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Ottweiler

 

Eine wahrlich geschichtsträchtige Stadt ist „Ottweiler, die Perle an der Blies“ – mit diesem selbstbewussten Slogan warb sie für sich, die langjährige Kreisstadt, und das aus gutem Grund. Die Eingangsbeschreibung in „Ottweiler in Vergangenheit und Gegenwart“, einem 2000 in erweiterter Neuauflage erschienenen Stadtporträt (unter etlichen Büchern zur Stadtgeschichte), bringt es auf den Punkt und hat bis heute Gültigkeit:

Fußgängerzone in der Altstadt Ottweiler

„Eingebettet in eine landschaftlich reizvolle Umgebung, buchstäblich vor den Toren der Industrie, liegt die alte Residenzstadt der Grafen von Ottweiler. Sie hat es verstanden, ihr malerisches Kleinstadtbild über Jahrhunderte hinweg zu bewahren, und bietet als industriearme Wohnstadt dem Ruhe- und Erholungssuchenden einen angenehmen Aufenthalt.“

Ein gravierender Einschnitt in der Stadtgeschichte vollzog sich 1974, als insbesondere der Name des Landkreises im Rahmen der Gebiets- und Verwaltungsreform an die Industriestadt Neunkirchen übertragen wurde. In Ottweiler verblieb aber der Sitz der Kreisverwaltung, und es kamen vier neue Stadtteile hinzu: die ehemals selbständigen Dörfer Mainzweiler, Lautenbach, Steinbach und Fürth im Ostertal.

In der Folge wurde Ottweiler Sitz zweier Einrichtungen von landesweiter Bedeutung: des Saarländischen Schulmuseums und der Landesakademie für musisch-kulturelle Bildung. In einem um 1800 erbauten Wohnhaus in der Goethestraße ist das 1993 eröffnete Schulmuseum auf mehreren Etagen eingerichtet worden. Aus gutem Grund, denn Ottweiler kann eine lange Schultradition vorweisen, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Das Schulmuseum versteht sich ausdrücklich als „Erlebnismuseum“ und bietet mit seinen zahlreichen Exponaten aus mehr als 100 Jahren (Schwerpunkt 1850 – 1950) und passendem „klassischen“ Mobiliar Einblicke in den Schulalltag vergangener Zeiten.

In den 1980er Jahren wurde die Grundlage für ein saarländisches „Zentrum für musisch-kulturelle Arbeit“ in Ottweiler geschaffen, das es vor allem Amateurmusikern und Laien(schau)spielern ermöglichen soll, zusammenzukommen, sich auszutauschen und sich mittels Lehrgängen, Wochenendseminaren und sonstigen Aktivitäten fortzubilden. Das 2002 erweiterte Gebäude der Landesakademie für musisch-kulturelle Bildung bietet 50 Personen Übernachtungsmöglichkeiten.

Gallier und Römer 

Siedlungsspuren, hier im mittleren Bliestal, führen zurück bis in die jüngere Steinzeit, Münzen sowie Bau- und Straßenrelikte verweisen auf Gallier und Römer. Der während der fränkischen Landnahme begründete Weiler wurde wohl nach einem Edlen, der Ado oder Odo geheißen mag, benannt. Die ersturkundliche Erwähnung „ottewiler“ ist sehr viel später datiert: 1393. Da existierte bereits eine rund zweihundert Jahre zuvor durch die Grafen von Saarbrücken errichtete Wasserburg.

Und diese hatte auch eine Schutzfunktion für das nahe gelegene Kloster auf dem Hahnenberg. Denn dessen Existenz im (heutigen) Ortsteil Neumünster, der sogenannten „Vorstadt“, beförderte die Entwicklung Ottweilers maßgeblich. Bischof Adventius von Metz hatte zwecks Stärkung der christlichen Lehre in dieser Region seines Bistums, vermutlich in den 860er Jahren, eine Kirche und ein Chorherrenstift errichten lassen, das 871 durch König Ludwig den Deutschen seine Bestätigung erfuhr. Um den Ort aufzuwerten, ließ Adventius die Gebeine seines Vorgängers, des heiligen Terentius, nach dem Stift, das auch „Münster“ genannt wurde, überführen. Im Jahre 1005 erfolgte eine Neugründung bzw. Umwandlung in ein Benediktinerinnenkloster. Das Frauenstift hieß ab 1180 nunmehr „novum monasterium“: „Neues Münster“.

