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Merzig-Hilbringen

 

Landschaftsaufnahme

Foto: Inge Plettenberg

Auf der Merzig gegenüber liegenden Saarseite, zu der eine Brücke führt (vor 300 Jahren ging es nur mit der kurfürstlichen Fähre hin-und herüber), liegt der Stadtteil Hilbringen, der Geburtsort von Monica Streit (1948). Hilbringen war das Dorf,  in dem sie aufwuchs und zur Schule ging, und das in ihr den Drang schürte, unbedingt auszubrechen, die Fesseln fremder, ihr vor allem von den Eltern aufgestülpter, Erwartungen abzuschütteln. Aber in Hilbringen gab es auch diese heile Welt,  die leichten, freien Momente, die Schönheit der Landschaft, das Leben mit dem Zyklus der Jahreszeiten. (Streit).

Das Tor zum Särkov, wie der Volksmund den westlichen Teil des Merziger Beckens, den Saargau, nennt, hat heute knapp zweieinhalbtausend Einwohner und Einwohnerinnen.  Ein Ort in teils lieblicher, teils melancholischer Landschaft mit viel Grün und ausgedehnten Streuobstwiesen, am Fuße des Nackberges mit dem Betonkreuz auf der Höhe. Das Naturschutzgebiet Nackberg mit seinen seltenen Pflanzen – für Generationen Merziger Schulkinder ein beliebtes Ziel an Wandertagen. Ministerialrat Alfons Arnold, der Gustav Regler 1960 den saarländischen Kunstpreis überreichte, weil der Kultusminister und gleichzeitige Ministerpräsident Röder aus Merzig nicht wollte, ist in Hilbringen geboren; desgleichen der Maler und Grafiker Albert Kettenhofen (1920 – 2012), der hier auch begraben liegt.

Der Ort hat eine lange Geschichte, soll schon um 950 n.Chr. eine Pfarrei gewesen sein. Die heutige katholische Pfarrkirche St. Peter in den Ketten wurde 1890/91 erbaut; Architekt war Wilhelm Hector (1855 – 1918) aus Roden, heute Stadtteil von Saarlouis. Keine erinnerungsfördernden Spuren gibt es  mehr von den alteingesessenen Familien jüdischen Glaubens, die über Jahrhunderte Teil des dörflichen Lebens waren. Um 1864 bauten sie im Ort eine Synagoge als Filiale der Synagogengemeinde Merzig. Das jüdische Gotteshaus wurde nach 1936 von der Gemeinde übernommen, um darin ein Jugendheim einzurichten. Später wurde der Bau in der heutigen Mittelstraße 20 als Wohnhaus genutzt.

Hilbringer Schlösschen. Foto: Inge Plettenberg

Als ältestes historisches Gebäude bestimmt das Hilbringer Schlösschen das Bild im Ortszentrum. Es erhebt sich auf dem Schlossberg;  so nennt die Gemeinde die kleine, felsige Anhöhe in dem Eck, das von zwei stark befahrenen Straßen begrenzt wird. Das Schlösschen , heute in Privathand und unter Denkmalschutz, hat 1745 Barockbaumeister Christian Kretzschmar, der gleichzeitig die Alte Abtei in Mettlach entwarf, für den lothringischen Amtmann Francois Dietrich de Maurice errichtet. Kretzschmars Ehefrau Anna geb. Bonnevie, Tochter des Merziger Vogtmeyers Lothar Friedrich Bonnevie, hat in erster Ehe anscheinend in Hilbringen gelebt, jedenfalls dort 1735 mit dem ersten Ehemann ein gemeinsames Kind taufen lassen.

Im Gefolge der französischen Revolution wurde Hilbringen in den 1790er Jahren von Revolutionstruppen besetzt und der Gesetzgebung der Revolution unterstellt. 1815 kam der Ort, wie auch Merzig und der Großteil der ganzen Region, zu Preußen. Im Zuge der  saarländischen Gebiets-und Veraltungsreform 1974  musste Hilbringen seine Selbständigkeit aufgeben und wurde, zusammen mit den übrigen Gemeinden des Amtsbezirks der Stadt Merzig zugeschlagen.

Haupterwerbsquelle der Menschen in Hilbringen und den umliegenden Dörfern war jahrhundertelang die Landwirtschaft. Im späteren 19. Jahrhundert erlangten der Obstanbau  und die Viez-Kelterei besondere Bedeutung.

Im Zuge der Industrialisierung setzte Mitte der 1830er Jahre ein wahrer Ziegel-Boom ein. In und um Hilbringen nahmen 14 Ziegeleien die Produktion auf. Die letzte von ihnen stellte in den 1960er Jahren den Betrieb ein.

Im Wohngebiet auf dem Seitert befindet sich Hilbringens bedeutendstes Alleinstellungsmerkmal: das SOS-Kinderdorf, das bisher einzige im Saarland , 1959 eröffnet. Das Konzept des Pädagogen Hermann Gmeiner, Kinder ohne Eltern oder aus problematischen Milieus nicht im Heim, sondern  in einer Art Ersatzfamilie mit einer „Mutter“ behütet aufwachsen zu lassen, war damals etwas ganz Neues. Heute gruppieren sich um das SOS-Kinderdorf eine ganze Reihe zusätzlicher sozialer Hilfsangebote und Dienste.

Ein anderes Aushängeschild der Gemeinde war und ist die staatlich anerkannte Akademie der Christlichen Erwachsenenbildung (CEB). Sie beherbergte zeitweise eine Dokumentationsstätte zu Leben und Werk des Philosophen Peter Wust  und eine Geschäftstelle der Peter-Wust-Gesellschaft. Diese Anlaufstelle ist jedoch inzwischen nach Losheim verlegt worden, wo sie in den Räumen des katholischen Pfarramtes untergekommen ist. Das Andenken von Peter Wust wird nunmehr schwerpunktmäßig im Elternhaus des Philosophen in Losheim-Rissenthal  gepflegt.