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Sankt Ingbert

St. Ingbert ist eine Mittelstadt am Rand des Verdichtungsraums Saarbrücken. Die Stadt entstand in ihrem heutigen Zuschnitt bei der Gebiets- und Verwaltungsreform zum Jahresbeginn 1974 aus dem Zusammenschluss von St. Ingbert mit vier umliegenden Gemeinden.

Als „Sancto Ingebrechto“ 1174 erstmals erwähnt, wird der Ortsname auf den Heiligen Ingobertus zurückgeführt, der einsiedelnd im 6. Jahrhundert die Region missionierte. Die ältere Ortsbezeichnung ist indes Lendelfingen, die 888 erstmals erwähnt ist und bis zum Ende des 16. Jahrhunderts gebräuchlich war.

der „Stiefel“. Foto: creativecommons.org
Jens Degen

Der Ort selbst gelangte 1284 an das Bistum Metz und 1326 an die Herren von Finstingen, die ihn 1339 an das Erzbistum Trier abtraten. Bann- und Grundrechte hatten im 16. Jahrhundert neben Trier auch die Herren von Helmstatt im badischen Kraichgau. Das Haus von der Leyen, das 1487 erstmals Teilrechte erworben hatte, war ab 1667 bis zur Französischen Revolution alleiniger Besitzer des Ortes. Mit der Pfalz 1816 bayerisch geworden, erhielt St. Ingbert 1829 aufgrund rascher Expansion der Industrie Stadtrechte: Aus dem abgelegenen Waldweiler entwickelte sich mit Rasanz eine Industriestadt, in der in der Hauptsache Kohlebergbau, Glashütten und Eisenwerke prosperierten.

1902 wurde die bisher zum Kanton Blieskastel im Landkommisariat Zweibrücken gehörende Stadt selbst Kreisstadt („Bezirksamt“) und blieb es bis zur Gebietsreform 1974. Seit 1936 ist Sengscheid, 1197 als „Singescheit“ erstmals erwähnt, ein Ortsteil von St. Ingbert. Die Ortschaft gehörte vorher zu Ensheim. Der „Stiefel“, ein weithin bekanntes Naturdenkmal aus Buntsandstein auf dem 397 Meter hohen Berg „Großer Stiefel“, ist das Wahrzeichen dieser Ansiedlung, die unmittelbar an der Autobahn A 6 liegt.

Grab von K. A. Woll. Foto: Stadtarchiv St. Ingbert Schmelzer

Speziell in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus St. Ingbert heraus eine kreative Literatur- und Kunstszene, die zunächst aber nicht am Ort selbst ihr Echo fand. Karl August Woll (1834-1893) wurde zu einem Wegbereiter der pfälzischen bzw. rheinfränkischen Mundartlyrik. Sein 1873 erstmals erschienener Band „Pfälzische Gedichte“ wurde zu einem großen Erfolg und erlebte zahlreiche Neuauflagen. Obwohl er St. Ingbert schon früh verlassen hatte, blieb er seiner Heimatstadt auch über sein literarisches Schaffen stets eng verbunden. Woll ist auf dem alten St. Ingberter Friedhof bestattet.

Eine herausragende Rolle nimmt der Maler Albert Weisgerber ein, der in 1878 in der St. Ingberter Kaiserstraße geboren ist. Er gehörte um die Jahrhundertwende zur Münchener Avantgarde und war beispielsweise mit dem Schriftsteller Ludwig Scharf (Blieskastel) befreundet, den er mehrfach porträtierte. Weisgerbers Stil wird als Übergang zwischen Impressionismus und Expressionismus angesehen. Er wurde im Ersten Weltkrieg 1915 bei Ypern getötet. Die Stadt St. Ingbert nennt eine Reihe seiner Werke ihr Eigen. Nach Schließung des nach dem Künstler benannten und 1988 eröffneten Museums wartet die Sammlung seit geraumer Zeit (2007) auf eine adäquate Präsentation. (Info: www.albert-weisgerber-stiftung.de)

eisendenktmal an einer Hauswand

Geburtshaus von Albert Weisgerber

Mehrere Autoren befassten sich historisch bzw. literarisch mit seiner Biographie, so etwa Wolfgang Krämer. 1885 im damals noch zu St. Ingbert gehörenden Schnappach geboren und später in München als Schullehrer tätig, veröffentlichte er 1928 eine erste Skizze zum Lebensweg Weisgerbers. Während Krämer vornehmlich historisch-wissenschaftliche Arbeiten zur Geschichte der Stadt St. Ingbert und ihrem Umland lieferte, erschien unter dem Pseudonym „Heinrich Märker“ 1925 sein historischer Roman „Um Wald und Kohle“. Die tatsächlichen Ereignisse im zeitlichen Kontext der Französischen Revolution bilden dabei den Rahmen der Handlung. In seinen autobiographischen Notizen zeichnete Krämer, der 1972 starb, ein authentisches Bild seiner Geburtsstadt um 1900.

