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Merzig

Merzig liegt an der unteren Saar; bei gutem Wetter kann man von der Kreuzbergkapelle oben über der Stadt das „Dreisbacher Loch“ sehen, die Felsenenge, durch die die Saar sich in die Saarschleife zwängt. Vor der Gebiets-und Verwaltungsreform 1974 war Merzig ein Städtchen mit etwa 15 000 Einwohnern. Durch die Eingliederung von 16 zuvor selbständigen Dörfern hat es seine Einwohnerzahl fast verdoppelt. Heute sind es knapp unter 30 000 Menschen, die in dieser auf eine Fläche von 108 km erweiterten Stadt leben und arbeiten. Sieben Stadtteile einschließlich der Kernstadt liegen rechts und zehn links der Saar. Drei Brücken über den Fluss verbinden sie. Wirtschaftlich versorgt Merzig mit seinen Geschäften, Dienstleistungs-und Verwaltungseinrichtungen, Verkehrsbetrieben, Schulen, Krankenhäusern, Freizeit- und Kultureinrichtungen etwa 80.000 Menschen.

ein langer, spitz zulaufender Stein mit drei kleinen Steinplatten darauf

Gustav-Regler-Stein am Seffersbach

Der Siedlungsort Merzig ist wesentlich älter als sein Name, eine Besiedlung der Gegend bereits in der Jungsteinzeit (5. bis 3. Jahrtausend v. Chr.) nachgewiesen. Der Ort der Mündung von Ritzerbach und Seffersbach in die Saar war auch für die Römer schon früh, im 1. Jahrhundert n. Chr., ein interessanter Standort. Der Name des Ortes ist erst spät aktenkundig geworden. Eine Karte des Herzogtums Lothringen von 1550 verzeichnet ihn als „Mertzich“. Ab 1617 erscheint „Merzig“. Da es sich schon vom frühen Mittelalter an zu einem Verwaltungs-, Gerichts – und Marktzentrum entwickelte, ging man lange davon aus, dass Merzig im Mittelalter zur Stadt geworden sei. Aber eine entsprechende Urkunde wurde nicht gefunden.

1957 feierte Merzig mit einem historischen Festzug 100 Jahre Stadtrechte. Als beinahe skandalös wurde damals der Motiv-Wagen zum Thema der Hexenverbrennungen empfunden; über die „Hexe“ am Schandpfahl, die ihr langes schwarzes Haar über ein tiefes Dekolleté wallen ließ, tuschelten vor allem die Merzigerinnen noch lange.

Tatsächlich wurde Merzig durch eine Kabinettsorder König Friedrich Wilhelms III. von Preußen am 14. November 1825 dem „Stand der Städte“ zugewiesen, also zur Stadt erhoben, nachdem es zu einem preußischen Verwaltungszentrum aufgestiegen war. So konnte Merzig im Jahre 2000 historisch verbrieft 175 Jahre Stadtrechte feiern. Das Stadtwappen mit dem roten Kreuz des Kurfürstentums Trier und dem Doppelkreuz Lothringens unter einem Stadttor mit drei Türmen, wurde Merzig 1909 genehmigt. Es erinnert an die zeitweise gemeinsame Verwaltung des Gebietes Merzig-Saargau durch die Kurfürst-Bischöfe von Trier und die Herzöge von Lothringen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Portrait des Schriftstellers vor dunklem Hintergund. Er trägt graues volles Haar und einen Schnurrbart

Karl May, Ölgemälde von Selmar Werner ©Karl-May-Verlag, Bamberg

Goethe oder Knigge haben über Merzig nicht geschrieben; sie waren wohl auch nicht dort. Doch Karl May (1842 – 1912) erwähnte es, einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Abenteuerschriftsteller, wer hätte das gedacht. Er machte ja die meisten seiner Reisen mit dem Finger auf der Landkarte, und so liest sich die Passage auch, die in „Die Herren von Greifenklau“ von Reitern erzählt, die an einem Tag im Jahre 1871 im Morgengrauen unterwegs sind. ZITAT

