport, das Ordnungsamt, das Sozialamt, die Stadtwerke und den Schlachthof.

All das hatte ein Ende mit seiner vorzeitigen Pensionierung als Wahlbeamter 1987. Politische Positionen werden ja immer wieder neu vergeben, wenn die Mehrheitsverhältnisse sich ändern. In Alfred Diwersys Fall erwies sich das als glücklicher Moment für das Literaturland Saarland. Nachdem die SPD in Merzig das Rathaus erobert hatte und daranging, die Zuständigkeiten neu zu ordnen, begann für Alfred Diwersy ein neues Leben als Mann der Kultur und der Bücher. Ab 1988 war er sieben Jahre lang Kulturbeauftragter der Karlsberg-Brauerei in Homburg, half in dieser Eigenschaft u.a. den Musikfestspielen Saar ins Leben und schuf zur Förderung von Autorinnen und Autoren die Publikationsreihe Edition Karlsberg.

Diwersy als Verleger

1993 gründete er in Blieskastel den Gollenstein-Verlag. Ein ebenso ehrgeiziges wie schwieriges Projekt, regionalen Autoren und Autorinnen eine Plattform im eigenen Lande zu bieten und sie bei der Vermarktung ihrer Werke professionell zu unterstützen. Gollenstein-Bücher waren nicht nur hochwertig gestaltet – sie waren schön. Noch heute macht es Vergnügen, eines in die Hand zu nehmen und darin zu blättern. Doch wirtschaftlich wurde es für den Verlag immer schwieriger. 2007 holte Alfred Diwersy Gollenstein nach Merzig. 2012 gab er die Leitung ab. Der Verlag stellte 2016 seine Tätigkeit ein. Ein herber Verlust für die Literaturlandschaft des Saarlandes.

Dass er wegen Krankheit ein großes eigenes Projekt nicht verwirklichen konnte – die Veröffentlichung eines Afrika-Bildbandes, „Vom Atlas zum Kilimandscharo“, Ausbeute seiner Afrika-Reisen ab 1952, in denen er fast 15.000 Farbdias fotografierte – schmerzt ihn. Umso mehr, als die Frage, was aus all diesen Dias einmal wird, nicht geklärt ist. Nur einen Bruchteil hat er 1988 in einem Beitrag für die historische Zeitschrift „Damals“ verwerten können, „Das Gani-Fest der Bariba“.

Leider hat Alfred Diwersy keine Memoiren geschrieben. Stattdessen hat die Union Stiftung in Saarbrücken ihm ein Buch schreiben lassen. Darin würdigen 18 Autoren, Autorinnen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – unter ihnen Roger Bichelberger, Alfred Gulden, Reinhard Klimmt und Annemay Regler-Repplinger – den „Verleger, Autor, Politiker“ in seinen vielen Facetten. Dabei kommen die Eigenschaften, die ihn als Verleger und Kulturförderer ausmachten, gut zur Geltung: Seriosität, Großzügigkeit, Toleranz, Loyalität gegenüber den Schreibenden und Geduld beim Werden und Wachsen ihrer Werke.  (IP)