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Mettlach

 

Alter Turm. Foto: Inge Plettenberg

Mettlach ist der Geburtsort des Heimatschriftstellers Karl Conrath. Die anderen hervorzuhebenden Persönlichkeiten, deren Leben hier begann, gehören überwiegend zur Keramik-Dynastie von Boch-Galhau; ein weiterer geborener Mettlacher wurde Bischof von Trier (Matthias Wehr, 1892–1967). Schon vor der saarländischen Gebiets-und Verwaltungsreform, die sie um acht Ortsteile erweiterte, unter ihnen Saarhölzbach mit dem Vogelsfelsen und Orscholz mit der Cloef und ihrem grandiosen Blick auf die Saarschleife, war die Gemeinde ein Touristenmagnet. Karl Conrath nahm sie auf die Schippe, wie sie ihm anno dazumal begegneten, „die letzten Herbstwanderer mit dem Rasierpinsel am Hut“, oder die „Klubwanderer“, Männer in Lodenjoppe und giftgrünen Breeches und Frauen „in weiten, bis auf die Schnürsenkel oder Knopf-Galoschen fallenden Röcken“ und um den Hals herum „festoniert wie Ehrenbreitstein Anno 70“. Heute kommen sie im zünftigen Outdoor-Outfit, als Busladung oder per Fahrrad, aber immer noch in Scharen, und sie sind für die Gemeinde ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. ZITAT

Die Cloef hoch über dem Fluss, der romantische Flussabschnitt hinter dem Austritt aus der Saarschleife, die Staustufe, die 1951 erste im Saarland gebaute Hängebrücke über die Saar zum Ortsteil Keuchingen, die Ausflugsschiffe, die Jugendstilvilla Schloss Saareck und die Gründerzeit-Villa Schloss Ziegelberg, schließlich der das Ortsbild beherrschende barocke Bau der Alten Abtei, der achteckige Alte Turm und die Keramikfabrik von Villeroy & Boch. Die Kapelle St. Gangolf, wo sich junge Paare gerne trauen lassen, und die Burgruine Montclair. Der Mettlacher Berg, letzte Herausforderung, wenn man mit dem Fahrrad von Besseringen aus die kürzere Strecke nehmen will (und sich das beim heutigen Verkehr noch traut). Unter dem Berg der Mettlacher Tunnel, der es den Reisenden, die per Bahn kommen, schwarz vor Augen werden lässt, bevor sie am Bahnhof Mettlach aus dem Zug steigen.

Erdgeist -Living PlanetSquare im Abteipark. Foto: Inge Plettenberg

Einen zeitgenössischen Blickfang holte das Unternehmen Villeroy & Boch mit dem Kunstobjekt „Erdgeist – Living Planet“ in den Park neben der Alten Abtei. Im Ortsteil Orscholz zieren Glasfenster des von 1947 bis in die 1970er Jahre im Saarland viel beschäftigten ungarischen Architekten, Malers und Glaskünstlers György Lehoczky die katholische Pfarrkirche St. Marien.

Eine so große Vielfalt an natur-, kultur-und technikgeschichtlich Bedeutendem auf so engem Raum – die Gesamtfläche der Großgemeinde liegt bei etwa 78, die Fläche der Kerngemeinde bei etwa neuneinhalb Quadratkilometern –  das ist schon ungewöhnlich.

Der Name Mettlach wird abgeleitet aus dem römisch-keltischen Meteliacum; andere führen ihn zurück auf das lateinische Medius Lacus, deutsch etwa „Mittel-See“.  Einen See gibt es, im Park hinter der Alten Abtei; aber er ist möglicherweise jüngeren Datums. Unstrittig ist, dass der Ursprung des Ortes mit der Gründung einer Abtei durch den fränkischen Herzog Lutwinus oder Liutwin um 676 n. Chr. zusammenhängt. Viele Jahrhunderte bestimmte das Kloster Existenz und Geschicke der überwiegend bäuerlichen Bevölkerung. Und dann kam die Fabrik. Mettlachs Aufstieg zum Industriestandort begann 1801, als Jean-Francois Boch, Keramikfabrikant aus dem lothringischen Audun-le-Tiche (Deutsch-Oth), der seit 1767 in Luxemburg Keramik in Serie produzierte, die Abtei aufkaufte. Die war im Zuge der Französischen Revolution säkularisiert, das Kloster geschlossen worden. Die Boch’sche Geschirrfabrik in dem barocken Gemäuer ging 1809 in Betrieb.

