Saarlouis

Saarlouis wird gern als „heimliche Hauptstadt“ des Saarlandes bezeichnet. Eigentlich ist Saarlouis nur Hauptstadt eines Landkreises, Sitz des Verwaltungsgerichts des Saarlandes und ein wichtiger Dienstleistungs-, Einkaufs- und Industriestandort an der mittleren Saar. Was die Einwohnerzahl angeht, rangiert Saarlouis mit rund 36.000 auf Platz sechs der saarländischen Städte. Auch wenn das mit der „heimlichen Hauptstadt“ auch nicht an objektiven Kriterien abzulesen ist, so besticht Saarlouis doch durch sein Selbstbewusstsein als geschichtsträchtiger Ort und sein besonderes Flair als die „französischste“ Stadt im Lande, und das nicht von ungefähr.

Saarlouis ist eine französische Gründung, und so trägt sie auch den Namen des französischen Sonnenkönigs. Louis XIV ließ die Stadt 1680 als Festung im Vorfeld seines Reiches von dem berühmten Baumeister Vauban entwerfen. Die Stadt entstand – auf Kosten von Wallerfangen, das bis dahin das regionale Zentrum war – in einem unbewohnten sumpfigen Gelände und wurde am Reißbrett entworfen. Die sternförmige Anlage war eine besondere verteidigungsarchitektonische Raffinesse.

Auch als Saarlouis 1815 preußisch wurde, verlor es nicht seinen militärischen Charakter. 1889 wurde es allerdings „entfestigt“ und konnte sich über die bisherigen Stadtmauern hinaus erweitern. Seit den 1960er Jahren besinnt die Stadt sich wieder auf ihre militärische Tradition. Am Deutschen Tor begrüßen den Besucher zwei Kanonen. Teile der Festungsanlagen sind freigelegt worden und bieten heute zusammen mit immer schon sichtbaren Resten ein Teilbild der ehemaligen Festungsanlage. Weniger gern wird heute an General von Lettow-Vorbeck erinnert, der in Saarlouis geboren ist.

Der Geschichte von Saarlouis als geometrisch angelegte Festungs- und Garnisonsstadt begegnet man auf Schritt und Tritt, ohne dass man in der äußerst lebendigen Stadt das Gefühl hat, sich in einem Museum zu bewegen. Der Große Markt, einst Exerzierplatz, ist immer noch das Zentrum, auch wenn seine große Fläche heute hauptsächlich als Parkplatz dient.

Blick auf die Fassade der GaststätteDie historischen Gebäude im Stadtzentrum werden zivil genutzt, für Kommerz, Kultur und, nicht zuletzt, Gastronomie. Das dominierende Gebäude am Großen Markt ist die Kommandantur, zuerst für Franzosen, dann für die Preußen. Heute residiert hier eine Buchhandlung; es ist allerdings nicht mehr das Originalgebäude, das wurde in den 1960er abgerissen und stilgerecht wiederaufgebaut.

Aus der Gründungszeit stammt ein weiteres Gebäude am Großen Markt, die Ludwigskirche, auch sie innen und außen immer wieder verändert. In einer Kapsel aus Blei wird das Herz von Thomas de Choisy aufbewahrt, des ersten Gouverneurs der Stadt. Die modernen Fenster stammen vom Saarbrücker Künstler Ernst Alt.

Übrig geblieben sind auch mehrere Kasernengebäude, bei denen die französische und die preußische Geschichte sich mischen. So ist Kaserne VI, in der das Städtische Museum und die Ludwig Galerie untergebracht sind, der preußische Wiederaufbau einer französischen Kaserne an gleicher Stelle. In der Altstadt, heute größtenteils Fußgängerzone, sind noch einige der typischen zweigeschossigen Handwerkerhäuser der Festungszeit erhalten, heute fast durchgehend gastronomisch genutzt. Die Schleusenbrücke verweist auf die ursprüngliche Anlage Saarlouis‘ als so genannte Inondationsfestung, die durch gezielt herbeigeführte Überschwemmung verteidigt werden konnte.

Vauban-Festung: Bastion VI

Das Deutsche Tor wurde schon von den Franzosen so genannt, es steht noch, im Gegensatz zum einstigen Französischen Tor. Die Kasematten, von den Preußen angelegt als Unterkünfte für Soldaten und Pferde im Verteidigungsfall, bilden die „längste Theke des Saarlandes“. In einem ehemaligen Pulverlager ist eine der wichtigsten Kulturinstitutionen des Landes untergebracht, das Institut für aktuelle Kunst im Saarland.

Einen Sprung zur Wende ins 19. Jahrhundert kann man auf der Vauban-Insel machen. Dort steht zum einen das Denkmal für den braven Soldaten Lacroix. Den hatten die Franzosen vergessen, als sie nach der verlorenen Schlacht von Waterloo 1815 aus Saarlouis abzogen. Er blieb auf seinem Posten und bewachte weiter den so genannten Halben Mond, eine kleine Insel in der Saar, bis die Preußen kamen und den ahnungslosen Grenadier seinen Kameraden nachschickten.