Der Vater von Botho Strauß

Mit mehr als einer Erwähnung des Ortsnamens überraschte Botho Strauß. In seinem Erinnerungsbuch Herkunft (2014) erzählt er, dass sein Vater Eduard Strauß (1890–1971), der Chemiker, Pharmazie-Unternehmer und Autor gesundheitlicher Ratgeber, in Merzig geboren und aufgewachsen ist. Was Botho Strauß nicht erwähnte, trug der Journalist Reinhard Pabst nach, der sich selbst Literaturdetektiv nennt: dass auch Eduards älterer Bruder, also ein Onkel Bothos, ein Merziger war. Max Strauß (1882–1958) lebte und starb in dieser Stadt. Er war Architekt und außerdem literarisch ambitioniert. 1938 erschien sein Hauptwerk, der Kleist-Roman „Ein Stern erlischt“. Botho Strauß erinnert sich an sein Vaterhaus als roten Backsteinbau mit einem dunklen Gartenhang im Hintergrund. Bei näherem Betrachten des Fotos, das er um 1960 aufgenommen hat, stellt sich heraus, dass es aus Sandstein gebaut ist. Es steht an der Saarbrücker Allee in Merzig und wird heute von der Agentur für Arbeit genutzt. Die hat es weiß verputzen und im Jahr 2000 mit einem Anbau versehen lassen. ZITAT

schwarz weiß Portrait des Autors mit Jacket und Krawatte

Foto: © Gustav-Regler-Archiv, Merzig

Den späteren überregional bekannt gewordenen Autoren und Autorinnen aus Merzig ist gemeinsam, dass die Voraussetzung für ihr Schreiben das Weggehen war. Das gilt für den alle überragenden Gustav Regler (1898–1963) ebenso wie für Gertrud Seehaus (geboren 1934), Monica Streit (geboren 1948 in Hilbringen) und die Historikerin Edith Ennen (1907–1999). Geblieben waren hingegen die Autorinnen und Autoren, die die Geschichte Merzigs und seiner Umgebung erforschten und überlieferten; sie waren als Lehrer, Oberstudiendirektoren oder Schulräte tätig, wie Johann Heinrich Kell (1880–1961) und Wilhelm Laubenthal (1912–1992).

Köstliche Mühsal

Maria und Nikolaus Croon in Primsweiler um 1921

Maria Croon (1891–1983) ist nicht gegangen oder geblieben, sondern gekommen, als Ehefrau des Lehrers Nikolaus Croon mit zwei Kindern – das dritte war unterwegs – im Jahre 1933. Das Haus der Familie in der Merchingerstraße steht noch heute. Dort schrieb sie, die als Maria Brittnacher aus dem Saargau-Dorf Meurich bereits eine produktive Schriftstellerin geworden war, neben zahlreichen kurzen Erzählungen, Anekdoten und Erinnerungen ihre beiden Romane „Das Werk einer Magd“ und „Die köstliche Mühsal“. Auch das Schulhaus in der früheren Kaiser- und heutigen Hochwaldstraße, in dem Maria Croon nach dem Wiedereintritt in den Schuldienst 1941 unterrichtete, steht noch.  Auch Gustav Regler drückte hier die Schulbank. Heute beherbergt es die Stadtbibliothek.

Der Merziger Alfred Diwersy hat 1993 den Gollenstein Verlag mitbegründet (anfangs in Blieskastel, ab 2007 in Merzig) und damit regionalen Autoren und Autorinnen die Möglichkeit geboten, ihre Arbeiten zu publizieren, unter ihnen auch Gertrud Seehaus und Monica Streit.  Mit seinem Bild-und Dokumentenband über Gustav Regler trug Alfred Diwersy maßgeblich zur Wiederaufnahme des „verlorenen Sohnes“ Regler in die Merziger Gesellschaft bei.

Der Gollenstein-Verlag ist inzwischen ebenso insolvent wie der lange Zeit einzige Verlag in der Kreisstadt, die Merziger Druckerei und Verlag (MDV). Sie brachte von 1892 bis 1972 die „Merziger Volkszeitung“ heraus und publizierte als erster Verlag im Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg Werke von Gustav Regler.