Der St. Ingberter „Volksdichter“ schlechthin war Karl Uhl. Geboren 1886 und gelernter Schuhmacher, sah er sich selbst in der Tradition des Nürnberger Meistersingers Hans Sachs: („… ein Schuh/macher und Poet dazu“). Uhl prägte mit seinen volkstümlichen Bühnenstücken das kulturelle Leben in St. Ingbert nachhaltig und gehörte zu den Mitbegründern der „Volksbühne“. In der zweiten Nachkriegszeit trat Karl Uhl als Autor von nicht zuletzt Identität stiftenden „Heimatbildern“ in Erscheinung. Er starb 1966 und ist auf dem alten Friedhof der Stadt bestattet.

Geburtshaus von Karl Uhl

So wie von Uhl in den 1920er- und -30er-Jahren wesentliche Impulse ausgingen, so war es in den 1950-ern Klaus Stief (1897-1963), der sich um das literarische Renommée der Stadt verdient machte. Vor allem die von ihm geleitete Stadtbibliothek avancierte seiner Zeit zum kulturellen Kristallisationspunkt. Auch er befasste sich in verschiedenen Variationen mit dem Leben und dem Werk von Albert Weisgerber. Religiöse Sujets und empfindsame Lyrik, aber auch Mundartgedichte entstammen der Feder von Klaus Stief.

Der Mundartdichter schlechthin war Heinrich Kraus, 1932 in St. Ingbert geboren. Meisterhaft gelang es ihm, den heimischen Dialekt für jedwede literarische Gattung zu verwenden und allen Vorurteilen zum Trotz höchste literarische Qualitäten zu erreichen. Kraus wagte es auch, seinen Brotberuf in der Industrie aufzugeben und sich ausschließlich als freier Autor zu betätigen. Obwohl er St. Ingbert früh verließ, war seine Heimatstadt immer wieder Thema seiner Gedichte und Erzählungen. Heinrich Kraus starb 2015.

Zu den St. Ingberter Mundartdichtern gehört auch Volker C. Jacoby (Jahrgang 1948), der hier geboren ist und jetzt im Bitscher Land lebt. Einst Teil des erfolgreichen Duos Jacoby und Schorsch, ist Jacoby heute Pastor und Verfasser humoristischer Texte im Stil von Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Eugen Roth oder Heinz Erhardt.

1949 in dem heutigen St. Ingberter Stadtteil Rohrbach gebürtig ist Axel Schwarz, der im sächsischen Moritzburg lebt. 2017 erschien von ihm „Der Weg des Feuers‟, ein „historischer Abenteuerroman‟. Dessen Handlung nimmt Bezug auf den Heiligen Ingobertus, den Namensgeber der Stadt. Zahlreiche regionale Örtlichkeiten gehören zur topografischen Kulisse des Romans.

Ernsthafte Motive wie Verlust und Tod, Glauben und Ängste bestimmen die Lyrik von Ruth Ricarda Bruch geb. Bergmann (1911-1999). Ohne regionale Bezüge sind ihre Gedichte nicht zuletzt aufgrund persönlicher Schicksale oft schwermütig und von existenziellem Gewicht. Eine Vielzahl von Gedichtbänden veröffentlicht hat Hans-Guido Klinkner (geb. 1934 in Quierschied), der seit über fünf Jahrzehnten in St. Ingbert lebt. Der gelernte Bergmann, der zuletzt Direktor der Hauptabteilung Sicherheit und Arbeitsschutz bei Saarbergwerke AG war, wandte sich mit Eintritt in den Ruhestand der Lyrik zu. Vornehmlich Impressionen, die er auf Reisen gesammelt hat, aber auch regionale Motive sind der Stoff für seine Gedichte. Auch Aphorismen verfasst Klinkner.

Einfühlsame Lyrik mit bisweilen leicht ironischem Einschlag in Mundart wie auch in Hochsprache ist das Metier von Manfred Kelleter (geb. 1934). Natur, regionale Themen und nicht zuletzt aktuelle Sujets werden in seinen Gedichten sprachlich höchst versiert behandelt. Manfred Kelleter wurde in Mundartwettbewerben mehrfach preisgekrönt.

Bücher von Manfred Kelleter, Ruth Ricarda Bruch und Heinrich Kraus erscheinen im Wassermann-Verlag des St. Ingberters Albrecht Zutter (Jg. 1940), der auch selber als Autor von Glossen, von Mundart, von Lyrik, von sprachkritischen Texten und auch von Sachbüchern hervortritt. Im Wassermann-Verlag erscheint 2004 die Anthologie „St. Ingbert erzählt“.

Gut zwei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete Sibylle Knauss (geb. 1944) in St. Ingbert. Sie hat sich insbesondere durch ihre biographischen Romane überregional einen Namen gemacht. Insgesamt 15 Titel stehen inzwischen in ihrer Bücherliste. Die Autorin lebt heute bei Stuttgart.

Wichtig für das St. Ingberter Kulturleben ist immer noch das Anfang der 1980er Jahre von Fred Oberhauser initiierte Literaturforum, dessen Sprecherin Sibylle Knauss zeitweise war. Oberhauser hat sich mit seinen literaturtopographischen Publikationen, vor allem mit dem Buch „Literarischer Führer Deutschland“ (2008) bundesweit einen Namen gemacht.