StaturDas zweite Denkmal auf der Vauban-Insel ist das von Michel Ney (1769-1815).
Als tragischer Held der napoleonischen Epoche ist er der prominenteste Saarlouiser aller Zeiten. Der Sohn eines Böttchers (Fassmachers) aus der Biergasse hat sich als Haudegen in der französischen Armee hervorgetan, er hat es bis zum Marschall gebracht und wurde von Napoleon als „Tapferster der Tapferen“ („Le brave des braves“) bezeichnet. (5) Neys Bild in der Geschichte schwankt: Nach Napoleons Verbannung hat er sich den Bourbonen angedient, um nach der zeitweiligen Rückkehr des Kaisers wieder zu diesem zurück zu schwenken. So gilt er den einen als Verräter, den anderen als einer, der letztlich der Stimme seines Herzens folgte und sich auch noch bei seiner Erschießung durch die Bourbonen als Held zeigte. Als Saarlouis nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig wieder Frankreich unterstand, sollte die neu errichtete Statue des Marschalls der französischen Kulturpropaganda dienen. Seltsam unkriegerisch blickt er seitdem von der Vauban-Insel auf seine Geburtsstadt.

Als – je nach dem – tragische, heldische oder verräterische Figur ist Michel Ney als einziger Saarländer in die Weltliteratur eingegangen – mit Auftritten z.B. in Tolstois „Krieg und Frieden“, Stendhals „Kartause von Parma“ und Hemingways „Paris – Ein Fest fürs Leben“.

Im Dritten Reich wurde der Stadtname zu „Saarlautern“ eingedeutscht. Die französischen Besatzer haben das nach dem Zweiten Weltkrieg symbolträchtig am 14. Juli 1945, dem französischen Nationalfeiertag, wieder rückgängig gemacht.

Die Stadt Saarlouis besteht heute aus acht Stadtteilen, die durch Zusammenschluss, Zusammenlegung oder Neuplanung zu einer Einheit wurden: dem 1680 gegründeten Saarlouis, dem 1907 angeschlossenen Roden, den 1936 hinzugekommenen Orten Fraulautern, Lisdorf, Beaumarais und Picard, dem 1970 eingemeindeten Neuforweiler und dem 1967 auf den Gemarkungen Roden und Fraulautern entstandenen neugeplanten Stadtteil Steinrausch. Jeder der Stadtteile hat seine eigene Geschichte, die zum Teil viel älter ist als die von Saarlouis, und seinen eigenen Charakter.

Alfred Gulden neben dem Denkmal des Soldatens Lacroix

Eindeutig lokalisierbar trägt ein frühes Buch von Alfred Gulden den Titel „Auf dem großen Markt“, dem Großen Markt hat er auch ein Mundartgedicht gewidmet („Om grooßen Määat“). Gulden ist der bekannteste zeitgenössische Dichter der Stadt. Der saarländische Kunstpreisträger ist 1944 in Saarlouis geboren und aufgewachsen. Gulden ist Heimatdichter in einem modernen Sinn, Saarlouis ist bei ihm immer wieder Thema, und in seinen Mundartgedichten im Dialekt von Saarlouis-Roden ist der Geburtsort seiner Mutter immer präsent. In hochdeutschen Prosatexten erinnert er sich an den Zirkus und die Kirmes, die er als Kind auf dem Saarlouiser Großen Markt erlebt hat, oder an den Einsturz eines Gasthauses. In „S/a/a/r/l/o/u/i/s“ gibt er den Monolog eines ewig gestrigen Lehrers wieder, der darauf besteht, dass der Schüler „Saarlautern“ sagt und nicht „Saarlouis“. In einem anderen Text erinnert Gulden an den Abriss der Synagoge in der Silberherzstraße 1983.

1980 wird Guldens Revue „Saarlouis 300“ unter der Regie des Autors uraufgeführt, ein Stück zum 300jährigen Stadtjubiläum, realisiert von Berufsschauspielern und Laien in Hochdeutsch und Dialekt.

Die Familie Gulden wohnt zunächst in der Von-Schütz-Straße (siehe die Kindheitserinnerung in seinem Gedicht „Von-Schütz-Straße), ab 1953 in der Robert-Koch-Straße. Später zieht die Familie nach Roden. Trotz seiner Gedichte in Rodener Mundart hat Gulden sich immer als städtischer Saarlouiser gefühlt.

Lange schon ein Saarlouiser ist auch der 1962 in Schwalbach geborene Andreas H. Drescher, der sich selber als „Grenzgänger zwischen Literatur, Kunst, Film und Musik“ charakterisiert. 2017 erhielt er den Kulturpreis für Kunst und Wissenschaft des Kreises Saarlouis. In einer Besprechung seines 2016 erschienenen Buches „Die Rückkehr meines linken Arms“ („Saarbrücker Zeitung“ vom 5.1.17) spielt sein aus dem Saarland stammender Schriftstellerkollege Konstantin Ames Drescher gegen Alfred Gulden aus. In Gulden, meint Ames, habe Saarlouis zwar einen „fähigen Chronisten“, der aber das Typische vor dem Abseitigen betone. Der Erzähler Andreas H. Drescher biete einen wohltuenden Kontrapunkt zu den „ungeheuer probaten saarlouisbezüglichen Guldeniana“. Drescher erzählt in dem Buch die Geschichten von 29 Menschen aus Saarlouis und Umgebung – oft problematische Lebensläufe von Durchschnittsmenschen, Außenseitern, schlecht Integrierten, Kriminellen. Die Erzählweise ist realistisch, aber der Autor hat sich die poetische Freiheit genommen, sie literarisch zu bearbeiten. „Keine von den Figuren im Buch“, sagt Drescher, „ist vollständig erfunden, und keine Figur in dem Buch ist ein Portrait eines lebendigen Menschen.“