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Saarbrücken

Die Stadt, die heute Saarbrücken heißt, ist ziemlich jung, sie entstand 1908 aus dem Zusammenschluss der Städte Saarbrücken (seitdem: Alt-Saarbrücken), St. Johann und Malstatt-Burbach. Seit – noch später: 1920 – das Saarland, zunächst als „Saargebiet“, zur politischen Einheit wurde, ist Saarbrücken Landeshauptstadt. Es ist die einzige Großstadt im Saarland und ausreichend weit entfernt von großen Städten in Rheinland-Pfalz und in Lothringen, um die Funktion eines Oberzentrums wahrzunehmen, nicht nur für Politik und Verwaltung, Konsum und Vergnügen, sondern auch für Kultur. 20 Kilometer der Stadtgrenze, das ist ein Viertel, sind Staatsgrenze zu Frankreich. 

Schon in der Festschrift „25 Jahre Stadt Saarbrücken“ hieß es: „Saarbrücken hat immer mehr den Charakter einer City für den größten Teil des Saargebiets erhalten. Man kann das ganze Saargebiet als eine weit besiedelte, mit großen Grünflächen versehene Stadt auffassen, deren Stadtkern die Großstadt Saarbrücken darstellt.“ Inzwischen gibt es hier eine Universität, eine Kunst- und eine Musikhochschule, ein Drei-Sparten-Theater, einen Rundfunksender, mehrere Museen, Galerien und Künstlervereinigungen, ein großes Kinoangebot einschließlich kommunalem Kino, ein deutschsprachiges Film- („Max Ophüls Preis“) und ein deutsch-französisches Theaterfestival („Perspectives“) und verschiedene deutsch-französische Einrichtungen, eine Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse sowie eine Vielzahl privater Ausrichter von kulturellen Veranstaltungen jeder Art. Saarbrücken ist Sitz von mehreren Verlagen und literarischen und kulturpolitischen Vereinigungen. Wer sich abends in Saarbrücken kulturell umtun will, hat oft die Qual der großen Auswahl. Und obwohl es im Saarland auch außerhalb Saarbrückens viele wichtige Schriftsteller gab und gibt, ist es angesichts der Dichte des literarischen Lebens und der Fülle der betreffenden Institutionen auch die literarische Haupt-Stadt.

Was die schriftliche Überlieferung seiner Geschichte angeht, ist Saarbrücken allerdings sehr arm. Die Kelten, die hier siedelten, haben ohnehin nichts Schriftliches hinterlassen. Zeugnisse zum Saar- und Moselraum gibt es überhaupt erst seit Caesar, bei dem der keltische Stamm der Mediomatriker kurz erwähnt wird, das Gebiet von Saarbrücken allerdings nicht. Die erste Erwähnung der (unteren) Saar findet sich 370/71 im Moselgedicht des römischen Schriftstellers Ausonius, der die Saar „Saravus“ nennt.

In die Saar gefallen

alte BrückeDie Sache mit dem Namen der saarländischen Landeshauptstadt scheint einfach: erstmals 999 urkundlich erwähnt, als Kaiser Otto der Dritte den Bischöfen von Metz die Königsburg „castellum Sarabrucca“ schenkt. Und „Sarabrucca“ bedeutet „Saar-Brücke“. Wobei die Bezeichnung des Flusses abgeleitet ist aus indogermanisch „Sarawa“, was nicht mehr heißt als „Fluss, Bach“. Aber die Sache ist komplizierter.

Damals gab es gar keine Brücke. Von der Brücke, die die Römer als Stück der Militärstraße Metz-Mainz hier über den Fluss gebaut hatten, war nichts mehr übrig; außerdem hatte sie ein paar Kilometer saaraufwärts, fern vom Siedlungskern der späteren Stadt Saarbrücken, gestanden. Eine Brücke hat im eigentlichen Saarbrücken vor dem 16. Jahrhundert nicht existiert. Der Anstoß zum Bau der heutigen Alten Brücke geht angeblich auf Karl V. zurück, nachdem ihn 1544 der Fährbetrieb über die Saar auf seinem Weg zum Feldzug nach Frankreich ungebührlich lange aufgehalten hat.

Mithras-Grotte am Halberg. Foto: creativecommons.org, Anna16_BY-SA 3.0

Die Frage ist: Steht „-brucca“ wirklich für „Brücke“? Die vermeintliche Brücke im Namen der Stadt ist nach der keltischen Wortbedeutung eigentlich ein Brocken, ein Felsbrocken. Und tatsächlich lag die mittelalterliche Saarbrücker Burg auf einem Felsen am Flussufer.

Die Sache ist also ein bisschen „wurres“ (saarländisch = wirr), und so lautet auch der Titel des Bühnenstücks von Hans Bünte zur Tausendjahrfeier der Stadt 1999. In dem Stück wird übrigens die inoffizielle Stadthymne „Mir sinn Saarbrigger“ zitiert, in der die Einwohner rätselhafterweise über sich singen: „Mir reisse Bääm aus, wo gar kenn sinn“ (Wir reißen Bäume aus, wo gar keine sind) ZITAT

Auf der Saarbrücker Burg nennt sich zum ersten Mal 1123 ein gewisser Friedrich “Graf von Saarbrücken“. In all dem Hin und Her der gräflichen Linien und Seitenlinien ist ein wichtiges Datum das Jahr 1321, in dem Graf Johann I. von Saarbrücken-Commercy der Siedlung Saarbrücken und dem Fischerdorf St. Johann den Freiheitsbrief und die Stadtrechte verleiht. Ab 1381 übernehmen die Nassauer Saarbrücken, die Grafschaft heißt jetzt Nassau-Saarbrücken.

Ende des 13. Jahrhunderts wird Saarbrücken zum ersten Mal in der Literatur erwähnt, und zwar in einer skurrilen Episode des Lohengrin-Epos. Als sich ein Teil des Heeres zum Ungarn-Feldzug Heinrichs I. in Saarbrücken sammelt, kann der edle Ritter den Damen nicht die gewünschte Aufwartung machen, weil er im Eifer der Falkenjagd in die Saar gefallen ist und sich erst mal umziehen muss.

In die Literaturgeschichte eingetreten

Seitliche Aufnahme der Tumba

Tumba der Elisabeth von Lothringen in der Stiftskirche, St. Anual

Es dauert danach über hundert Jahre, bis Saarbrücken wieder in die Literaturgeschichte eintritt – dann aber epochemachend. Elisabeth von Lothringen, die zweite Gattin des Saarbrücker Grafen Philipp I., die nach dessen Tod 1429 die Regentschaft übernimmt und dreizehn Jahre lang innehat, führt die Gattung des Prosaromans in die deutsche Literatur ein. Aus dem frankophonen Teil Lothringens stammend, gebildeter und nicht so viel auf Reisen wie der Verstorbene, nimmt Elisabeth sich die Muße, französische Ritterepen in frühneuhochdeutsche Prosa zu übertragen.  Und wenn sie es, wie auch schon vermutet wurde, nicht selber tut, so regt sie es doch an und fördert es. Ihr Sohn Graf Johann III. gibt später reich illustrierte Abschriften der Übersetzungen in Auftrag.

Die immer wieder umgemodelte Burg wandelt sich in der Renaissance zum prachtvollen Schloss. Doch während in dieser Epoche allenthalben das geistige Leben aufblüht, ist aus Saarbrücken und St. Johann nicht viel zu vermelden. In einem Inventar der Saarbrücker Burg vom Jahre 1554 werden immerhin in zwei Räumen „etlich bucher“ (etliche Bücher) und eine „Liberey“ (Bücherkammer) genannt. Ein Beispiel für das Kulturschaffen der bürgerlichen Kreise, getragen vor allem vom Lehrkörper des Ludwigsgymnasiums und den evangelischen Pfarrern, ist der Prediger Johannes Hof(f)mann, der sich literarisch betätigt und den Titel eines „poeta laureatus“ erhält. Und der Gründungsrektor des Gymnasiums, Wilhelm Ursinus, dichtet 1604 für die Einweihungsfeier des Gymnasiums ein lateinisches Loblied auf Saarbrücken als „Musis locus“, Ort der Musen.