Das Renaissanceschloss 

Unter der Herrschaft des Grafenhauses Nassau-Saarbrücken erlebte Ottweiler seine Blütezeit, gekrönt von der Verleihung der Stadtrechte im Jahre 1550 durch Kaiser Karl V. Bereits sechs Jahre zuvor hatte im Rahmen einer Erbteilung Graf Johann IV. (1511-1574) die Herrschaft Ottweiler erhalten. Von da an entwickelte sich eine nassauische Nebenlinie. Johann IV. –  seit 1554 auch Graf von Saarbrücken – hatte an dem Dorf Ottweiler Gefallen gefunden, kürte es gar es zur zeitweiligen Residenz.

Unter Graf Albrecht wurde ab 1573 auch in der Herrschaft Ottweiler die Reformation eingeführt, das Kloster Neumünster säkularisiert. In jener Phase erfolgte um 1575 der Abriss bzw. Umbau der Wasserburg in ein Renaissanceschloss (nach den Entwürfen des Baumeisters Christmann Strohmeyer).

Teile der mittelalterlichen Stadtmauer existieren bis heute, auch das Wahrzeichen Ottweilers, der im Volksmund liebevoll „Zibbelkapp“ genannte 48 m hohe Wehrturm. Dieser war vermutlich in den 1420er Jahren errichtet worden, als Teil der Burganlage. Er gilt als „älteste erhaltene Holzkonstruktion des Saarlandes“ und dient inzwischen als Glockenturm der evangelischen Kirche.

In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges litt die Bevölkerung auch in Ottweiler und seinem Umland große Not, viele Gebäude wurden zerstört und beschädigt, auch das Schloss. Ausgerechnet in jener Zeit stieg die Nebenlinie Nassau-Ottweiler auf, in der Folge kam die (umstrittene) Bezeichnung „Grafschaft Ottweiler“ in Gebrauch. Nach einer weiteren Erbteilung hatte 1640 Graf Johann Ludwig (1625-1690) die Residenz in Ottweiler übernommen, übergab diese schließlich 1680 seinem Sohn Friedrich Ludwig (1651-1728), dem nach dem Tod seines Onkels Graf Walrad von Nassau-Usingen (1702 in Ottweiler verstorben und mit einem imposanten Wandgrabmal in der evangelischen Stadtkirche bedacht) eine führende Rolle als Senior im Hause Nassau zuteilgeworden war. Friedrich Ludwig erbte 1723 nach dem Tod von Graf Karl Ludwig von Nassau-Saarbrücken dessen Herrschaft, genehmigte (und initiierte somit) die Gründung von Glashütten, u. a. in Friedrichsthal. An ihn erinnert auch der Name des Warndtdorfes Friedrichweiler (heute Ortsteil von Wadgassen), das Neusiedler 1726 gegründet hatten. Nach seinem Tod am 25. Mai 1728 in Saarbrücken wurde wenige Tage später Friedrich Ludwig in der Ottweiler Stadtkirche bestattet. Dort hielt der Hofprediger und Dichterpfarrer Georg Christian Woytt am 27. Juli 1728 eine ihm zu Ehren verfasste „Leichen-Predigt“.  Mit Friedrich Ludwigs Tod war die Linie Nassau-Ottweiler im Mannesstamm erloschen, der Besitz ging ans das Fürstenhaus Nassau-Usingen über.

 

Unter der Regentschaft von Fürst Wilhelm Heinrich (1718-1768) kam wieder „Bewegung“ in das zeitweise vernachlässigte Residenzstädtchen. 1753 wies er an, das vom endgültigen Verfall bedrohte Schloss abzureißen. In unmittelbarer Nähe ließ er nach den Plänen seines Baumeisters Friedrich Joachim Stengel 1758/59 im Herrengarten ein Garten- und Lustschlösschen in der Art eines „maison de plaisance“ errichten (es erinnert nicht von ungefähr etwas an das untergegangene Schloss Monplaisir auf dem Saarbrücker Halberg). Ursprünglich war der Pavillon von Wasser umgeben und nur über eine Zugbrücke zugänglich. Seit dem Jahr 2000 ist er zentraler Bestandteil eines in barocken Formen nachempfundenen Rosengartens – durchaus passend, denn eine fünfblättrige blaue Rose ziert auch das Ottweiler Wappen.

