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Landkreis St.Wendel

Am 25. März 1835 wurde der Kreis St. Wendel geboren. Da hatte Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld sein “Fürstentum Lichtenberg” (mit der “Residenzstadt” St. Wendel) an Preußen verkauft, das es als “Kreis St. Wendel” dem Regierungsbezirk Trier eingliederte.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam mit der Bildung des Saargebietes, das neben den Industrierevieren auch die Wohngebiete der Industriearbeiter einschloss, ein Drittel der Fläche als “Stammkreis St. Wendel” ans Saargebiet und mit diesem im Januar 1935 “heim ins Reich”. Die Neuorganisation des Saarlandes und des Landes Rheinland-Pfalz 1946 und 1947 brachte dem Kreis dann einen wesentlichen Gebietszuwachs. Wie er sich auch jetzt, von wenigen Grenzberichtigungen abgesehen, noch darstellt.

Die saarländische Gebiets- und Verwaltungsreform hat 1974 neben der Kreisstadt St. Wendel mit ihren 15 Stadtteilen sieben Gemeinden gebildet: Nonnweiler, Nohfelden und Freisen im Norden; Tholey und Marpingen im Süden; inmitten Oberthal und Namborn.

Die Fläche von rund 476 qkm ist zu 41 % Ackerland und zu 59 % Grünland. Mit seinen rund 88.900 Einwohnern ist der Landkreis mit Merzig-Wadern die am dünnsten besiedelte Region des Saarlandes.

Ein Wander- und Sagenland

Das St. Wendeler Land ist im Süden “sanft hügelig” und “bucklig” im Norden. Die Geographen gliedern es in ein Prims-Blies-Hügelland (mit dem Schaumberg als eine weithin sichtbare Landmarke) und ein Prims-Nahe-Bergland (wo über den Primstaler Höhen bereits die Rücken des Hunsrück aufsteigen).

In den 1980 eröffneten Naturpark Saar-Hunsrück einbezogen sind das Prims-Nahe-Bergland, der Schwarzwalder Hochwald mit Vorland und das Schaumbergland.

Was nicht verhindern konnte, dass die A1 die Landschaft von Süd nach Nord durchschneidet und sie im Nonnweiler Dreieck im Verbund mit der A62 erheblich stört. Als “Ferienstraße” verläuft die 84 Kilometer lange Eichenlaubstraße von Perl über Mettlach, Weiskirchen und im Landkreis St. Wendel über Nonnweiler, Nohfelden bis Freisen und das meist entlang des Schwarzwalder Hochwalds und des Pfälzer Berglands.

Das St. Wendeler Land ist ein “Saarland-Wanderland”. Ein Netz von Wanderwegen (zu Fuß und mit Fahrrad) durchzieht den Kreis. Mit seiner Mannigfaltigkeit an Verwerfungen, Kuppen und Steilhängen, Höhlen und bizarren Felsformationen ist es zudem seit langem ein Sagen-Land, mit “Wildfrauhöhlen” und “Teufelskanzeln”, “Wendesteinen” und einem “Königsbett”.

Sanctus Wendalinus

Der Landkreis ist wie üblich nach der Kreisstadt benannt. Und die hatte, als sie noch ein Dorf war, ihren alten Namen Basonvillare spätestens 1180 gegen den des in seiner Kirche begrabenen hochverehrten Eremiten Wendelin eingetauscht. Und dabei blieb es bis heute. Allen Veränderungen standgehalten hat die Wallfahrt nach St. Wendel zum Hl. Wendelin. Seine Geschichte besteht aus Geschichten, die in immer neuen Legendenvariationen die Geschicke von Stadt und Land über Jahrhunderte begleitet und mitbestimmt haben. Die frühen lateinischen Legenden wurden mutmaßlich im Kloster Tholey verfasst und wären somit die ersten literarischen Zeugnisse des Landes.

Geschichte und Geschichten

Mit Minnesängern und Barockdichtern (sieht man von der Wendelin-Legende des Nikolaus Keller von 1700 einmal ab) kann der Kreis St. Wendel nicht aufwarten. Es mag zum Teil am Zeitgeschehen liegen. Die Entwicklung zu landesherrschaftlichen Territorien zersplitterte das St. Wendeler Land in einen fast unüberschaubaren Flickenteppich: Neben einer Vielzahl von reichsunmittelbaren Herrschaften und Grafschaften waren es vor allem und auf lange Zeit die beiden Großterritorien, das Herzogtum Lothringen und das Kurfürstentum Trier, die im St. Wendeler Land ihre Exklaven hatten und ihre Besitzungen und Rechte (über Äbte und Amtmänner) zu behaupten wussten.

Was das für die Bevölkerung bedeutete: In den an Fehden und Kriegen so reichen Zeiten brauchte man die Angriffe nicht abzuwarten: der Feind saß – egal wer gegen wen – in Reichweite.

Erst spät haben saarländische Autoren Denkwürdigkeiten erinnert. “Stoffe der Weltliteratur” sind es nicht. Dennoch lohnt die Spurensuche, sowohl vor Ort als auch in der Nach-Lese. Ob es nun Gerhard Bungerts “Fest im Demokratennest 1832” ist (St. Wendel am Tag des Hambacher Festes), Ludwig Harigs “Ballade vom in St. Wendel geborenen Lenchen Demuth”, oder Johannes Kühns Gedicht – „Keinem Herren/hat er die Sohle geleckt…“auf den streikenden Saarbergmann Nikolaus Warken. Denkmäler gibt es allemal.