Das Interesse für die Geschichte der Stadt kommt spät auf, eine erzählende Quelle entsteht nicht vor dem 18. Jahrhundert, und auch Aufzeichnungen einzelner Personen sind spärlich. Und die archäologischen Befunde? „Eine stadtarchäologische Forschung, wie sie anderenorts interessante Aufschlüsse zum Alltagsleben brachte, wurde in Saarbrücken bisher nicht betrieben“, schreibt Hans-Walter Herrmann 1999.

Blick auf die Kirchenfront mit dem Wochenmarkt vor der Kirche

Wochenmarkt an der Ludwigskirche

Zur Zeit der Aufklärung – aus den Grafen sind jetzt Fürsten geworden –  zeigt die Gemahlin von Fürst Wilhelm Heinrich, Sophie Erdmuthe, wie bei Adelsfrauen üblich, Interesse an den geistigen Strömungen, sie korrespondiert mit Diderot, der ihr 1768 sein bürgerliches Trauerspiel „Le père de famille“ widmet, und hat Johann Melchior Grimms „Correspondance littéraire“ abonniert. Währenddessen entwickelt der Baumeister Friedrich Joachim Stengel (1694-1787) die erste und für Jahrhunderte letzte städtebauliche Gesamtidee für Saarbrücken und hinterlässt den Neubau des Schlosses und die Ludwigskirche, einen der bedeutendsten evangelischen barocken Kirchenbauten Deutschlands. Die Kirche, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder aufgebaut, ist bis heute das architektonische Wahrzeichen für Saarbrücken; sie steht inmitten eines Platzes, unter dessen Gebäuden einzig der Staatskanzlei nicht (wiederaufgebauter) Barock, sondern 1950er-Jahre-Flachbau-Stil ist. Im Übrigen gibt es von Stengel –  eine Rarität bei Architekten jener Epoche – auch einen autobiographischen Text. ZITAT

Von Goethe besucht

eine eiserne Bodenplatte mit einem Zitat von Goethe

Zur Erinnerung an Goethes Besuch

Saarbrückens Historiker Friedrich Köllner, evangelischer Pfarrer in Malstatt, schreibt 1841 über die Saarbrücker und ihren Regenten Wilhelm-Heinrich: „Es fehlte ihnen an Muth und Unternehmungsgeist; sie bedurften eines Regenten der sie aus der Lethargie in welcher sie bisher versunken lagen, aufweckte.“ Der Fürst bringt Ordnung und Schwung in das bis dahin privat und unsystematisch betriebene Bergwesen und ermöglicht es damit dem jungen Wolfgang Goethe bei seinem Abstecher in die Residenz 1770, zur Regierungszeit von Wilhelm Heinrichs Sohn Ludwig, hier „nun eigentlich in das Interesse der Berggegenden eingeweiht“ zu werden. Auch Goethes Beschreibung Saarbrückens als „ein lichter Punkt in einem so felsig waldigen Lande“ (ganz vordergründig gemeint: der hellgraue Fassadenanstrich der Häuser) und andere schmeichelhafte Bemerkungen in „Dichtung und Wahrheit“ werden hier gern zitiert.  Die Strecke, die Goethe auf dem Pferd zurückgelegt hat, wird 1999 vom Schriftsteller Harald Gerlach zu Fuß nachvollzogen.  ZITAT

Zur Fürstenzeit gibt es in Saarbrücken drei Theater: einen Saal im Schloss, einen Neubau am Ludwigsplatz und eine Freilichtbühne im Ludwigspark. Aber was sich dort abspielt, ist im Wesentlichen höfisches Laientheater, Selbstinszenierung des Hofes vor geladenem bürgerlichem Publikum. Dass Wilhelm Heinrich mit seinen Untertanen gern auch mal in Reimform korrespondiert („So soll’n zu Deinem Trunk von gutem Pfältzer Wein / ein hundert Gulden Dir hiermit bewilligt sein“), genügt nicht, ihn zu einem Subjekt der Literaturgeschichte zu machen. Sohn Ludwig versucht, den berühmten Schauspieler und Stückeschreiber August Wilhelm Iffland an Saarbrücken zu binden, indem er ihn zum Theaterdirektor macht; man nimmt aber an, dass Iffland sich, wenn überhaupt, nur selten in Saarbrücken aufgehalten hat. Immerhin schreibt er ein Auftragsstück, in dem er dem Fürsten zum Geburtstag huldigt. Auch auf anderem Wege geht Ludwig zumindest mittelbar in die Literatur ein: Katharina Kest, Mätresse und dann Ehefrau des Fürsten, beschäftigt als „Gänsegretel von Fechingen“ Sagenerzähler und Dichter. In einem „Gänsegretel“-Schauspiel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wird dem Fürsten zur geopolitischen Lage der schöne Satz in den Mund gelegt: „Mein Fürstentum hängt an dem äußersten Winkel Deutschlands wie ein Schwalbennest.“

ovales Gemälde im barocken Stil

Katharina Margaretha Kest um 1790. Johann Friedrich Dryander. Alte Sammlung Saarlandmuseum

Zeichen einer beginnenden bürgerlichen Lesekultur ist die Gründung einer Lesegesellschaft durch Wilhelm Leopold Wagner, einen Jugendfreund Goethes, der seit 1773 beim Regierungspräsidenten von Günderode als Hauslehrer tätig ist. Allerdings: Von einer Aufklärung im französischen Stile mit ihrer radikalen Kritik an der bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung ist man in Saarbrücken „weit entfernt“ (Michael Jung).

Gerhard Sauder stellt fest: „In einer Landkarte der literarisch lebendigen Orte im 18. Jahrhundert erscheint Saarbrücken nicht.“ Von einer fürstlichen Bibliothek oder Kunstsammlung sei nichts Nennenswertes überliefert. Angesichts der erwähnten literarischen Interessen von Sophie Erdmuthe findet der Saarbrücker Germanist diese „literarische Askese“ einigermaßen verwunderlich.

ein dunkles Gemälde, ein roter Himmel über dem brennenden Schloss, Menschen flüchten über eine Brücke

Brand des Saarbrücker Schlosses 1795. Johann Friedrich Dryander. Alte Sammlung Saarlandmuseum

Die Fürstenzeit ist vor allem eine Blütezeit für Städtebau und Architektur und alle damit in Verbindung stehenden Künste. Adolph Freiherr Knigge zählt das Saarbrücker Schloss „zu den schönsten Fürsten-Wohnungen in Teutschland“; während der so genannten Wirren der Französischen Revolution wird es durch einen Brand zerstört. Als Ludwig 1793 nach Aschaffenburg ins Exil geht, ziehen die Künstler mit ihm, und nur wenige kehren zurück.  Es war der deutsch-georgische Schriftsteller Giwi Margwelaschwili, der 2012 in seinem Roman „Das Lese-Liebeseheglück“ mit einem literarischen Eingriff den Ausbruch der Revolution hinausgezögert und damit die nassau-saarbrückische Fürstenzeit verlängert hat.