Das Landratsamt

In der nach Wilhelm Heinrich später benannten Straße steht ein weiterer Stengel-Bau, das sogenannte ehemalige fürstliche Witwenpalais. Der anmutige, dreigeschossige Rotsandsteinbau, 1759/60 entstanden, bildet nach einer Erweiterung im Jahre 1933 den Mittelpavillon. Er beherbergt seit 1889 das Landratsamt, weswegen es auch als Kreishaus bekannt ist. Den Fest- bzw. Sitzungssaal schmücken fünf große Ölgemälde des Düsseldorfer Malers Franz Kiederich mit Bezug zur Stadt- und Landesgeschichte, darunter „Goethe auf der Terrasse des Schlosses zu Neunkirchen“ und der „festliche Empfang des Erbprinzen Ludwig und seiner jungen Gemahlin Wilhelmine von Schwarzburg-Rudolstadt vor dem Witwenpalais“ (1766).

Die Reichsgräfin von Ottweiler 

Fürst Wilhelm Heinrich hatte sich auch um eine Verbesserung der Infrastruktur in Ottweiler und Umgebung mittels Ausbau des Straßennetzes und Förderung der Landwirtschaft bemüht. Eine Herzensangelegenheit dürfte für ihn die Gründung einer Porzellanmanufaktur im Jahre 1763 gewesen sein. Sie sorgte mit dafür, dass der Name „Ottweiler“ in die Welt getragen wurde. Wenn auch Produkte von hoher Qualität nur bis 1794 hergestellt werden konnten, die Porzellan- und Steingutmanufaktur in den Umbrüchen der Französischen Revolution ihr Ende fand und die für Ottweiler stehende Porzellanmarke „N. S.“ (= Nassau-Saarbrücken) für über 100 Jahre in Vergessenheit geriet, so erlebt seit der ersten großen Ausstellung im Jahre 2000 das „weiße Gold“ aus der kleinen Residenzstadt dank seiner großen Seltenheit eine Neuauflage an Aufmerksamkeit, nicht nur unter Sammlern.

Die „Alte Sammlung“ des Saarland Museums in Saarbrücken verfügt nebenbei über den umfangreichsten Bestand von Ottweiler Porzellan (und Steingut).

Das bereits erwähnte Gemälde mit Wilhelm Heinrichs Sohn, dem Erbprinzen Ludwig, und seiner ersten Gemahlin, Wilhelmine von Schwarzburg-Rudolstadt, konnte nach Fred Oberhauser auch konträr – wenngleich falsch – interpretiert werden: „…die alten Ottweiler sehen das nur anders: Hier heirate der Ludwig bereits zum zweiten Mal, und zwar das ‚Gänsegretel‘, das ja die eigentliche ‚Gräfin von Ottweiler‘ gewesen sei.“ In der Tat hatte Fürst Ludwig seine Mätresse Katharina Kest, eine Bauerstochter aus Fechingen, 1787 – sieben Jahre nach dem Tod seiner Gemahlin Wilhelmine – zu seiner rechten Hand geehelicht. Zuvor war sie bereits von ihm als Frau von Ludwigsberg in den Adelsstand erhoben worden. Ihr aristokratischer Aufstieg war unaufhörlich weitergegangen: 1781 zur Freiin von Ottweiler ernannt, von Kaiser Franz Joseph II. 1784 in den erblichen Stand einer Reichsgräfin von Ottweiler erhoben. Ihr Lebensmittelpunkt wurde die kleine Residenzstadt allerdings nicht. Ihre vornehmlichen Aufenthaltsorte blieben Saarbrücken und Dillingen. Die „Krönung“ ihrer Adelskarriere erfolgte schließlich 1789, als ihr am Vorabend der Französischen Revolution König Ludwig XVI. den erblichen Titel einer Herzogin von Dillingen verlieh. Ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte wurde mehrfach literarisch verarbeitet, ihre (eher formale) Beziehung zu Ottweiler dabei stets herausgestellt.

Die „Franzosenzeit“ ging auch an Ottweiler nicht spurlos vorüber. Unter napoleonischer Herrschaft wurde die ehemalige Residenzstadt Sitz des neu geschaffenen Kantons Ottweiler, einer recht großen Gebietseinheit, die bis 1814 Bestand hatte. In besagtem Jahr, am 10. Januar, machte übrigens General Blücher Station in Ottweiler, wo er auf dem Schlosshof zur Bevölkerung sprach. Auch dieses lokalhistorische Ereignis wurde von Franz Kiederich in einem Ölgemälde festgehalten; es hängt im Sitzungssaal des Witwenpalais. Des Weiteren erinnert an Blüchers Stippvisite eine Gedenktafel am sogenannten „Hesse Haus“, dem ehemaligen Wohnhaus des gräflichen Oberamtsmannes mit seiner markanten Renaissance-Fassade aus dem Jahre 1590.