Spätrenaissancebau in weiß mit roten Fensterrahmen und Steinecken

Stadthaus

In besonderer Weise hat der gebürtige Merziger Gustav Regler seine Stadt literarisch verewigt. Das Stadthaus und spätere Alte Rathaus, vom Kurfürsten und Bischof von Trier Philipp Christoph von Sötern (1567–1652) als Schloss erbaut und nach 1720 von Baumeister Christian Kretzschmar mit der großen Freitreppe ausgestattet, erwähnt Regler schon in den ersten Seiten seiner Autobiographie „Das Ohr des Malchus“ als einen Ort, der ihn mit Angst erfüllte. Ein anderer solcher Ort war der in den Seffersbach mündende Mühlenbach mit seinem Wehr, in dessen Fluten Schulkameraden den kleinen Gustav beinahe ertränkten. Literarisch festgehalten hat Regler auch die romanische Pfarrkirche St. Peter und die einstige Merziger Synagoge Ecke Neustraße/Rehstraße (heute Synagogenstraße).

Die historische Wahrheit

Aufschrift: " Hier stand das im November 1938 beschädigte. und im November 1944 zerstörte ehrenwürdige Gotteshaus der Israelitischen Gemeinde Merzig

Gedenkstein Synagoge, Foto: Inge Plettenberg

An die 1938 zerstörte Synagoge – nur wenige Fußminuten entfernt am Hang des Kreuzberges liegt der jüdische Friedhof –  erinnert heute eine Grünanlage mit Informationstafel und Gedenkstein. 1961 errichtete die Stadt hier auf dem ehemaligen Synagogengelände nicht nur einen Kinderspielplatz, sondern auch diesen Stein. Er tat kund, das ehrwürdige Gotteshaus der israelitischen Gemeinde Merzig sei im November 1938 nur beschädigt und erst im November 1944 durch Bomben zerstört worden (unausgesprochen: na seht mal, es waren die Alliierten!). Erst Jahrzehnte später stellte man sich der Wahrheit. Doch der Gedenkstein wurde nicht etwa ersetzt, sondern – so eine spätere Informationstafel – als Dokument belassen. Dafür wurde auf der Rückseite des Steins eine Korrektur eingemeißelt, um die zu lesen man sich sehr tief bücken muss: Die Synagoge wurde in der Pogromnacht im November 1938 zerstört und die Ruine später abgerissen. Das Haus des Kantors fiel einem Bombenangriff im November 1944 zum Opfer.

Was hätte wohl Gustav Regler dazu gesagt?  J.H. Kells Standardwerk zur Stadtgeschichte schweigt sich über die Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ebenso aus wie generell über die zehnjährige Herrschaft des Nazi-Regimes. Heute ist die Erinnerungskultur, um dieses neumodische Wort zu gebrauchen, in Merzig differenzierter. Auch in dieser Stadt engagieren sich zum Beispiel Bürgerinnen und Bürger für das Gedenken mit Stolpersteinen; 16 mit den Namen vertriebener, deportierter und ermordeter Merziger und Merzigerinnen jüdischen Glaubens sind seit 2012 verlegt worden.

Dies führt uns zu Ludwig Harig und seinen zum Abiturlesestoff erhobenen autobiographischen Roman „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“. Zur Auseinandersetzung mit einer – und seiner eigenen –  Jugend unter dem Hakenkreuz gehört auch die Schilderung eines amerikanischen Bombenangriffes auf den Merziger Bahnhof im Spätherbst 1944. ZITAT

Werner Freunds Freund

Der Autor und Lehrer Edmund Hoff wiederum lässt uns diese Zeit und die unmittelbaren Nachkriegsjahre in Merzig und Rimlingen aus der Sicht eines Neun- bis Fünfzehnjährigen nacherleben. In seinen Kindheitserinnerungen „Als die Ferien nicht enden wollten“ und „Als die Stadt ihre schwarzen Augen verlor“ nennt er Orte, Straßen und Namen, die bei anderen Menschen mit Merziger Kindheit ein Herzklopfen von Verlust und Wiedersehensfreude hervorrufen. Der kleine Edmund lief durch die gleichen Straßen wie vierzig Jahre vor ihm Gustav Regler – und doch durch eine andere Welt.