In Dichters Land

Dafür sprechen im Landkreis St. Wendel allein schon die vielen, von Karl Lohmeyer gesammelten und veröffentlichten Sagen. Allem voran aber die Autoren und Autorinnen, die hier gelebt und geschrieben haben. Die Heimatbücher des Landkreises St. Wendel (bestehen seit 1948) waren und sind ihr Forum.

Überregional bekannt wurden eher Autoren, die außerhalb des Saarlandes ihrer Berufung nachgingen, wie Gerd Fuchs aus Nonnweiler oder Simon Werle, von Beruf Übersetzer, aus Freisen.

Im Land geblieben und (wenn auch mit Verzögerung) entsprechend gewürdigt sind der Hasborner Johannes Kühn und die in St. Wendel, genauer an der Damra heimisch gewordene Berlinerin Felicitas Frischmuth, kurz “Fee” genannt. Beide sind Lyriker.

Die 2009 verstorbene Felicitas Frischmuth ist “keine bequeme Autorin, bei der man ausruhen kann” (Hanns Grössel, 1977). Ihre Verse sind sperrig, kontradiktisch und assoziativ. Spuren ihrer Wahlheimat hat sie uns in vielen ihrer Texte hinterlassen.

Johannes Kühn erlebte, wie er selbst sagt, “die Natur als Form der Freiheit”. Und so hat er denn jahrzehntelang ein “Wanderdasein” geführt und das Land um den Schaumberg in “Wandergedichte” verwandelt. Er betrachtet das Dichten als Handwerk. Und bekennt: “Ich gebe zu, ich habe ein sehr schönes Leben als Dichter”. Was macht den Dichter aus? Dazu der Verleger Horst Krüger: “Dieses Andere, dieses inspirierte Sprechen kann man nicht lernen, aber wir können es begreifen, wenn wir die Dichter lesen oder ihnen zuhören. Sie machen uns reicher, auch wenn wir uns von diesem Reichtum nichts kaufen können…”

Beide Autoren wirken weit über die Region hinaus. Johannes Kühn allein mit Übersetzungen in sechs Fremdsprachen, Felicitas Frischmuth durch die Einverleibung ihrer Texte in Leo Kornbrusts Steinkörper. “Wörter sind auch Räume”, so Fee.

St. Wendeler Land – ein Heimatland?

Mitten in Europa liegt ein unbekannter Kontinent, die Welt der Dörfer. Sie kommen in der großen Öffentlichkeit nur selten vor, und doch ist jedes einzelne von ihnen ein Universum (Klaus Brill, 2009).

Bis Mitte des19. Jahrhunderts war das St. Wendeler Land ausschließlich Bauernland. Das Anwachsen der Bevölkerung und die fortschreitende Parzellierung der Felder zwangen die Menschen auszuwandern: „Halleluja, halleluja,/Wir wandern nach Amerika…“ Als dann in den angrenzenden Industrierevieren “ein Schacht nach dem andern in die Höhe wuchs”, warb man auch im St. Wendeler Land Arbeiter an. Auf Bergmannspfaden gingen Woche für Woche die Bergmannsbauern zur Grube, am Wochenende heim zu Familie und Feldarbeit. Mit der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse wurden die “Hartfüßler” zu Tagespendlern. Damals schon.

Die Wirtschaftswunderzeit, die Technisierung der Landwirtschaft, die Stillegung der Gruben und Hütten, die Globalisierung haben die Struktur der Dörfer grundlegend verändert. Und das sowohl in der Anlage und Bebauung der Orte als auch bei den Erwerbsquellen seiner Bewohner. Aus dem Mit- und Gegeneinander der Menschen ist ein Nebeneinander geworden. Maßnahmen zugunsten des Dorfbildes und der menschlichen Beziehungen sind allenthalben und mit Erfolg im Gange.

Die Frage ist: gebührt dem Dorf die Bezeichnung “Dorf” noch? Trifft “Ortsteil” die jetzige Situation nicht richtiger als der alte Name “Dorf”? Mit dem wir ja eine bestimmte Vorstellung verbinden (wie etwa die sprichwörtliche “Die Kirche im Dorf lassen”).

Biographische Texte lassen erkennen, dass das Dorf, im Rückblick Geborgenheit und “Geheischnis” versprechend, in seinem radikalen Wandel den Verlust von Heimat bedeuten kann. Dazu (zu guter Letzt) zwei Zitate:

Maria Becker-Meisberger (1925-1999): „onn ess dad Dòrf iwwerhaubd noch e Dòrf?/Eisch jeerefalls,/eisch been gans freiem wòòr dehääm.“ (Übersetzt von Edith Braun: “Und ist das Dorf überhaupt noch ein Dorf?/Ich jedenfalls,/ich bin ganz fremd geworden daheim.” (De Himmel off Besuuch, aus den 70er Jahren).

Gerd Fuchs (1932-2016): „Mein Tal, … überglänzt von Schönheit und Glück. Die Menschen freundlich und ohne Arg; Tal, Bach, Mühle und Weiher der Inbegriff von Heimat, ein Ort, zu dem zurückzukehren man sich lebenslang sehnt…“ (Heimwege, 2010).