Geistig geschärft

Saarbrückens Selbstverständnis hat bis heute etwas Transitorisches: Es ist selten Ziel, öfter Durchgangspunkt von Reisen, in der Stadt rühmt man sich, wie gut man von hier aus anderswohin kommt, nach Trier, Luxemburg, Metz oder gar Paris. Oft genug war die Stadt Kriegsschauplatz und fand sich anschließend in veränderter Lage wieder, zweimal auch freiwillig nach einer Volksbefragung: 1801 französisch, 1815 preußische Grenzstadt, 1871 deutsche Binnenlage, 1920 unter Verwaltung des Völkerbunds, 1935 Deutsches Reich, 1945 französische Besatzung, 1947 teilautonomer Saar-Staat, 1957 Bundesrepublik Deutschland. Die Saarbrücker gelten –  trotz der prodeutschen Volksvoten – was das Nationale angeht, als unsichere Kantonisten. Heute hält man sich etwas darauf zugute, die französischste aller deutschen Städte zu sein. Aber Fremde wundern sich von alters her, wie deutsch es hier doch zugeht.

So staunt in den 1780er der durchreisende Knigge angesichts der Nähe zu Frankreich über „so viel teutsche Gradheit und Biederherzigkeit“ unter den Bürgern. Karl Lohmeyer, der Sammler saarländischer Sagen, berichtet in seinen Erinnerungen, wie frankophil die Saarbrücker bei Kriegsausbruch 1870 waren. 1927 staunt Joseph Roth darüber, dass in allen Häusern, in die er kommt, aktuelle deutsche und französische Bücher liegen. Offenbar sei gerade die außergewöhnliche politische Spannung, in der die Saarländer leben, dazu geeignet, „einige Intellektuelle für die aktuellen geistigen Fragen zu schärfen und ihnen jene segensreiche produktive Angst zu schenken, die eine hellhörige und hellsichtige Wachsamkeit zeugt“. (Dafür findet er, der Bahnhof von Saarbrücken sei der traurigste aller Bahnhöfe, in denen er jemals ausgestiegen ist, während für Theodor Fontane 1870 gerade der Bahnhof und die Brücken noch das Beste an dieser öden und tristen Stadt waren.) ZITAT

Max-Ophüls-Platz in St. Johann, Saarbrücken

Der Film- und Theatermann Max Ophüls führt seine „etwas leichtfertige Einstellung zu nationalen und politischen Problemen“ auf die Herkunft aus Saarbrücken zurück.  Kulturell geprägt wurde er durchs Saarbrücker Stadttheater. Wenn man Ophüls glauben darf, hat das Theater bei jedem Anlass Schillers „Wilhelm Tell“ aufgeführt: 1914 beim Aufbruch des Kronprinzen nach Frankreich, 1918 bei der Ausrufung der Republik und 1920 beim Regierungsantritt des Kommissars des Völkerbundes.

A propos Theater: Seit dem Brand des fürstlichen Baus am Ludwigsplatz hat Saarbrücken keinen eigenen Theaterbau, gespielt wird auf provisorischen Bühnen, einer ehemaligen Reithalle etwa, in Tanzsälen, Bierlokalen. Der Betrieb ist in Händen profitorientierter Privatunternehmer, die das Programm mit Gastspielensembles bestreiten. Die Pächter wechseln, das Niveau ist schwankend, das Saarbrücker Publikum bevorzugt musikalische Darbietungen sowie Lustspiele und Possen, ernste Schauspiele finden wenig Resonanz. Theaterinteressierte Bürger fahren in den 1860er Jahren nach Metz oder Mannheim. Die Frage eines Theaterbaus wird jedes Jahrzehnt einmal erfolglos ventiliert. 1895 heißt es in der Presse: „Es ist sehr beklagenswert, dass Saarbrücken den Bestrebungen, hier eine Heimstätte der Kultur zu gründen, so kühl gegenübersteht. Hier, in der alten Hauptstadt der Fürsten von Nassau-Saarbrücken weht noch der rauhe Wind der Selbstunterschätzung und unberechtigten Verhimmelung alles Fremden, die natürlich Rückwirkung haben muss und ihren Ausdruck in der Tingeltangelei findet.“

schwarz weiß Aufnahme des, mit Fahnen beschmückten Eingangs

Das Stadttheater in der Stengelstraße

1897 endlich kann ein durch Privatinitiative entstandener Bau in der Stengelstraße eröffnet werden. Nach und nach erkennt auch die Stadtverwaltung ihre kulturpolitische Verantwortung an und beginnt zaghaft, den Betrieb zu subventionieren. Nach der Großstadtwerdung, zur Spielzeit 1909/10, wird der Bau „würdiger“ gestaltet und anspruchsvoller in seinem Programm. Den ersten Abend eröffnet ein Festprolog, in dem es heißt:

„Einst kam durch Wilhelm Heinrichs Güte / Die Bühnenkunst bei uns in Blüte. / Heut‘ steht sie unter anderen Zeichen / Und will durch’s Bürgertum erreichen, / Dass sie mit ihrer schönsten Gabe / Bei uns die schönste Heimat habe.“

1922 ist es dann so weit, dass die Stadt den Theaterbetrieb übernimmt, Saarbrücken hat nun ein Stadttheater. Nachdem der Bau zu klein geworden ist, erhält das Saarland als „Geschenk des Führers“ zum Dank für das Heim-ins-Reich-Votum vom 13. Januar 1935 den Theaterneubau auf der St. Johanner Seite der Alten Brücke, heute das so genannte Große Haus des Saarländischen Staatstheaters.

Voraussetzungen geschaffen

Noch für die Mitte des 19. Jahrhunderts darf man keine übertriebenen Vorstellungen vom städtischen Charakter Saarbrückens hegen. Der Saarbrücker Handwerker Eduard Haas beschreibt in seinen sehr anschaulichen Jugenderinnerungen, wie noch um 1850 die Handwerker im Freien vor ihren Werkstätten arbeiteten und Schweine und Kühe durch die Straßen der Stadt getrieben wurden. Saarbrücken und St. Johann sind „kleine beschauliche Provinzstädtchen“ (Rolf Wittenbrock). So zählt Saarbrücken gerade einmal 6000 Einwohner, St. Johann: 5000, St. Arnual und Malstatt sind Dörfer. ZITAT

schwarz weiß Foto

Bahnhof St. Johann 1905

Aber in dieser Zeit werden die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufschwung und das Bevölkerungswachstum geschaffen. 1852 erhält St. Johann einen Bahnhof, 1856 wird die Burbacher Eisenhütte gegründet, 1865 wird durch die Teilkanalisierung der Saar der Anschluss ans französische Wasserstraßennetz erreicht. Die Kohleproduktion im Saarrevier vervielfacht sich. Durch den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg 1871 wird Saarbrücken, von seiner Grenzlage befreit, Teil eines größeren Wirtschaftsraumes. Aber: „Politische und wirtschaftliche Probleme stehen beherrschend im Vordergrund, kulturelle kommen erst in zweiter Linie inbetracht.“ (Fritz Kloevekorn)

Im Deutsch-Französischen Krieg kommt es am 6. August 1870 zur berüchtigten Schlacht von Spichern. 4000 Franzosen und 5000 Deutsche müssen ihr Leben lassen, als preußische Truppen in einem blutigen Kampf die von Franzosen besetzten, strategisch völlig uninteressanten Spicherer Höhen westlich von Saarbrücken erobern. Der Saarbrücker Lokalhistoriker Albert Ruppersberg hat die Geschehnisse detailliert beschrieben. Einige der Toten fanden später die letzte Ruhe im Ehrental zwischen Saarbrücken und Forbach. Auch eine Frau hat dort ihr Grab: Katharine Weißgerber, genannt Schultze Kathrin, Dienstmagd einer Saarbrücker Bürgersfamilie, die sich unerschrocken inmitten des Kampfgetümmels um die verwundeten Soldaten beider Nationen gekümmert hat. Das Ehrental ist mittlerweile Bestandteil des Deutsch-Französischen Gartens, der ein Symbol der deutsch-französischen Freundschaft geworden ist. Das Restaurant Woll in Spicheren, heute der stadtnahe Fluchtpunkt frankophiler Saarbrücker, warb noch 1925 (damals als „Restaurant Spicherer Höhe“) mit seiner Lage „direkt in den Schlachtfeldern“ und seiner „Waffensammlung 1870-71“. In der Nähe des Restaurants erinnern heute fünf preußische Denkmäler sowie ein 1934 von Frankreich errichtetes 15 Meter hohes Kreuz an die seinerzeit Gefallenen der jeweiligen Nation.