Viel früher, schon ab 1848, lässt der in Metz geborene Ernst Moritz Mungenast seine Müller-Dynastie Pfeffer ihr Leben in Merzig und vor den Toren der Stadt auf dem gegenüberliegenden Saarufer bei Mechern entfalten („Tanzplatz der Winde“, 1957). Durch die Merziger Straßen der Barockzeit führt literarisch Waltraud Riehm mit ihrem Theaterstück über den Sachsen Christian Kretzschmar (ca. 1700–1768), der in Merzig wohnte und zum bedeutendsten Baumeister der Region aufstieg, unter anderem den Barockbau der Alten Abtei in Mettlach entwarf. ZITAT

Und noch eine andere Merziger Touristenattraktion hat literarische Spuren hinterlassen: Der Wolfspark Werner Freund im Merziger Kammerforst. Walter Wolter hat ihn, bzw. den angrenzenden Waldhang, zusammen mit dem Bundeswehr-Standort Auf der Ell zum Schauplatz seines dritten Bruno-Schmidt-Krimis gemacht – „Zur Hölle mit den Wanderfalken“.  Und er hat die Biographie des Mannes geschrieben, der das Wolfsfreigehege 1977 ins Leben rief, „Wolfsmann“ Werner Freund.

Exkurs: Das Gustav-Regler-Zentrum („Haus am Münchberg“)

ein Weg im Grünen, um den rechts und links Bänke im Halbkreis stehen

Der Park der Andersdenkenden

Das Gustav-Regler-Zentrum („Haus am Münchberg) in der ehemaligen Aussegnungshalle der einstigen „Provinzial-Irrenanstalt“ und späteren „Landesnervenklinik“ auf dem Gelände der heutigen SHG Klinik in der Trierer Straße 158. Die im Sommer 2016 ziemlich verlassen und verwahrlost wirkende Stätte wurde 2004 vom Verein „Gustav-Regler-Zentrum zur Förderung der Kultur und Toleranz“ für kulturelle Zwecke in Betrieb genommen. –

ein Zaun im Gebüsch mit der Aufschrift "to be to be"

Foto: Inge Plettenberg

Der „Park der Andersdenkenden“ unterhalb der Kapelle des Gustav-Regler-Zentrums soll an die in der Merziger „Anstalt“ gestorbenen Patienten und Patientinnen erinnern. Der ehemalige katholische Teil des Anstaltsfriedhofs wurde zum „Park“ mit einem alten Steinkreuz, Überresten von Grabsteinen, Gräbern und einer Reihe Informations-Stelen – alle leer. Über die Gestaltung des ehemaligen evangelischen Friedhofsteiles informiert eine Tafel mit dem Faksimile eines Briefes, den der Künstler Herman de Vries im Juni 1999 an den Initiator des Parks, Prof. Wolfgang Werner, gerichtet hat: „Der untere evangelische Friedhof als – hortus liberatus – der befreite Garten Der Eingang auf der Treppe hinunter, zwischen den Buxus-Hecken wird abgeschlossen mit einem eisernen Zaun mit vergoldeten Spitzen. Im Zaun der Text: to be to be. Der Raum wird wie ein Sanctuarium nicht mehr betreten, betretbar. Er wird nicht versorgt, er kann wachsen wie er will, oder wie es geschieht. (…)“. To be to be heißt auf Deutsch so viel wie „Sein um zu sein“. Das lässt sich auf den der Natur überlassenen Friedhof ebenso beziehen wie auf die psychisch kranken Menschen, die in der „Anstalt“ bis zu ihrem Tode verwahrt wurden. Eine Erinnerung an die von der NS-Psychiatrie ermordeten Patienten und Patientinnen der Merziger „Anstalt“ findet an diesem Ort nicht statt – sie wurden nicht hier bestattet.

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