Abstieg

Auch in der Folgezeit, nach den Beschlüssen des Wiener Kongresses, wurde an Ottweiler als Stadt mit zentralen Aufgaben festgehalten, man bestimmte sie 1816 als Sitz des nach ihr benannten neuen Landkreises. Trotz des Anschlusses an die Eisenbahnstrecke der Nahetalbahn im Jahre 1860, die hiermit auch eine Verbindung nach Neunkirchen und Saarbrücken herstellte, geriet das beschauliche Ottweiler nach ökonomischen Gesichtspunkten mehr und mehr ins Hintertreffen. Der Stahlbaron Karl Ferdinand Stumm plädierte denn auch 1866 für eine Verlegung des Kreissitzes von Ottweiler nach Neunkirchen – ohne Erfolg. Die Kleinstadt an der Blies setzte weiterhin auf Handel, Handwerk und Dienstleistung.

Zum bürgerlichen Wohlstand trug auch die jüdische Gemeinde bei. Schon in der Fürstenzeit hatten sich jüdische Familien in Ottweiler angesiedelt. Das lange Zeit gedeihliche Zusammenleben endete jäh nach der Rückgliederung des Saargebietes 1935 mit dem Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Von nun an waren die verbliebenen jüdischen Bürger von Verfolgung, Deportation und Ermordung bedroht. Letztlich wurde die jüdische Gemeinde Ottweilers völlig ausgelöscht. Geblieben ist der jüdische Friedhof; an die jüdischen Einwohner erinnern auch ein Gedenkstein und die von dem Künstler Gunter Demnig geschaffenen Stolpersteine, die in drei Aktionen 2014-2016 verlegt wurden. Der Ottweiler Stadtrat hatte 2013 einstimmig mit einem Beschluss das Projekt Stolpersteine befürwortet. Gleichzeitig wurde Nazi-Repräsentanten (u. a. Adolf Hitler, Hermann Göring) die Ehrenbürgerwürde aberkannt. Inzwischen gibt es zahlreiche Initiativen, in die auch Ottweiler Schulen eingebunden sind, die sich der Geschichte der jüdischen Gemeinde und ihrer Vernichtung widmen.

Lehrerseminar und JVA 

Nach Ende des 2. Weltkrieges und der Etablierung des „Saar-Staates“ erlebte Ottweiler, das weiterhin Kreisstadt blieb, eine gewisse Aufbruchstimmung. In der Seminarstraße wurde 1948 das „Staatliche Evangelische Lehrerseminar“ (eine der Vorläuferanstalten war bereits 1874 gegründet worden) eingerichtet, das bis 1962 existierte. Ludwig Harig legte hier gleich zu Anfang seiner Lehrerausbildung eine Zwischenstation ein.

Alstadt in Ottweiler

Ende der 1960er Jahre wurde nördlich der Stadt, auf dem Ziegelberg, mit dem Bau einer Justizvollzugsanstalt begonnen. Ab März 1970 bezogen die ersten Gefangenen die aus fünf Hafthäusern und weiteren Gebäuden bestehende Anlage. Schon sehr bald wurde die JVA Ottweiler, zumindest in kulturinteressierten Kreisen, auch bundesweit bekannt. Arnfrid Astel, Redakteur beim Saarländischen Rundfunk (SR), war über Ernst S. Steffen, einen ehemaligen Strafgefangenen, den er zu einem Volontariat in die Literaturabteilung geholt hatte, „näher mit dem Komplex Gefängnis in Berührung gekommen.“ Nach Steffens Unfalltod im Dezember 1970 (posthum erschienen dessen Gedichte im Luchterhand Verlag unter dem Titel „Lebenslänglich auf Raten“) und dem sich aufbauenden Kontakt zu Martin Buchhorn, der nach Aufenthalten in den Strafanstalten Bruchsal und Saarbrücken (Lerchesflur) im gleichen Jahr entlassen worden war, reifte in Astel der Gedanke, sich der Gesamtthematik redaktionell zu widmen. Besuche bei Buchhorn „in der Lerchesflur“ waren ihm nicht gestattet worden. Inzwischen hatte Buchhorn, erst als Volontär, dann als freier Mitarbeiter, beim SR anheuern können. Und die Saarbrücker Jugendstrafanstalt, wo er eingesessen hatte, war in den Neubau in Ottweiler ausgegliedert bzw. verlegt worden. Endlich kam es zu einer Lesung vor jugendlichen Gefangenen, und es wurde auch ein Seminar für schreibende Gefangene gestattet. Daraus entwickelte sich ein Arbeitskreis, der sich rund ein Jahr lang jeden Mittwochabend traf und dem sich auch SR-Kollege Jochen Senf angeschlossen hatte. Astel: „Die Anstaltsleitung verfolgte unser Unternehmen mit Skepsis, ja Mißtrauen, wohl immer in der Sorge, daß unsere Solidarität zu den jugendlichen Gefangenen in Komplizenschaft ausarten könnte.“ Astels Aktion(en) sorgte für Irritationen und Unmut auch bei SR-Intendant Franz Mai, der nach heftigen Debatten im Juni 1971 seinem Literaturredakteur fristlos kündigte. Im Oktober des gleichen Jahres erschienen in der angesehenen Literaturzeitschrift „Akzente“ (Heft 5) im Seminar entstandene Beiträge unter dem Titel „Ottweiler Texte: Literatur aus einer Strafanstalt. Dokumentation von Arnfrid Astel“. Es folgte ein langwieriger Arbeitsgerichtsprozess, den Astel in allen drei Instanzen gewann. 1973 konnte er seine Stelle als Literaturredakteur wieder übernehmen.