Durch den industriellen Aufbruch verändert sich die kleinstädtische Lebensweise. 1910, nach der Vereinigung, ist Saarbrücken eine Großstadt mit knapp über 100.000 Einwohnern. Und die Kultur? Eher auf Provinzialismus hindeuten könnte ein Erlebnis von Hermann Hesse mit einer missglückten Autorenlesung im April 1912 – in jener Tonhalle in der Wilhelm-Heinrich-Straße übrigens, die einst als Theatersaal gedient hatte und von deren Publikum schon fürs 19. Jahrhundert gesagt wurde: „Jedem Neuen und Unbekannten standen die Bewohner zunächst abwartend und misstrauisch gegenüber.“ 

Für den Berliner Alfred Döblin aber, im Ersten Weltkrieg als Militärarzt im „kleinen lothringischen Nest“ Saargemünd stationiert, ist Saarbrücken die so sehr vermisste (wenn auch in Anführungszeichen:) „Großstadt“; und während er sich wundert, wie französisch es im Reichsland Elsass-Lothringen noch 45 Jahre nach dem gewonnenen Krieg zugeht, fühlt er sich in Saarbrücken „mitten in Deutschland“.

Der Schriftsteller Louis Aragon kommt nach dem Krieg als militärischer Hilfsarzt der französischen Besatzer nach Saarbrücken und bekommt den Auftrag, die Frauen für ein Soldatenbordell auszusuchen. Diesem Umstand verdanken wir die literarische Verewigung der „Bierstubb Magie Allemande“ in der Sophienstraße samt einer „Demoiselle de Sarrebrück“.

Das Blatt nicht gewendet

Rabbiner-Rülf-Platz

Nachdem im Deutschen Reich schon die Nazis an der Macht sind, bietet das dem Völkerbund unterstehende Saargebiet manchem Hitler-Gegner Exil. Schlomo Rülf, der 1929 als Rabbiner nach Saarbrücken kam, schildert die Atmosphäre in der Stadt als „international, denn sie war eine Brücke von Mitteleuropa zur westlichen Welt“. Man habe „noch im liberalen Geist des Rheinlands vor dem Weltkriege“ gelebt. Das ändert sich, seit die Nazis im Reich an der Macht sind.

Die Saarabstimmung 1935 ist von internationaler Bedeutung, „Schlagt Hitler an der Saar“, lautet die Parole. Und so ist die Zeit vor dem 13. Januar ‘35 auch eine Hoch-Zeit literarischer Beachtung des Landes. Prominente deutsche, aber auch Schriftsteller aus dem Ausland schalten sich ein. Doch was sie schreiben, ob pro oder contra Anschluss ans Deutsche Reich, ist Agitation, kaum ein Text von damals hat den Anlass überdauert. 

Die deutschen Autoren, die gegen den Anschluss an Hitler-Deutschland schreiben, schreiben aus dem Exil. Bertolt Brecht – um nur ihn zu nennen – steuert ein „Saarlied“ bei („Haltet die Saar, Genossen / Genossen, haltet die Saar. / Dann werden das Blatt wir wenden / Ab 13. Januar“). Erich Weinert schreibt nicht nur, er greift mit zahlreichen Auftritten von Forbach aus aktiv in den Abstimmungskampf ein.

Internationale Schriftsteller melden sich zu Wort, schreiben Reportagen aus dem Saargebiet, wie Ilja Ehrenburg, Philippe Soupault oder Theodor Balk, der, obwohl als Kommunist politisch eindeutig festgelegt, ein bemerkenswert sachliches Bild zu zeichnen versucht.

Gustav-Regler Löwenskulptur. Foto: Wolfgang Klauke

Von den saarländischen Schriftstellern ist nur Gustav Regler zu erwähnen, von dem der einzige im Vorfeld der Abstimmung geschriebene Anti-Anschluss-Roman stammt, „Im Kreuzfeuer“, in dem er allerdings die damals schon überholte KP-Parole von der „roten Saar“ in „Rätedeutschland“ propagiert.

Reglers saarländische Schriftstellerkollegen engagieren sich fast ausnahmslos für die andere Seite, die so genannte Deutsche Front, auch diejenigen, die nach 1945 im saarländischen Literaturbetrieb den Ton angeben werden wie Johannes Kirschweng, Karl Christian Müller oder Alfred Petto. Das schon 1920 von Hanns Maria Lux getextete „Saarlied“ wird als „Deutsch ist die Saar“, zu singen nach der Melodie des sächsischen „Steigerlieds“, zur Hymne der Prodeutschen. Damals wird auch wieder Friedrich Rückerts Klagegedicht aus der Zeit nach 1814 vom „Arm Saarvögelein“ ausgegraben, das „an der Brück an der Saar“ nistet und, obwohl „deutsch fürwahr“, von den deutschen Ländern und vom Kaiser verlassen ist.

Eindeutig ist die propagandistische Tendenz in Liesbet Dills Roman „Wir von der Saar“ und in den Memoiren von Bernhard Trittelvitz, „Meine Patienten, die Kumpels und ich“, beide 1934 erschienen, beide in ein Bekenntnis zu Hitler mündend.

Zu den (seinerzeit) prominenten Autoren aus dem Reich, die sich für die Ziele der Deutschen Front einsetzen, gehören Ernst Betram, Hans Friedrich Blunck, Gustav Frenssen, Agnes Miegel, Wilhelm Schäfer, Vill Vesper, Josef Weinheber.

Insgesamt waren die Befürworter des Anschlusses im Land wesentlich präsenter als die Gegner. Wie weit die Literaten das Ergebnis der Abstimmung (90,7 % für Vereinigung mit Deutschland) beeinflusst haben, ist so offen wie die bis heute umstrittene Frage, ob das Ergebnis trotz oder wegen Hitler so ausfiel.

Den falschen Knopf gedrückt

Nach dem Zweiten Weltkrieg dauert es einige Jahrzehnte, bis die Ereignisse um 1935 innerhalb größerer literarischer Formen thematisiert werden. Ludwig Harig schildert in seinem Vater-Roman „Ordnung ist das ganze Leben“, wie er am Vorabend der Abstimmung, nach einer Mumps-Erkrankung „in der leichten, schwebenden Stimmung des Genesenden“, im „Struwwelpeter“ liest und sich ihm die Gespräche der Erwachsenen mit dieser Lektüre verweben. Sein Vater studiert währenddessen die Abstimmungsnummer der „Saarbrücker Zeitung“, in der eine Zeichnung mit Namensschildern und Klingelknöpfen erläutert, was zur Wahl steht: „Status quo“, „Frankreich“ oder „Deutschland“. Der Zeitungstext dazu: „Sie wollen zum Hausbesitzer? Dann drücken Sie diesen Knopf!“ – und eine Hand zeigt auf die Klingel von „Deutschland“. Und so wollen denn auch Vater und Mutter, Opa und Oma und Tante Erna abstimmen. Aber als sie aus dem Abstimmungslokal zurückkommen, sagt Oma: „Ich glaub, ich hab auf den falschen Knopf gedrückt.“ Der kleine Ludwig aber liest weiter und folgt „den Rätselnamen und Zauberwörtern“.

