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Losheim am See-Rissenthal

 

landschaftsbildOb ihm Riesen oder ein „zerrissenenes“ Tal in grauer Vorzeit seinen Namen gaben, ist ungewiss. Als „Reysendaele“ wurde der Ort 1255 erstmals in einer Urkunde erwähnt. Heute ist Rissenthal eine Wohngemeinde mit nur noch wenigen Bauern im Nebenerwerb. Es liegt in einem engen Tal, die bewaldeten Hügel rücken ganz nah an das Dorf heran und lassen es bis heute sehr abgeschlossen erscheinen. Man erreicht Rissenthal von Losheim aus, über Bachem und Rimlingen oder durch das Haustadter Tal aus Richtung Beckingen.

Infotafel über der Haustür des GeburtshausesAls der Philosophieprofessor und berühmteste Sohn der Gemeinde Peter Wust 1884 hier geboren wurde, hatte das Dorf „nur etwa siebzig Häuser und kaum viel mehr als 300 Einwohner“, so er selbst in seiner Autobiographie „Gestalten und Gedanken“. Heute leben gut doppelt so viel Menschen in dem Dorf, und auch sonst ist vieles anders geworden. Auch „die plutokratische Ständegliederung“ der Einwohnerschaft, die Peter Wust in seinen Erinnerungen festhielt: „Kennzeichen der Herrenklasse war das Pferdefuhrwerk.“ Die Herrenklasse stellte den Dorfvorsteher und die Mitglieder des Gemeinderates. Der „zweiten Klasse gehörten die Bauern an, die nur ein Kuhgespann hatten“.

Der untersten Klasse gehörte an, wer vielleicht noch zwei oder drei Äcker besaß, aber weder Ackergerät noch Zugvieh, um die Äcker selbst zu bestellen. Sie mussten für die oberen Klassen arbeiten. Für sie selbst reichte es nur für eine Ziege, allenfalls noch für eine Kuh. Zur untersten Klasse zählten auch die Arbeiter, die die Woche über in den Schlafhäusern der Gruben und Hütten hausten, die Tagelöhner und die Handwerker. Alles in allem herrschten, als Wust hier aufwuchs, „Dürftigkeit und Armseligkeit bis in die reicheren Familien hinein“.

Geburtshaus von Peter Wust

Die soziale Hierarchie, die heute das Leben in Rissenthal bestimmt, ist abgeflachter. Wenn es nach Pferdestärken geht, so würde allein der Zweitwagen den Eigentümer als Mitglied der Herrenklasse ausweisen, denn schon ein Kleinwagen hat mehr Pferdestärken unter der Motorhaube, als Rissenthal jemals Pferde hatte. Nach Traktoren und Landmaschinen gerechnet, hätte sich die „Herrenklasse“ vielleicht noch gehalten, wären ihr nicht die unteren Klassen abhandengekommen. Die Häuser sind auch allesamt größer und komfortabler als das Geburtshaus von Peter Wust, das heute ein Museum ist und von einem Großneffen des Philosophen betreut wird.

Die alte Dorfschule aus Wusts Zeiten und die kleine Filialkirche zur Wahlener Pfarrei existieren nicht mehr. Rissenthal hat inzwischen eine eigene Pfarrkirche, aber einen Kindergarten gibt es nur in Wahlen bzw. Niederlosheim, und auch die Grundschule steht in Wahlen, das heute ebenfalls Ortsteil von Losheim am See ist. Dorthin fahren die Kinder mit dem Auto oder dem Bus. Die Zeiten, als die Rissenthaler jeden Sonntag bei Wind und Wetter in mehreren Fußmärschen täglich über den Berg zur Messe nach Wahlen wandern mussten, sind vorbei. Heute sind sie mit dem Auto in ein paar Minuten dort. Aber seit Stilllegung der Merzig-Büschfelder Eisenbahn und des Bahnhofs in Losheim sind Merzig und Beckingen, jeweils etwa zwei Stunden zu Fuß entfernt, noch immer die nächsten Bahnstationen an der Strecke Saarbrücken-Trier. Die Menschen im katholischen Hochwald waren traditionell nach Trier orientiert.

Schlafzimmer von Peter Wust

Heute ist Rissenthal , Mobilität vorausgesetzt , ein idealer Rückzugsort für gestresste Städter. Neubaugebiete, eine traumhaft schöne Natur ringsum, jede Menge Gelegenheit zum Wandern, auch einen Reitverein und einen Reiterhof gibt es. Eingekauft wird im Supermarkt in Losheim. Nur wer ohne fahrbaren Untersatz ist, hat ein Problem. Keine Schule mehr im Dorf, keine Post und kein Geschäft, wo man sich auf die Schnelle mit allem Nötigen versorgt. Von einem Kino oder einer Disco ganz zu schweigen. Da kann vor allem für junge Leute ohne Auto oder Moped ein Wochenende ganz schön lang werden. Ein Leben in Rissenthal entschleunigt noch heute.

Peter Wust hat nur die ersten 16 von 55 Lebensjahren hier verbracht. Aber hier wurde er zum Philosophen. Heute ist er noch präsent mit einer Professor-Peter-Wust-Straße, mit dem Peter-Wust-Geburtshaus und dem Peter-Wust-Weg. Was den Rissenthaler Nachgeborenen das sagt? Keine Ahnung. Was würden sie denken, wenn er so durchs Dorf eilte, wie der Münsteraner Philosoph, Historiker und Pädagoge Karl-Heinz Bloching ihn beschrieben hat: „ein kleiner Herr mit breitkrempigem Hut, ein dünnes spirriges Männchen, das eher flog als ging“, und auf das die respektlosen Schulbuben in Münster-Mecklenbeck Steine warfen.