1836 schlossen sich Jean-Francois Boch und sein Konkurrent Nicolas Villeroy in Vaudrevange (Wallerfangen) mit ihren keramischen Werken zum Unternehmen Villeroy & Boch zusammen. Da sie sich gegenseitig nicht kleinkriegen konnten, fusionierten sie. Das war die Geburtsstunde des heute international aufgestellten Konzerns. 1869 kam zur Faiencerie in Mettlach eine Mosaikfabrik hinzu; zehn Jahre später übernahm V&B die von Wilhelm Tell von Fellenberg in Merzig gegründete Steinzeug-und Terrakottafabrik. 1899 begann im neuen Werk Merzig die Serien-Produktion von Sanitärkeramik.

Erster Industriepatriarch in Mettlach wurde der noch im luxemburgischen Septfontaines (Siebenbrunnen) geborene Eugène (später Eugen) Boch (1809–1898). Die geschäftliche Fusion von Villeroy und Boch 1836 besiegelte er 1842 durch eine private – seine Eheschließung mit Octavie de Villeroy aus Wallerfangen. Die Wallerfangener Klosterkapelle ließ Eugen Boch 1879 abbauen, nach Steinen sortiert auf der Saar nach Mettlach verschiffen und dort 1882 als Kapelle St. Joseph über der Bochschen Familiengruft wieder aufbauen.  Anlässlich seiner Goldenen Hochzeit wurde Eugen Boch 1892 in den Adelsstand erhoben; seither führt die Dynastie das „von“ in ihrem Namen. Mit ihrer ausgedehnten Land-und Fortwirtschaft wurde sie obendrein zum größten privaten Eigentümer von Wald und Grund in der Region.

Alte Abtei, Konzernzentrale von V&B. Foto: Inge Plettenberg

Als Arbeitsort für zahlreiche Menschen in den Dörfern ringsum mehrte nicht nur das Familienunternehmen seinen Reichtum, sondern auch die Gemeinde Mettlach ihre Bedeutung. Sie stieg auf zu einem kleinen Verwaltungszentrum mit dem Industriepatriarchen Eugen Boch als Bürgermeister und einer eigenen Bahnstation an der Strecke Saarbrücken-Trier. Eine Zeit war das, in der in einer quasi naturgegebenen Hierarchie alles seinen Platz hatte. Die Obrigkeit und der Patriarch, beide zeitweise in Personalunion (der Patriarch alsbald Gegenstand hagiographischer Schriften), die katholische Kirche mit ihrem viertürmigen, dem Abteigründer Lutwinus geweihten und 1899 bis 1902 neu erbauten Gotteshaus, die  „Alte Garde der Krichinger Urgesellschaft“ (Conrath) aus Bauern und Kaninchenzüchtern, Schiffern und Waldmenschen, Kleingewerbetreibenden, Handwerkern, Arbeitern, Angestellten, Buchhaltern und vielen, vielen „Künstlern“ aus dem Hause V&B, die mit ruhiger Hand auf feines Essgeschirr ebenso wie auf Nachttöpfe (Bottschamper) farbiges Dekor aufmalten. Wer das „Filetmalen“ beherrschte, so Conrath, hatte die Chance, „aus der sozialen Niederung der Klosettgießerei in die lichten Höhen der bildenden Kunst“ aufzusteigen. Die „Zeitwende“ kam für Karl Conrath, wie er 1963 in den „Komödianten in Krichingen“ rückblickend schilderte, nach dem Ersten Weltkrieg: „Von nun an war für Krichingen das gemütliche Zeitalter vorüber. Es folgte die Epoche des unbekannten Managers“. Mettlach, die von Bochs und der Wandel der Zeiten: immer noch Stoff für einen großen Roman. Aber das ist eine andere Geschichte.  ZITAT

Die Saarschleife, vom Baumwipfelpfad aus gesehen. Foto: Inge Plettenberg

Burg Monclair. Foto: Inge Plettenberg