In Astels SR-Literaturabteilung stieg 1987 der aus Ottweiler stammende Literaturwissenschaftler Ralph Schock ein, der rund zehn Jahre später auch deren Leitung übernahm. Schock hatte zuvor an der 1978 vom Saarbrücker Germanistik-Professor Gerhard Schmidt-Henkel gegründeten „Arbeitsstelle für Gustav-Regler-Forschung“ mitgearbeitet, die sich zur Aufgabe machte, „…das Reglersche Werk nicht zum Opfer eines kulturellen Gedächtnisverlustes werden zu lassen.“ In einem Artikel in der Saarbrücker Zeitung (vom 23. Mai 1998) erläutert Schock später: „Regler als Exilant erschien vielen Deutschen als die Inkarnation eines schlechten Gewissens; er fiel damit einer verschärften Verdrängungsstrategie zum Opfer.“ Mit Schmidt-Henkel übernahm Schock die Herausgabe der auf 15 Bände angelegten Werkausgabe. Namhaften Literaten, die in der Großregion Saar-Lor-Lux Spuren hinterlassen, widmet sich eine von Schock 1995 angestoßene, sehr verdienstvolle Reihe, die sinnigerweise auch ganz schlicht „Spuren“ heißt.

Auf Spurensuche in Ottweiler hatte sich Schock Anfang der 1980er Jahre bezüglich des katholischen Pastors Johann Anton Josef Hansen begeben. Der war in jener Zeit auch vor Ort schon fast vergessen. Schock würdigte ihn in einem Aufsatz („Saarländische Lebensbilder Band II“, Saarbrücken 1984, S. 161-184) und dürfte mit dazu beigetragen haben, dass für den Priester und Publizisten aus der Eifel, der 1830 erst nach Lisdorf, dann sechs Jahre später nach Ottweiler gekommen war, anlässlich des 200. Geburtstags 2001/2002 eine Ausstellung im Stadtmuseum erarbeitet wurde. Mit Leben und Werk Hansens hatte sich intensiv auch Karl Schwingel (1901-1963) befasst, u. a. Schulleiter in Ottweiler, Landeskundler und Schriftleiter der „Saarbrücker Hefte“. 1931 zeichnete er für die Herausgabe von Hansens Briefen aus der Preußischen Nationalversammlung verantwortlich. Weniger bekannt sind Schwingels Gedichte in Mundart „aus der Ottweiler Gegend“, in diversen Anthologien veröffentlicht.

Für tiefgründiges Schmunzeln sorgt in der Regel Walther Henßen, ein protestantischer Pfarrer, 1938 in Ottweiler geboren, mit in die heimische Mundart übertragenen Texten.

Ernsthafterer Natur sind die Texte der 1943 in Ottweiler geborenen Lyrikerin (und Grafikerin) Ellen Diesel. Die aus Losheim stammende Lyrikerin Natalie Zimmermann (1903-1978), die schon für Neunkirchen ein Gedicht geschrieben hatte („Hüttenstadt“), verfasste – ebenfalls um 1964 – ein weiteres mit dem Titel „Ottweiler“.