1992 hat der aus dem Saarland stammende Schriftsteller Gerd Fuchs mit „Katharinas Nacht“ einen Roman im Vorfeld des Saar-Referendums von 1935 angesiedelt. Es ist die Geschichte einer unausgelebten Liebe zwischen der Saarbrücker Ärztin Katharina Rauch und dem Hunsrückbauern Fenner, ihre Beziehung fällt auch dem aufgeheizten Klima im Saargebiet zum Opfer, die politischen Verhältnisse sind vom Autor eher holzschnittartig gezeichnet. Die Rahmenhandlung spielt in der Silvesternacht auf 1935, also kurz vor dem Referendum; im Saarbrücker Hotel „Excelsior“ verbringt Katharina die letzten Stunden mit ihrem Bruder und ihrem Liebhaber, bevor sie das Saargebiet in Richtung Frankreich verlässt.

Hatte der 1927 geborene Ludwig Harig im Vater-Roman (1986) aus der Kinder-Perspektive noch wenig Erhellendes zur Politik des Jahres 1935 beizutragen, so hat er in „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ (1990) den familiären Umgang mit dem Thema in Kapitel III unter der Überschrift „Nix wie hemm!“ noch einmal ausführlicher rekonstruiert – allerdings auch hier unter der Fragestellung: „Konnte ein Siebenjähriger so etwas verstehen?“ Bemerkenswerter an diesem Roman aber ist die freimütige Darstellung der eigenen kindlichen und jugendlichen Begeisterung für das NS-Regime – in dieser Art eine Seltenheit in der deutschen, die absolute Ausnahme in der saarländischen Literatur.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bewohner von Saarbrücken zweimal evakuiert, einmal gleich zu Beginn des Krieges, noch einmal 1944. Durch mehrere schwere Bombenangriffe verlor die Stadt fast 70 Prozent der Industrie- und Wohnanlagen, auch die Ludwigskirche wurde schwer beschädigt. Der schwerste Angriff erfolgte am 5. Oktober 1944 durch britische Bomber; 361 Tote waren zu beklagen, zahllose wurden verwundet. Dies findet nur in persönlichen Erinnerungen, in journalistischen und zeitgeschichtlichen Darstellungen seinen Niederschlag, nicht in der regionalen Literatur. Die Autorin Waltraud Schiffels schildert in „Frau werden“ (1992), wie sie, damals ein halbes Jahr alt, bleibende Gesundheitsschäden davontrug. Während der zweiten Evakuierung kommt in Bayern der Saarbrücker Schriftsteller Peter Loibl zur Welt.

Hans Eckert, Jahrgang 1938, schrieb auch ein „Saarlied“, in dem es zur geopolitischen Lage heißt:

„Wir liegen links, nicht nur des Rheins.
Nach all den großen Siegen
riß man sich stets um unsereins
und ließ uns dann links liegen.
Das deutsche Reich, la mère patrie:
sie liebten Stahl und Kohlen.
Von all der Liebe müssen wir
uns heute noch erholen.“

Nochmal abgestimmt

Der Zweite, der nach Stengel einen städtebaulichen Gesamtplan für Saarbrücken hatte, war Georges-Henri Pengusson in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Franzose, so heißt es gelegentlich, sei am Kleingeist der Saarbrücker Grundstücksbesitzer gescheitert. Andere begrüßen es, dass sein Plan einer autogerechten Stadt nicht verwirklicht wurde. Architektonisches Überbleibsel ist der markante schmale Bau am Saarufer, der für die französische Botschaft an der Saar errichtet wurde und in dem bis 2014 das saarländische Kultusministerium untergebracht war. Angelegt „als Mischung aus mondänem Riviera-Hotel und Kreuzfahrtschiff“ (Nils Minkmar), sollte der Bau in die europäische Zukunft des Landes vorausweisen – aber die Saarländer wollten das ja anders.

Die zweite Saarabstimmung von 1955 interessiert die nicht-saarländischen Autoren nicht mehr so sehr, es fehlt der dramatische weltpolitische Aspekt der Abstimmung zwanzig Jahre zuvor. Erstaunlich aber, dass auch die saarländischen Autoren das Thema, das hierzulande doch wieder so viele bewegt, manche bis heute, links liegen lassen. Was ein großer Stoff gewesen wäre, bei dem Schriftsteller zur großen Form hätten auflaufen können, findet dürftigen Widerhall in Werner Reinerts spät erschienenem Kolportageroman „Der Dicke muss weg!“. Der gleiche Saarbrücker Erzähler und Lyriker Werner Reinert hat in den 1960er Jahren mit dem ambitionierten „Knaut“ den vielleicht bedeutendsten saarländischen Text jener Jahre vorgelegt.

Nach zwei Volksabstimmungen ist die Frage der nationalen Zugehörigkeit der Saarländer eigentlich keine Frage mehr, und die Autoren der jüngeren Generation, also die in den 30er und 40er Jahren Geborenen wie Klaus Bernarding und Manfred Römbell, verstehen sich in erster Linie als frankophile Europäer und als Saarländer, erst zuletzt als Deutsche. Dieses transfrontaliere Denken ermöglicht es uns, auch die Lothringer Chansonsängerin Patricia Kaas als Hiesige zu sehen, hat ihre Karriere doch in einem Saarbrücker Nachtclub begonnen.

Als der Romancier und Reiseschriftsteller Wolfgang Koeppen nach dem „Tag X“, der den wirtschaftlichen Anschluss an die Bundesrepublik samt Übernahme der D-Mark markiert, nach Saarbrücken kommt, erlebt die Saar-Metropole als „Stadt unserer Zukunft“. Er meint damit die hier herrschende freundschaftliche Koexistenz zwischen Deutschen und Franzosen, auf einem Terrain, auf dem „die altmodischen, die lächerlichen, die gefährlichen, die blutgetränkten Grenzen zwischen den Ländern des kleinen geschichtsbelasteten Europas“ beseitigt worden sind.

Gedruckt und verlegt

Eine richtige Verlagsstadt ist Saarbrücken nie gewesen. Für Belletristik gab es nach dem Zweiten Weltkrieg den Saar-Verlag und den Minerva-Verlag Thinnes & Nolte (sogar mit Buchclub). Einen Literaturverlag mit Kontinuität und überregionaler Ausstrahlung gab es nicht. In den 1970er Jahren, unter dem Verlagsleiter Peter Neumann, gab die Saarbrücker Druckerei und Verlag des Bischofs von Trier Autoren wie Felicitas Frischmuth und Alfred Gulden in ihrer Gelben Reihe erste Veröffentlichungsmöglichkeiten. Heute ist Saarbrücken Sitz mehrerer Verlage mit vorwiegend regionaler Ausstrahlung. (siehe Themenbeitrag VERLAGSLANDSCHAFT) Und das Kultusministerium subventioniert die „Edition Topicana“, die der Schriftstellerverband unter dem Dach des Künstlerhauses herausgibt als „Forum für hochwertige, nicht marktorientierte Literatur“.

Im Saarbrücker PoCul Verlag erscheint der „Streckenläufer“, die einzige nur-literarische Zeitschrift des Landes, zu deren Team u.a. die Autoren Klaus Behringer und Peter Herbertz gehören. Daneben begleiten die „Saarbrücker Hefte“ und „Opus“ die saarländische Literatur mit dem Abdruck von Texten und Rezensionen. Aber insgesamt ist die Lage für Autoren nicht rosig.

Bis Anfang der 70er Jahre bot die „Saarbrücker Zeitung“ saarländischen Schriftstellern eine Veröffentlichungsmöglichkeit; in der Samstagbeilage konnten Erzählungen veröffentlicht werden, gelegentlich wurde auch das Werk eines saarländischen Schriftstellers als Fortsetzungsroman gedruckt. Seitdem spiegeln Kulturteil und Lokalausgaben die regionale Kultur noch in Berichten und Rezensionen wider.

Karikatur zeigt ihn mit verschränkten Händen

Karikatur von Roland Stigulinszky

Ein Unikum der Nachkriegszeit ist ein anderes Presseerzeugnis. Im „Tintenfisch“ widmet sich der junge saarländische Grafiker Roland Stigulinszky zusammen mit Kollegen dem schwierigen Geschäft, im illiberalen Staat Johannes Hoffmanns eine satirische Zeitschrift zu machen. Als politischer Karikaturist übt er ein, was er in den 1960er Jahren in größerem Stil bei der „Saarbrücker Zeitung“ weiterbetreiben kann. Später widmet Stigulinszky sich auch als Textautor der satirisch-humorvollen Darstellung seiner Umwelt.

Dem Rundfunk sei Dank

Wartburg Saarbrücken. Foto: SR Archiv

Wichtigster Faktor im literarischen Leben an der Saar ist nicht das Buch, sondern das elektronische Medium. Der Saarländische Rundfunk in Saarbrücken verbreitet Literatur, zieht Autoren ins Land (wenn manchmal auch nur für eine Aufnahme im Studio und einmal essen gehen in Frankreich), verschafft den einheimischen Autoren Veröffentlichungs- und Verdienstmöglichkeiten und einigen wenigen gar die Grundlage für ihre Existenz als freiberufliche Autoren oder als schreibende Angestellte der Anstalt.  Das gilt in erster Linie für die Literaturabteilung und das Hörspiel, aber auch für Regionale Kultur, Kinder-, Frauen- und Kirchenfunk und sogar für die Unterhaltung, und es gilt auch fürs Fernsehen. Es dürfte kaum einen saarländischen Autor geben, der beim SR kein Forum fand.

Und das war auch schon so zu Zeiten von Radio Saarbrücken, der Vorgängeranstalt des SR unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Zeit der Besatzung widmet sich François-Régis Bastide, ein junger französischer Offizier mit starkem musikalischem Interesse, der Kulturpolitik und hinterlässt in Saarbrücken u.a. ein Rundfunkorchester und ein selbst komponiertes Pausenzeichen für Radio Saarbrücken. Später entwickelt Bastide sich in Frankreich zu einer einflussreichen Figur des Medienbetriebs und zu einem angesehenen Autor, der seine kurze, aber intensive Saarbrücker Zeit in gleich zwei Romanen verarbeitet.

Damals stößt auch Hans Bernhard Schiff, aus dem französischen Exil nach Saarbrücken gekommener Berliner, zunächst als Übersetzer zu Radio Saarbrücken. In der Ära der saarländischen Fast-Autonomie unter Johannes Hoffmann nutzt Schiff, inzwischen Leiter der Abteilung Kulturelles Wort, seine Position beim Sender, das Fenster zur europäischen Literatur aufzustoßen. Eines Tages fragt Schiff den studentischen Mitarbeiter Heinrich Kalbfuss, ob er bereit wäre, einen Jugend- und Kinderfunk aufzubauen. Auf dessen Einwand, er habe keine Ahnung vom Rundfunk, antwortet Schiff: „Macht nichts, andere hier haben auch keine Ahnung“, und stellt ihn ein. Kalbfuss wird später ein populärer Radiomoderator („Fragen an den Autor“) und Buchautor.

Bald tritt Schiff selber literarisch hervor und wird zu einer der bestimmenden Persönlichkeiten des literarischen Lebens im Nachkriegs-Saarland. (13) Zu diesem Kreis gehört ein Mann mit konträrer Biographie, Karl Christian Müller, ein ehemaliger Nazi, der mit Schiff zusammen die saarländischen Autoren organisiert und naturmythische Gedichte weit ab vom damals geltenden State of the Art schreibt. Und Alfred Petto, der zunächst weiter das konservative, heimatverbundene, eher ländlich orientierte Erzählen pflegt, bevor er sich neuen Themen und Formen öffnet. Beide, Müller und Petto, sind mit eigenen Sendungen beim Saarbrücker Sender fest verankert, Petto erbt nach dessen Tod von Kirschweng die – wohl auch von Gesunden gehörte – Krankensendung.

War Hans Bernhard Schiff der Literaturchef von Radio Saarbrücken, so wirkt nach der Rückgliederung des Saarlandes und dem Anschluss des Senders an die ARD der aus Blieskastel stammende Fred Oberhauser in dieser Position. Er tritt nicht als belletristischer Autor hervor, ist aber ein großer literarischer Anreger und wird zum Pionier der literarischen Topographie (also auch dieser Website), wofür ihm seine Position beim Saarländischen Rundfunk eine optimale Operationsbasis bietet. Nach der Veröffentlichung eines literarischen Deutschlandführers werden Buch und Autor als „Der Oberhauser“ zur Institution.

1967 kommt der in Weimar geborene Arnfrid Astel als Leiter der Literaturabteilung nach Saarbrücken. Als Rundfunkmann sind seine Spezialität intensive, ungeschnittene Gespräche, die er mit Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum führt. Selber ein Meister der literarischen Kurzform des Epigramms und ein begabter Rhetoriker, wird Astel bald zum Mittelpunkt der sich erneuernden Saarbrücker Literaturszene. Durch Schreibseminare an der Uni wird er gar der Lehrmeister einer so genannten Saarbrücker Schule, aus der so unterschiedliche Autoren hervorgehen wie Klaus Behringer, Martin Bettinger, Helge Dawo, Erhard Schmied, Chris Schrauff, Marietta Schröder oder Wolfgang Stauch.

Nach dem Ausscheiden von Oberhauser, der sich schwerpunktmäßig um die regionale Kultur gekümmert hat, wird mit Ralph Schock wieder ein Saarländer zweiter Redakteur in der von Astel geleiteten SR-Literaturabteilung. Schock, der über Gustav Regler promoviert hat, tritt insofern in Oberhausers Spuren, als er ebenfalls literaturtopographischen Interessen folgt, allerdings nicht wie sein Vorgänger in lexikalischer Form, sondern in gründlichen Einzeldarstellungen. Er begibt sich auf die „Spuren“ (so der Titel einer von ihm betreuten Buchreihe) von vergessenen Autoren und rekonstruiert literarische Ereignisse. Eigene literarische Publikationen stellt er während seiner Zeit als Redakteur zurück, um erst gegen Ende seiner SR-Zeit wieder damit hervorzutreten.

Dass Schriftsteller auch von Unterhaltungssendungen im Radio beeinflusst werden können, zeigt der Fall Lutz Rathenow. Er sagt über seine Kindheit in der DDR: „Wahrscheinlich wäre ich ohne die Europawelle Saar später kein Dissident geworden.“ Er war ein leidenschaftlicher Hörer von „Hallo Twen“, weil dort die in der DDR verpönte Beatmusik gespielt wurde. Der Schüler Lutz Rathenow hörte „die Stimme Saarbrückens als die Stimme des Westens“, und es entwickelte sich in ihm früh die Abneigung gegen „ein Land, das mir solche Rundfunksendungen vorenthielt“.

Aus der Radio-Unterhaltung kommt Gerd Dudenhöffer mit seiner Figur Heinz Becker; der Kabarettist Dudenhöffer ist dann auch als Erzähler und Lyriker hervorgetreten.

Auch die Hörspielabteilung unter Werner Klippert und seinen Vorgängern bot vielen saarländischen Autoren Arbeitsmöglichkeiten. Seine Hörspielarbeit war für Ludwig Harig die materielle Grundlage seiner Existenz als freier Schriftsteller; er wurde einer der Schöpfer des so genannten Neuen Hörspiels, bevor er als Buchautor erfolgreich war. Marietta Schröders einziger Buchveröffentlichung, „Nitribitt von Tremmersdorf“, liegt ein Hörspiel zugrunde. Zurzeit machen die Hörspiele der Saarbrücker Autorin Katharina Bihler und ihres Partners Stefan Scheib, die als Duo „Liquid Penguin“ auftreten, bundesweit Furore. Wenig bekannt ist, dass der Schauspieler und spätere Krimiautor Jochen Senf vor seiner Zeit als Saarbrücker „Tatort“-Kommissar Max Palü als Hörspieldramaturg beim Saarländischen Rundfunk angestellt war. (siehe Themenbeitrag HÖRSPIELE)

Zwei Saarbrücker Autorinnen, die bei anderen ARD-Sendern große Erfolge hatten, waren Eva Maria Mudrich mit ihren Science-Fiction-Hörspielen und Ingrid Hessedenz als Miterfinderin der populären Kurzhörspielreihe „Papa, Charly hat gesagt“.

Zu den Hörfunkredakteuren aus anderen Ressorts, die Bücher herausbringen, gehört der langjährige Wissenschaftsredakteur Jürgen Albers („Fragen an den Autor“), der nicht nur als Kabarettist, sondern auch als Verfasser gedruckter Satiren an die Öffentlichkeit tritt. Der ehemalige SR-Jazzredakteur Peter Kleiß ist als Lyriker hervorgetreten.

…und auch dem Fernsehen

Neben dem Hörfunk war das Fernsehen immer wieder Arbeit- und Brötchengeber für Autoren. Da war in den 50er Jahren der umtriebige Heinz Dieckmann, dessen Interview mit dem seinerzeit prominentesten saarländischen Schriftsteller Gustav Regler ein Zeitdokument ist (siehe Video). Ein äußerst anregender Fernsehredakteur war Klaus-Peter Dencker; er vergab Filmaufträge (Reihe „Topographie“), betätigte sich als Herausgeber saarländischer Autoren und war auch selber Schriftstellerkollege. Angestellte des Fernsehens, die literarisch hervorgetreten sind, waren Alf Betz als Leiter der Regionalen Kultur und das Enfant terrible Martin Buchhorn als Leiter des Fernsehspiels; der spätere Verantwortliche für die Saarbrücker „Tatorte“, Christian Bauer, betätigt sich im Krimifach. Drehbücher für den SR-„Tatort“ haben die Saarbrücker Autoren Erhard Schmied und Bernd Nixdorf verfasst; Schmied schreibt jetzt „Radio-Tatorte“.

Auch ein Mitglied des SR-Sinfonieorchesters, der Geiger Hans Bünte, hat sich als Autor für viele Zwecke hervorgetan.

Alfred Gulden, einer der ganz wenigen freiberuflichen Autoren im Saarland, war als Feature-Autor so stark fürs saarländische Fernsehen beschäftigt, dass er sich damit den sozial abgesicherten Status eines so genannten festen freien Mitarbeiters erwarb.

Und die private Filmwirtschaft? Curt Seibert hat in den 20er Jahren zusammen mit seiner Mutter, der Erfolgsschriftstellerin Lisbeth Dill, eine Filmgesellschaft gegründet, um deren Romane auf die Leinwand zu bringen; nur in einem Fall ist das gelungen.

Durchlauferhitzer Saar-Uni

Die zweite Institution, die interessante Menschen nach Saarbrücken zieht und/oder hier bindet, ist die Universität des Saarlandes, unter deren Dach sich auch immer wieder Literaten einfanden. Der Liedermacher Franz Josef Degenhardt kam einst der Uni wegen ins Saarland – und hat auch Texte mit regionalem Bezug hinterlassen. Es kam, um länger hier zu bleiben und literarische Bande zu knüpfen, der österreichische Erzähler Alois Brandstetter, und, als Durchreisender auf seiner wissenschaftlichen Laufbahn, der vor allem als Lyriker bekannt gewordene Dirk von Petersdorff aus Kiel. Als Lehrstuhlinhaber gekommen um zu bleiben sind der sich für die Beziehungen von Literatur und Recht interessierende Strafrechtler Heinz Müller-Dietz, der in späteren Jahren Romane schreibende Physiker Stefan Hüfner und der von Anfang an der Lyrik verschriebene Amerikanist Klaus Martens.

Es müssen nicht immer Professoren sein. Der aus Pommern stammende Gerhard Stebner wirkte als Fachbibliothekar an der Universitätsbibliothek und hat sich in seiner neuen Heimat eingeschrieben. Der Autor und Verleger Erwin Stegentritt arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Linguistik. Ein wichtiger literarischer Anreger war Anfang der 1990er Jahre während seiner Zeit als Leiter des Institut d’Études Françaises der in der Normandie geborene Autor und Übersetzer Alain Lance.

Schade, dass die bekannte Schriftstellerin Juli Zeh zwar in Saarbrücken promoviert, aber in der Stadt keine literarischen Spuren hinterlassen hat – oder in gewissem Sinne doch? Immerhin hielt sie hier Schreibkurse für Juristen..

Der bekannteste Hierbleiber von denen, die eigentlich nur zum Studieren nach Saarbrücken kommen wollten, ist Reinhard Klimmt; mit ihm wurde ein „Büchernarr“ zum Ministerpräsidenten des Saarlandes. Andreas Dury, der aus Bayern stammende Pfälzer, ist ebenfalls hier geblieben, auch wenn er seine Literaturpreise von Rheinland-Pfalz bekommt.

Neben den beruflichen gibt es auch private Gründe, aus denen es Autoren nach Saarbrücken zieht, etwa eines Partners wegen. Das war so in den 40er Jahren bei dem in Köln geborenen Anton Betzner, der dann seinen Roman „Die schwarze Mitgift“ (1956) in Fechingen spielen lässt. Für Alena Wagnerová begann in Saarbrücken ihre deutschsprachige Autorinnenkarriere, wenn auch nicht in saarländischen Verlagen. Im Übrigen fiel der Tschechin nicht nur auf, dass für die Saarländer Frauen grammatikalisch sächlich sind („Es Helga“), sie hat auch die „strukturelle, historisch gegebene Schwäche des saarländischen Bürgertums“ erkannt. Jörg W. Gronius, gebürtiger Berliner, publiziert hier und macht die Lokalität gelegentlich auch zum Thema („Winterberg: Immer fällt mir, wenn ich hinaufblicke / zu den Lichtern durch den entblätterten Wald, / das Sterben ein.“), seit er Saarbrücker ist, er engagiert sich auch beim Schriftstellerverband und bereichert die Szene mit Rezitationen. Claas Huizing, Theologie-Professor in Würzburg, hat nicht nur private Bindungen an die Stadt, er war Gründungs-Chefredakteur und ist heute Herausgeber des Saarbrücker Kulturmagazins „Opus“ und hat fürs Saarländische Staatstheater eine Bühnenfassung seines Romans „In Schrebers Garten“ geschrieben.

Ziemlich lebhaft

In den 60er Jahren ereignet sich ein das Stadtbild prägender Eingriff: Die (dann regelmäßig überschwemmte) Stadtautobahn wird gebaut, dafür wird die historische Stadtmauer wird um 16 Meter zurückversetzt – der Lyriker Rainer G. Schmidt, nicht mehr im Saarland lebend, erinnert sich in einem Gedicht an die „elegante Fälschung“ : „Versetzte sie, die Schloßmauer, / ja, versetzte sie / im Pfandleihhaus der Zukunft / gegen Blechkarossen.“

Mohsen Ramazani-Mogghaddam vor Gasthaus Bingert. Foto: Kerstin Krämer

In den 70er- und 80er-Jahren, unter den Auspizien eines erwachenden Regionalbewusstseins und des auch politisch geförderten kulturellen Aufbruchs in der „Ära Oskar Lafontaine“ (als Saarbrücker Oberbürgermeister, dann als Ministerpräsident) entsteht eine Literatur, die sich zunächst sachlich, dann quasi weltanschaulich mit dem Saarländertum auseinandersetzt. Verbunden ist dies vor allem mit den Namen des Autors Gerhard Bungert und des Autors und Saarlandica-Verlegers Charly Lehnert; aber auch der mit seiner „Saarländischen Lebensfreude“ allzu gern missverstandene Ludwig Harig ist hier zu nennen. Den damaligen Literaturbetrieb hat – entgegen der Mahnung des Buchtitels „Bloß keine Einzelheiten!“ – Rainer Petto recht detailliert aus eigener Erfahrung beschrieben. Einem Treffpunkt der „Szene“, dem Gasthaus Bingert im Nauwieser Viertel, hat Mohsen Ramazani-Mogghaddam ein Buch gewidmet.

Saarbrücken hat auch Verluste an literarischem Potenzial zu beklagen. Nicht jeden, den das Studium hierher verschlagen hat, hält es auf Dauer hier, etwa den aus der Pfalz zum Studium nach Saarbrücken gekommenen Wolfgang Stauch. Der als einziger von den hier lebenden durch Suhrkamp-Veröffentlichungen geadelte Jungautor bricht Anfang der Nullerjahre nach Berlin auf und entdeckt dort für sich das Drehbuchschreiben für „Tatort“ und „Polizeiruf“. Oder der Saarländer Christopher Ecker, der mangels Jobangebot das Land verlassen muss und nun in Kiel seine preisgekrönten Werke schreibt, oft mit Bezügen zum Saarland übrigens. Walter Schmidt, der in Saarbrücken geboren ist und hier studiert hat, wandert für fast zwanzig Jahre ins Rheinland aus, wo er Romane, vor allem aber populärwissenschaftliche Bücher schreibt, bevor er 2015, kurz vor seinem Tod, nach Saarbrücken zurückkehrt.

Eine Zeitlang versucht die Stadt, durch die Einrichtung des Stadtteilautors die Aufmerksamkeit der Schriftsteller aufs Lokale zu lenken. So beackern Klaus Bernarding Malstatt, Hans Bernhard Schiff Burbach, Axel Herzog Dudweiler, Ellen Diesel Kirschheck und Von der Heydt, Erhard Schmied St. Johann, Monika Zander-Philipp St. Arnual, Hans Gerhard das Nauwieser Viertel. Neuerdings ist allerdings nicht mehr Literatur, sondern nur noch Dokumentation gefragt. Bücher als Anleitungen zur Stadterkundung haben, ohne städtischen Auftrag, Autoren wie Jürgen Albers, Marcella Berger oder Dirk Bubel herausgebracht.

In der Kunst des Poetry Slam haben es der Erzähler Hans Gerhard und der Lyriker Mark Heydrich auch überregional zu Ehren gebracht. Und Nelia Dorscheid wird von scheueren Schriftstellerkollegen gern mit dem Vortrag ihrer Texte beauftragt. Das literarische Schreiben aufgegeben und sich aus dem lokalen Literaturbetrieb zurückgezogen hat Helge Dawo, der 1997 immerhin der erste Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreisträger war; er rezensiert jetzt japanische Anime.

Im saarländischen Literaturbetrieb gelten die Frauen immer noch als unterrepräsentiert. In der Tat gibt es keine Schriftstellerinnen, die sich von ihrem Einkommen durchs Schreiben, ihrer Präsenz auf dem Büchermarkt oder der Anerkennung bei Kritikern und Preisrichtern mit Regler, Harig, Kühn oder Gulden vergleichen könnten. Ausnahme sind die Krimiautorinnen, jedenfalls, was die Verkaufszahlen angeht. (→ Themenbeitrag „Saarländische Krimis“)

Wenn auch die Spitzen fehlen, sind die Frauen doch sehr präsent. Neben den zahlreichen bereits Genannten wären als wichtige Lyrikerinnen zu nennen: Ellen Diesel mit ihrer poetischen Auffassung von Stadtteilautoren-Job; Helga Maas und Ulla Vigneron, von der auch ein kritisches Saarbrücken-Gedicht stammt. ZITAT

Schriftsäule von Leo Kornbrust

Ruth Rousselange ist Journalistin und Lyrikerin, hat aber beispielsweise auch ein Buch über das „Burbacher Leben“ herausgegeben. Prominent vertreten im öffentlichen Raum ist die St. Wendelerin Felicitas Frischmuth mit einem Text auf einer Schriftsäule am Saarlandmuseum.

Daneben gibt es die Prosaautorinnen. Marcella Berger schreibt nicht nur Erzählungen, engagiert sich aber auch als Herausgeberin von Pubikaltionen mit Saarbrücken-Bezug. Marion Kemmerzell hat sich auf Erzählungen aus einer Welt der Phantastik spezialisiert, die sich aber auch schon mal von der Saarbrücker Uni aus auftut. Bei Safia Monney findet in Saarbrücken der Start zu einem unterhaltsamen Roadmovie statt.

Trotz mancher Einschränkungen – die Literaturszene in Saarbrücken ist recht lebendig, auf jeden Fall lebendiger als sonst wo im Saarland. Allerdings, die Autoren mischen sich wenig in die öffentlichen Belange ein. Und für die Jüngeren ist die nationale wie die lokale Identität nichts mehr, was sie herausfordert. Der Ehrgeiz zielt stärker als bei den Nachkriegsgenerationen, die sich oft mit Erfolgen „zu Hause“ zufriedengaben, aufs Überregionale – was unter literarischen Gesichtspunkten ja keineswegs zu bedauern ist.

Der seit 1975 vergebene Kunstpreis der Stadt, in dessen Genuss auch Schriftsteller kamen (Arnfrid Astel, Ludwig Harig, Manfred Römbell, Gerd Fuchs) wurde Anfang der 1990er Jahre umgewandelt in ebenfalls spartenübergreifende Förderstipendien. Als nur der Literatur gewidmete Auszeichnung wird seit 1997 wird der von Schiffs Sohn Joachim initiierte Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis verliehen.

Zur in Saarbrücken gesprochenen Spielart des Rheinfränkischen –, genau genommen: zu den Spielarten -– haben Max Mangold und Edith Braun ein eigenes „Saarbrücker Wörterbuch“ vorgelegt.

Zur Literatur aus und über Saarbrücken sind verschiedene Anthologien erschienen, zuletzt ein „Saarbrücker Lesebuch“ mit dem Titel „Kähne, Kohle, Kußverwandtschaft“ (1998), herausgegeben von Klaus Behringer, Marcella Berger und Fred Oberhauser. Erwähnt seien ferner die von Klaus- Michael Mallmann herausgegebenen „Saarbrücker Augenblicke“ (1984) mit Originaltextbeiträgen und Zeichnungen von Hans Dahlem sowie das 1987 in Husum erschienene „Saarbrücken“-Lesebuch. Siehe auch die DVD „Literarische Spaziergänge in Saarbrücken“ (2014), herausgegeben von Landesinstitut für Pädagogik und Medien, nach einem Konzept von Armin Schmitt und mit Stefan Weszkalnys als Kommentator.

HINWEIS: Saarbrücker Stadtteile werden in diesem Ortsbeitrag einzeln nur noch unter dem Gesichtspunkt spezieller literarischer Erwähnungen oder literarischer Erinnerungsorte kurz dargestellt. Eine größere gesonderte Darstellung ist dem Sonderfall Saarbrücken-Dudweiler gewidmet.